Die Schön­heit des Au­gen­blicks

Joa­chim Ber­gau­er setzt sich seit Jahr­zehn­ten für ar­me und ent­rech­te­te Men­schen ein. Vo­ri­ge Wo­che wur­de ihm für sei­ne Ar­beit der To­kyo In­ter­na­tio­nal Foto Award ver­lie­hen.

Salzburger Nachrichten - - ÖSTERREICH - Der Bild­band „Le­ben im Le­pra­dorf“ist um 29 Eu­ro im Foy­er der SN er­hält­lich (Ka­ro­lin­ger­stra­ße 42 in Salzburg).

TO­KIO. Wie ein „neu­gie­ri­ger Af­fe“sei er sich vor­ge­kom­men, er­in­nert sich Joa­chim Ber­gau­er. Sein Va­ter hat­te den sonst so sorg­fäl­tig ge­hü­te­ten Fo­to­ap­pa­rat auf dem Tisch ver­ges­sen. Und der da­mals zwölf­jäh­ri­ge Ber­gau­er war al­lein zu Hau­se. Er wuss­te um den Wert die­ses Ap­pa­rats. Und er ha­be auch ge­wusst, dass je­des Foto kost­bar sei. Die Fil­me wa­ren teu­er, die Ent­wick­lungs­kos­ten so­wie­so.

Man kann sich gut vor­stel­len, dass Ber­gau­ers Griff zum Fo­to­ap­pa­rat in Zeit­lu­pe er­folg­te. Dann leg­te er flott los. Als der Chef im Fo­to­f­ach­ge­schäft Wo­chen spä­ter frag­te, wem die­se Bil­der ge­lan­gen, war sein Va­ter per­plex und stolz zugleich: „Das muss wohl un­ser Sohn ge­we­sen sein.“Zur Mo­ti­va­ti­on des klei­nen Ber­gau­er be­kam der Va­ter vom Pro­fi drei Film­rol­len mit nach Hau­se. Von da an durf­te Ber­gau­er den Fo­to­ap­pa­rat je­der­zeit be­nut­zen. „In der Hoff­nung, dass so et­was wie­der pas­siert“, er­in­nert er sich.

Seit­dem ist viel pas­siert. Ber­gau­er be­gann nach der Schu­le als Pres­se­fo­to­graf. Vor al­lem für die „Salz­bur­ger Nach­rich­ten“. Auf­trä­ge von der „New York Ti­mes“und vom „Spie­gel“folg­ten. Schließ­lich grün­de­te er ei­ne Agen­tur für Wer­be- und Kunst­fo­to­gra­fie. Seit­dem räum­te Ber­gau­er ei­nen Preis nach dem an­de­ren ab. Ak­tu­ell gilt er als meist­de­ko­rier­ter Fo­to­graf Ös­ter­reichs. Erst recht, seit vo­ri­ge Wo­che be­kannt wur­de, dass er den TIFA 2018 ge­won­nen hat. Das ist der To­kyo In­ter­na­tio­nal Foto Award, der jähr­lich welt­weit aus­ge­schrie­ben wird.

Die 22-köp­fi­ge Fach­ju­ry des Awards strotzt vor in­ter­na­tio­na­ler Pro­mi­nenz. Die Mit­glie­der kom­men aus den Be­rei­chen Kunst, Kunst­wis­sen­schaft, Fo­to­gra­fie und Me­di­en. Dar­un­ter sind et­wa Su­san Ba­raz, die Chef-Ju­ro­rin der In­ter­na­tio­nal Photography Awards (IPA), Ken­ro Izu oder Je­sper Thom­sen.

Ber­gau­er wur­de gleich drei Mal aus­ge­zeich­net. In der Ka­te­go­rie „Peop­le Cul­tu­re“er­hielt er Sil­ber für sei­ne Fo­to­re­por­ta­ge über die Salz­ar­bei­ter im in­di­schen Gu­ja­rat. „Die Salz­ar­bei­ter dort wer­den Aga­riya ge­nannt. Sie gel­ten als Un­be­rühr­ba­re“, sagt Ber­gau­er. Für ihn sind sie „ver­ges­se­ne Hel­den“. Mehr als 100.000 von ih­nen ar­bei­ten un­ter ex­trems­ten Be­din­gun­gen. Die bet­tel­ar­men Men­schen tra­gen ei­nen Lö­wen­teil zur in­di­schen Jah­res­pro­duk­ti­on von 16 Mil­lio­nen Ton­nen des „wei­ßen Gol­des“bei.

Mit Re­por­ta­gen wie die­ser er­in­nert er an Iko­nen der Fo­to­gra­fie wie Se­bas­tião Sal­ga­do. Die­ser setz­te et­wa den Mi­nen­ar­bei­tern in Chi­le oder den Gold­grä­bern in Bra­si­li­en fo­to­gra­fi­sche Denk­mä­ler. Ber­gau­er do­ku­men­tiert das Le­ben in­di­scher Salz- und Kin­der­ar­bei­ter so­wie se­ne­ga­le­si­scher Le­pra­kran­ker, für die er üb­ri­gens den TIFA in Gold er­hielt. Seit zehn Jah­ren do­ku­men­tiert er das Zu­sam­men­le­ben von ge­sun­den und le­pra­kran­ken Men­schen in dem Le­pra­dorf M’Bal­ling. Den Preis er­hielt er in der Ka­te­go­rie „Buch“, für sei­nen Bild­band „Le­ben im Le­pra­dorf“. Das Werk er­schien in Ko­ope­ra­ti­on mit den SN im Art­book Ver­lag. Die Ju­ry war von der In­ti­mi­tät und Kunst­fer­tig­keit sei­ner Ar­beit an­ge­tan. „Das ge­lang nur, weil ich mir Zeit ge­las­sen ha­be“, er­klärt Ber­gau­er. So sei in den ers­ten bei­den Jah­ren in M’Bal­ling kein ein­zi­ges brauch­ba­res Foto ent­stan­den. Ber­gau­er geht im­mer gleich vor: Zu­nächst be­ob­ach­tet er sein Um­feld oh­ne Ka­me­ra. Er geht un­ter die Leu­te. In M’Bal­ling spiel­te er auch oft Fuß­ball mit den Jun­gen. Sein größ­ter Tri­umph sei es da­mals ge­we­sen, dass er ei­nes Ta­ges nicht mehr Tou­bab („Wei­ßer“), son­dern Joa­chim ge­ru­fen wur­de.

Am 7. Fe­bru­ar fliegt Ber­gau­er er­neut nach In­di­en, wo er im Auf­trag des „Spie­gel“das größ­te hin­du­is­ti­sche Fest der Welt, das Kumbh Me­la, do­ku­men­tie­ren soll. Am 20. Fe­bru­ar holt er sich dann sei­ne drei Prei­se in To­kio ab. Denn er ge­wann auch noch die Ge­samt­wer­tung „Pho­to­gra­pher of the Ye­ar 2018“. Als sol­cher darf er in To­kio auch die Aus­stel­lung sei­ner Bil­der er­öff­nen.

Men­schen hin­ter Schlag­zei­len

SN-In­fo:

BIL­DER: SN/JOA­CHIM BER­GAU­ER

Joa­chim Ber­gau­er im Fo­to­ein­satz. Oben: ei­ne Be­woh­ne­rin des Le­pra­dorfs M’Bal­ling. Un­ten: ein in­di­scher Salz­ar­bei­ter in Gu­ja­rat.

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