Was wol­len die Bri­ten? Mor­gen fällt die Ent­schei­dung

Das Par­la­ment stimmt über den Aus­tritts­ver­trag aus der EU ab.

Salzburger Nachrichten - - VORDERSEITE - Da­ve Le­wis, Tes­co-Chef Quel­le: the­con­ver­sa­ti­on.com/ Ha­na Troll­man; Bild: SN/Pixabay Christian Kes­berg, Wirt­schafts­de­le­gier­ter

Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May ver­such­te es am Sonn­tag noch ein­mal: Eindringlich warn­te sie vor der Ab­leh­nung des Schei­dungs­ver­trags, den ih­re Re­gie­rung mit der EU aus­ver­han­delt hat. „Das zu tun wä­re ein ka­ta­stro­pha­ler und nicht zu ent­schul­di­gen­der Bruch des Ver­trau­ens in un­se­re De­mo­kra­tie“, schrieb sie in ei­nem Bei­trag im „Sun­day Ex­press“. Ob der Ap­pell die zu­tiefst skep­ti­sche Mehr­heit der 650 Ab­ge­ord­ne­ten im letz­ten Mo­ment um­stimmt, ist zwei­fel­haft. Mor­gen, Di­ens­tag, stim­men sie über den Ver­trag ab, der ei­nen chao­ti­schen, weil un­ge­re­gel­ten Br­ex­it am 29. März ver­hin­dern soll. Den will das Par­la­ment al­ler­dings eben­so we­nig wie den May-De­al. Wie die Ab­ge­ord­ne­ten das Di­lem­ma lö­sen wol­len, bleibt un­klar. An­geb­lich will May noch „Zu­si­che­run­gen“be­züg­lich der iri­schen Grenz­lö­sung ge­ben.

Mitt­ler­wei­le gilt so­gar ei­ne Ver­schie­bung des Br­ex­it-Da­tums als mög­lich. Laut „Sun­day Ti­mes“ar­bei­tet ei­ne Grup­pe von Ab­ge­ord­ne­ten quer durch die Par­tei­en an der Mög­lich­keit, ei­ge­ne Plä­ne über die Vor­schlä­ge der Re­gie­rung zu stel­len. Das kä­me ei­ner Ent­mün­di­gung der Re­gie­rung von The­re­sa May na­he.

In­des­sen wer­den die War­nun­gen vor den Fol­gen ei­nes Cha­os-Br­ex­it im­mer lau­ter. Ver­tre­ter der Wirt­schaft fürch­ten Ver­sor­gungs­eng­päs­se. So­gar Zu­ta­ten des ty­pisch eng­li­schen Früh­stücks wä­ren ge­fähr­det, au­ßer die Bri­ten be­schrän­ken sich auf Eier und To­ast.

Ein har­ter Br­ex­it hät­te aber auch Aus­wir­kun­gen auf das rest­li­che Eu­ro­pa und Ös­ter­reich.

BRÜS­SEL. Ha­na Troll­man ist ei­ne jun­ge Wis­sen­schaf­te­rin der Lough­bo­rough-Uni­ver­si­tät mit Sinn fürs Prak­ti­sche. Sie hat un­ter­sucht, wie sich der Br­ex­it auf ein ty­pi­sches eng­li­sches Früh­stück mit Speck und Würst­chen, To­ast und ge­ba­cke­nen Boh­nen, To­ma­ten und Pil­zen aus­wir­ken wür­de.

Ihr Fa­zit: „Wenn du zum Früh­stück mit Ei­ern und To­ast aus­kommst, wirst du den Br­ex­it viel­leicht nicht ein­mal mer­ken. Wenn du aber das vol­le Früh­stück ha­ben willst, wird der Br­ex­it nicht dei­ne Sa­che sein.“Denn vie­le der Zu­ta­ten stam­men vom Kon­ti­nent – und könn­ten teu­er oder knapp wer­den.

Troll­man hat Fu­ro­re ge­macht mit ih­rer Un­ter­su­chung für die On­line­platt­form „The Con­ver­sa­ti­on“, auf der Wis­sen­schaf­ter für Lai­en ver­ständ­li­che Ar­ti­kel pu­bli­zie­ren. Sie hat ge­zeigt, dass der Br­ex­it den All­tag be­rüh­ren wird. Denn die wirt­schaft­li­chen Ver­flech­tun­gen zwi­schen der In­sel und dem Kon­ti­nent sind ex­trem dicht.

