Kös­tin­ger for­dert ra­di­ka­le Wen­de in der EU-Agrar­po­li­tik

Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin Eli­sa­beth Kös­tin­ger will die gro­ßen Län­der in der EU über­zeu­gen, in der Agrar­po­li­tik ei­nen Weg ein­zu­schla­gen, der mit dem Kli­ma­schutz ver­träg­lich ist.

Salzburger Nachrichten - - VORDERSEIT­E -

Die al­te und neue Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin geht mit ei­ner kla­ren An­sa­ge in die Ge­sprä­che über die künf­ti­ge Agrar­po­li­tik der EU. Die ge­he nach wie vor an den Zie­len des Um­welt- und Kli­ma­schut­zes vor­bei, da­her wün­sche man sich ei­ne neue Aus­rich­tung. „Wir wol­len Qua­li­tät statt Quan­ti­tät ge­för­dert wis­sen“, sagt die Mi­nis­te­rin im SN-Interview.

Es müs­se ei­nen stär­ke­ren Fo­kus auf bäu­er­li­che Fa­mi­li­en­be­trie­be ge­ben. „Im­mer mehr, im­mer grö­ßer und im­mer bil­li­ger“kön­ne nicht das Pro­duk­ti­ons­kon­zept der Zu­kunft für die Land­wirt­schaft in der EU sein. Dass Ös­ter­reichs Mög­lich­kei­ten, ei­nen sol­chen Schwenk zu er­rei­chen, be­grenzt sind, ist Kös­tin­ger klar. Es müs­se ge­lin­gen, die gro­ßen Agrar­län­der zu über­zeu­gen. Da­bei setzt sie auf die Un­ter­stüt­zung der Bau­ern, de­ren Pro­tes­te in Deutsch­land müss­ten ei­gent­lich zu ei­nem Um­den­ken in der Po­li­tik füh­ren.

Dar­über hin­aus müs­se es auch ge­lin­gen, die Kon­su­men­ten ins Boot zu ho­len. Man kön­ne nicht im­mer nur hö­he­re Stan­dards for­dern und von den Bau­ern ver­lan­gen, dass sie bio­lo­gisch, re­gio­nal und gen­tech­nik­frei pro­du­zier­ten, und dann doch zur bil­ligs­ten Wa­re im Re­gal grei­fen.

Für Ös­ter­reich setzt sich Kös­tin­ger zum Ziel, den länd­li­chen Raum zu stär­ken. Da­bei sei der Aus­bau des Breit­band­in­ter­nets ein wich­ti­ger He­bel, aber auch die De­zen­tra­li­sie­rung der Ver­wal­tung durch Ver­la­ge­rung von Bun­des­be­hör­den.

Eli­sa­beth Kös­tin­ger kehrt in ein ihr be­kann­tes und doch ver­än­der­tes Res­sort zu­rück. Dort will sie Re­gio­nal­po­li­tik, Land­wirt­schaft und den Aus­bau des schnel­len In­ter­nets ver­bin­den und ein wei­te­res Aus­dün­nen von Post­diens­ten ver­hin­dern.

SN: Sie sind als Mi­nis­te­rin für den Breit­band­aus­bau zu­stän­dig. Ös­ter­reich hinkt bei Glas­fa­ser­an­schlüs­sen nach. Was wol­len Sie kon­kret tun?

Eli­sa­beth Kös­tin­ger: Wir ha­ben die Chan­ce die­ser neu­en Re­gie­rung ge­nutzt, um die­ses Mi­nis­te­ri­um in den Di­enst der Re­gio­nen und des länd­li­chen Raums zu stel­len. Breit­band­net­ze sind die Gü­ter­we­ge des 21. Jahr­hun­derts. Um auf dem Land in Zu­kunft Wirt­schaft er­mög­li­chen zu kön­nen, braucht es gu­te In­fra­struk­tur. Da­her wer­den wir den Breit­band­aus­bau en­ga­giert vor­an­trei­ben. Auch die Aus­rol­lung des mo­bi­len 5G-Net­zes liegt uns sehr am Her­zen. Das Ziel ist, die Chan­cen­gleich­heit zwi­schen Stadt und Land zu stär­ken.

SN: Die al­te Breit­band­mil­li­ar­de ist weit­ge­hend aus­ge­schöpft. Wo­her kommt das Geld?

Wir ver­schaf­fen uns der­zeit ei­nen Über­blick in en­ger Ab­stim­mung mit den Bun­des­län­dern. Wir wol­len im Aus­bau auf­ho­len, Ös­ter­reich hat sich da in den ver­gan­ge­nen Jah­ren auch schwer­ge­tan.

SN: Brau­chen Sie noch ein­mal ei­ne Mil­li­ar­de?

Ich möch­te das noch nicht an Zah­len fest­ma­chen, wir schau­en uns jetzt ein­mal den Be­darf an.

SN: Sie sind jetzt auch für die Post­diens­te zu­stän­dig. Der­zeit gibt es 1740 Post­stel­len, da­von 400 Po­st­äm­ter. Ge­setz­lich sind 1650 vor­ge­schrie­ben. Sie wer­den kein In­ter­es­se dar­an ha­ben, dass das Netz wei­ter aus­ge­dünnt wird. Wie kann das ge­lin­gen?

Wir sind in en­gem Kon­takt mit der Post, se­hen uns den Be­darf und die Mög­lich­kei­ten vor Ort an. Es gibt schon ei­ni­ge gu­te Ide­en, wie man ge­mein­sam mit an­de­ren Ak­teu­ren im länd­li­chen Raum den Ver­lust der In­fra­struk­tur auf­hal­ten kann. Vi­el­leicht gibt es auch neue Chan­cen der Ko­ope­ra­ti­on.

SN: Aber die Zahl 1650 steht?

Die steht, da gibt es auch kei­ne Dis­kus­si­on. Es geht dar­um, wel­che Zu­kunfts­po­ten­zia­le man nut­zen kann.

SN: Zur Be­le­bung des länd­li­chen Raums ge­hört die De­zen­tra­li­sie­rung der Ver­wal­tung. Ihr Vor­gän­ger Rupp­rech­ter mach­te sich für ei­ne Ver­le­gung von Bun­des­be­hör­den stark. Bis auf das Um­welt­bun­des­amt, das von Wien nach Klos­t­er­neu­burg über­sie­delt, ist we­nig pas­siert. Wie geht es wei­ter?

Man sieht in Deutsch­land, dass es Sinn ge­macht hat, die Ver­wal­tung zu de­zen­tra­li­sie­ren. Ich weiß, dass das mit Pro­ble­men und Kri­tik ver­bun­den ist. Wir schau­en uns das genau an. In mei­nem Zu­stän­dig­keits­be­reich ha­ben wir mit dem Bun­des­amt für Was­ser­wirt­schaft in Mond­see ein gu­tes Bei­spiel, das hat sich be­währt.

SN: Im Mas­ter­plan länd­li­cher Raum ist von zehn Pro­zent der Bun­des­be­hör­den mit 3500 Di­enst­pos­ten die Re­de?

Die Idee ist gut, aber es muss in die Re­gi­on pas­sen. Ich bin über­zeugt, dass es noch Mög­lich­kei­ten gibt.

SN: Mit wel­cher Po­si­ti­on ge­hen Sie in Ge­sprä­che über die ge­mein­sa­me EU-Agrar­po­li­tik?

Wir wol­len Qua­li­tät statt Quan­ti­tät ge­för­dert wis­sen. Und wir wol­len ei­nen Um­bau der EU-Agrar­po­li­tik. Die geht nach wie vor an den Zie­len des Um­welt- und Kli­ma­schut­zes vor­bei. Ich wün­sche mir pra­xis­taug­li­che Re­ge­lun­gen und ei­nen stär­ke­ren Fo­kus auf bäu­er­li­che Fa­mi­li­en­be­trie­be. Im­mer mehr, im­mer grö­ßer und im­mer bil­li­ger kann nicht das Pro­duk­ti­ons­kon­zept der Zu­kunft für die EU sein.