Schon ein ge­ord­ne­ter EU-Aus­tritt des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs ist nach 46 Jah­ren EU-Mit­glied­schaft schwie­rig ge­nug. Jetzt droht gar ein Cha­os-Br­ex­it oh­ne Ver­trag, soll­te Pre­mier­mi­nis­te­rin The­re­sa May bei der Ab­stim­mung mor­gen, Di­ens­tag, im bri­ti­schen Par­la­ment schei­tern.

Die größ­te Su­per­markt­ket­te des Lan­des, Tes­co, warn­te be­reits vor Eng­päs­sen bei fri­schen Nah­rungs­mit­teln. Man ha­be zwar die Vor­rä­te an Le­bens­mit­teln in Fla­schen, Do­sen und Pa­ke­ten auf­ge­stockt. Bei Fleisch, Obst oder Ge­mü­se kön­ne man aber kei­ne Vor­rä­te an­le­gen, sag­te Tes­co-Chef Da­ve Le­wis – und das sei „der Knack­punkt, falls es ei­nen No-De­al-Br­ex­it gibt“.

Ei­nen Tag zu­vor hat­te be­reits die Num­mer zwei der bri­ti­schen Su­per­markt­ket­ten, Sains­bu­ry’s, ei­ne ähn­li­che War­nung ver­öf­fent­licht. Sains­bu­ry’s im­por­tiert et­wa 30 Pro­zent sei­ner in Groß­bri­tan­ni­en ver­kauf­ten Le­bens­mit­tel aus Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pa.

Auch der größ­te bri­ti­sche In­dus­trie­ver­band CBI hat am Frei­tag er­neut eindringlich vor den wirt­schaft­li­chen Fol­gen ei­nes Cha­os­Br­ex­it ge­warnt. Tau­sen­de Jobs sei­en in Ge­fahr, die Wirt­schafts­leis­tung könn­te um bis zu acht Pro­zent sin­ken, warn­te CBI-Ge­ne­ral­di­rek­to­rin Car­o­lyn Fair­bairn.

Die Eu­ro­päi­sche Uni­on mit ih­rem Bin­nen­markt ist der größ­te Han­dels­part­ner des Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reichs. Wa­ren und Di­enst­leis­tun­gen im Wert von rund 300 Mil­li­ar­den Eu­ro oder 44 Pro­zent al­ler bri­ti­schen Ex­por­te ge­hen in die 27 ver­blei­ben­den EU-Staa­ten – ver­gli­chen mit 20 Pro­zent in die USA.

Um­ge­kehrt im­por­tie­ren die Bri­ten Wa­ren im Wert von 380 Mil­li­ar­den Eu­ro (53 Pro­zent) aus der EU. Die bri­ti­sche Ex­port­wirt­schaft wür­de laut Kre­dit­ver­si­che­rer Eu­ler Her­mes im ers­ten Jahr nach dem Br­ex­it Aus­fuh­ren im Wert von 33 Mil­li­ar­den Eu­ro ver­lie­ren.

Aber auch die Kon­ti­nen­tal­eu­ro­pä­er wür­den ge­trof­fen – nicht zu­letzt Deutsch­land. Das größ­te De­fi­zit in der bri­ti­schen Han­dels­sta­tis­tik gibt es mit 23 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­gen­über Deutsch­land. Den größ­ten Über­schuss schreibt Lon­don mit 13 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­gen­über der Re­pu­blik Ir­land, die vor al­lem Sprit von den Nach­barn im­por­tiert.

Auf dem Pa­pier weist Groß­bri­tan­ni­en ein Han­dels­bi­lanz­de­fi­zit von 74 Mil­li­ar­den Eu­ro ge­gen­über der EU aus. Doch die Zahl trügt, sa­gen Ex­per­ten, denn sie ent­hält den schwer er­re­chen­ba­ren „Rot­ter­damEf­fekt“. In der nie­der­län­di­schen Stadt liegt Eu­ro­pas größ­ter Ha­fen. Wa­ren, die dort aus- und um­ge­la­den wer­den, gel­ten als Im­port in die Nie­der­lan­de und blä­hen die Sta­tis­tik auf. In Zu­kunft wür­den für die Bri­ten be­stimm­te Con­tai­ner ein­fach wei­ter­ge­lei­tet wer­den.