SN: Ös­ter­reich braucht Mit­strei­ter. Gibt es die?

Ja, aber wir müs­sen die gro­ßen Län­der über­zeu­gen. Die Bau­ern­pro­tes­te et­wa in Deutsch­land müss­ten ei­gent­lich für ein Um­den­ken sor­gen. Die Bau­ern wer­den ei­ner­seits für al­les ver­ant­wort­lich ge­macht, was aus Sicht von Um­welt­schüt­zern ir­gend­wie be­denk­lich er­scheint. Aber nie­mand schaut dar­auf, dass man zu die­sen Prei­sen nicht pro­du­zie­ren kann. In Ös­ter­reich sind die öko­lo­gi­schen Stan­dards hö­her, auch bei kon­ven­tio­nel­len Be­trie­ben. Aber wir sit­zen al­le im sel­ben Boot. Und bei den Kon­su­men­ten lie­gen Wunsch und Wirk­lich­keit oft weit aus­ein­an­der. Je­der will ho­he Tier­schutz­stan­dards, Bio, re­gio­nal, gen­tech­nik­frei – aber am Re­gal ent­schei­den sie sich doch für das Bil­ligs­te und schau­en gar nicht, wo­her das Pro­dukt kommt. Da muss die Po­li­tik ge­gen­steu­ern und das müs­sen die gro­ßen Län­der ma­chen. Die Lö­sung kön­nen nicht nur stren­ge­re Auf­la­gen für die Bau­ern sein.

SN: Die ÖVP war ur­sprüng­lich auch für Mer­co­sur, was sich im Wahl­kampf ge­än­dert hat. Wie passt das zu­sam­men?

Wir hat­ten be­reits 2018 mas­si­ve Be­den­ken über den Ver­lauf der Ver­hand­lun­gen zum Mer­co­sur-Ab­kom­men, auch in mei­ner Zeit als Land­wirt­schafts­mi­nis­te­rin. Die EUKom­mis­si­on hat es ver­ab­säumt, un­se­re Be­den­ken ernst zu neh­men. Wir ge­ben ein kla­res Be­kennt­nis zu Han­dels­ab­kom­men ab, an­ders wird un­se­re glo­ba­li­sier­te Welt nicht funk­tio­nie­ren, aber es kann nicht sein, dass ein Pro­duk­ti­ons­be­reich – in un­se­rem Fall die Land­wirt­schaft – den Preis da­für be­zahlt.

SN: Was muss sich än­dern, da­mit man zu­stim­men kann?

Wir sto­ßen uns vor al­lem an Im­por­ten von Fleisch, das in den Mer­co­sur-Län­dern Bra­si­li­en, Ar­gen­ti­ni­en, Pa­ra­gu­ay und Uru­gu­ay ex­trem bil­lig und in Mas­se pro­du­ziert wird. Auch aus Kli­ma­schutz­as­pek­ten, denn ein Ki­lo­gramm bra­si­lia­ni­sches Rind­fleisch hat ei­nen CO2-Ab­druck von rund 80 Ki­lo, ös­ter­rei­chi­sches Rind­fleisch nur rund 14 Ki­lo CO2.

SN: Braucht es al­so CO2-Zöl­le?

Das wä­re un­ser gro­ßer Wunsch und ein gu­ter He­bel für ei­ne welt­wei­te Kli­ma­schutz­po­li­tik, weil es zu Kos­ten­wahr­heit füh­ren wür­de. Das Interview ent­stand in Ko­ope­ra­ti­on mit der „Ti­ro­ler Ta­ges­zei­tung“. Die Lang­ver­si­on fin­den Sie auf www.sn.at

BILD: SN/BMLRT/PAUL GRUBER

Eli­sa­beth Kös­tin­ger will ei­ne Wen­de in der Agrar­po­li­tik.

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