Stark ist Groß­bri­tan­ni­en im Di­enst­leis­tungs­sek­tor. Er macht mit 2,2 Mil­lio­nen Be­schäf­tig­ten 80 Pro­zent der bri­ti­schen Wirt­schaft aus. Fast ein Vier­tel der Ex­por­te im Ser­vice­sek­tor ent­fällt auf Fi­nanz­dienst­leis­tun­gen.

Lon­dons „Ci­ty“ist der wich­tigs­te Fi­nanz­platz in der EU. Be­stimm­te grenz­über­schrei­ten­de De­ri­vat­ge­schäf­te wer­den dort ab­ge­wi­ckelt – und nur dort. Bei ei­nem Aus­tritt oh­ne Ab­kom­men wä­re das nicht mehr mög­lich, au­ßer die EU be­schließt ei­ne Über­gangs­frist. Es geht um gro­ße Sum­men, die dann qua­si in der Luft hän­gen wür­den. Al­lein in Deutsch­land gibt es Kon­trak­te über rund 300 Mil­li­ar­den Eu­ro, die über das Aus­tritts­da­tum von 29. März 2019 hin­aus lau­fen. Ein Teil der Ge­schäf­te ist be­reits nach Frank­furt über­sie­delt, al­ler­dings müs­sen die Ka­pa­zi­tä­ten dort erst auf­ge­baut wer­den – eben­so wie et­wa in Pa­ris.

Für ös­ter­rei­chi­sche Un­ter­neh­men ist der Br­ex­it nicht er­freu­lich, weil sich die Nach­fra­ge wohl ab­schwä­chen wird, aber nicht dra­ma­tisch. Christian Kes­berg, Ös­ter­reichs Wirt­schafts­de­le­gier­ter in Lon­don, sieht drei Grup­pen, die un­ter­schied­lich be­trof­fen wä­ren: Da sind ein­mal Gro­ße wie der Zie­gel­kon­zern Wie­ner­ber­ger, der Span­plat­ten­her­stel­ler Eg­ger oder der Ver­pa­ckungs­spe­zia­list Al­p­la. Sie er­wirt­schaf­ten mit ih­ren Nie­der­las­sun­gen im Kö­nig­reich rund 25 Mil­li­ar­den Eu­ro. Für sie wird sich nicht viel än­dern – eben­so we­nig wie für die zwei­te Grup­pe. Die Pro­duk­te von Ni­schen­play­ern wie dem Feu­er­fest-Rie­sen RHI oder dem Alu­mi­ni­um­her­stel­ler AMAG las­sen sich nicht so leicht er­set­zen.

Stär­ker tref­fen wird ein Aus­tritt die um­satz­mä­ßig klei­ne drit­te Grup­pe: die rund 200 Ex­por­teu­re von Kon­sum­gü­tern mit vier Mil­li­ar­den Eu­ro Um­satz, die jetzt schon die sin­ken­de Kauf­kraft der Bri­ten durch die Pf­und­ab­wer­tung spü­ren.

Zu­rück nach Groß­bri­tan­ni­en: Lon­don tritt auch aus der Eu­ro­päi­schen Atom­ge­mein­schaft (Eu­ra­tom) aus. Über die­se Or­ga­ni­sa­ti­on läuft die Ver­sor­gung mit spalt­ba­rem Ma­te­ri­al – sei es für Atom­re­ak­to­ren oder für me­di­zi­ni­sche Ge­rä­te. Auch hier dro­hen Ver­sor­gungs­eng­päs­se.

An­ge­sichts des Cha­os ist die Un­si­cher­heit groß. „Bis zur Ab­stim­mung wis­sen wir nichts“, meint Wirt­schafts­de­le­gier­ter Kes­berg. Und er setzt mit Ver­weis auf Über­le­gun­gen, das Aus­tritts­da­tum zu ver­schie­ben, hin­zu: „Und nach­her wis­sen wir wahr­schein­lich auch nicht mehr.“

„Für Frisch­wa­ren kön­nen wir kei­ne Vor­rä­te an­le­gen.“ „Bis zur Ab­stim­mung wis­sen wir nichts.“

Newspapers in German

Newspapers from Austria

© PressReader. All rights reserved.