In der Kri­se zeigt sich, wer das Sys­tem stützt

Oh­ne mo­ti­vier­te El­tern geht es im Schul­sys­tem nicht. Wo sie feh­len, wird es auch für Leh­rer eng. Um­so wich­ti­ger ist ei­ne Per­spek­ti­ve.

Salzburger Nachrichten - - Vorderseit­e - Ma­ria Zim­mer­mann MA­RIA.ZIM­MER­MANN@SN.AT

Ho­me­of­fice auf dem Kü­chen­tisch, da­ne­ben die Übungs­blät­ter des Volks­schü­lers kor­ri­gie­ren, die Gym­na­si­as­tin an die Vi­deo­kon­fe­renz mit dem Ma­the­leh­rer er­in­nern, Com­pu­ter­pro­ble­me be­he­ben, recht­zei­tig Es­sen auf den Tisch stel­len, den Kin­dern ei­ne Ta­ges­struk­tur ge­ben, ih­nen vor al­lem Ge­bor­gen­heit ver­mit­teln in Zei­ten, in de­nen ei­ne Hor­ror­mel­dung die nächs­te jagt. Was vie­le El­tern der­zeit leis­ten, ist enorm. Ein­mal ganz ab­ge­se­hen von je­nen Müt­tern und Vä­tern, die in Be­rei­chen ar­bei­ten, in de­nen kei­ner zu Hau­se blei­ben kann: im Kran­ken­haus, im Su­per­markt, bei der Müll­ab­fuhr.

Ein­mal mehr zeigt sich in Kri­sen­zei­ten, wer das Sys­tem auf­recht­er­hält: So wie es im Pfle­ge­sys­tem in ers­ter Li­nie die An­ge­hö­ri­gen sind, sind es in der Schu­le ne­ben en­ga­gier­ten Leh­rern vor al­lem mo­ti­vier­te El­tern. Wo sie feh­len, ste­hen auch Leh­rer mit­un­ter auf ver­lo­re­nem Pos­ten. Wenn zu Hau­se kein Buch im Re­gal steht, wird es in der Re­gel schwie­rig, die Kin­der zum Le­sen zu ani­mie­ren. Die Schu­le leis­tet Gro­ßes, aber sie kann nicht al­les re­pa­rie­ren.

Ein­mal mehr zeigt die Kri­se auch die Ver­säum­nis­se scho­nungs­los auf. Dass Leh­rer ge­ra­de von Brenn­punkt­schu­len be­rich­ten, dass es zu man­chen Schü­lern kei­nen Kon­takt gibt, ist nicht über­ra­schend. Schon bis­her er­reich­ten die Leh­rer ei­nen Teil der

Schü­ler nicht. Da wird auch E-Le­arning nicht hel­fen. Wir ken­nen die Fak­ten: Je­der fünf­te Pflicht­schü­ler in Ös­ter­reich gilt als Ri­si­ko­schü­ler, vie­le kön­nen nicht gut Deutsch, nach neun Jah­ren Schu­le nicht sin­n­er­fas­send le­sen, be­herr­schen die Grund­rech­nungs­ar­ten nicht. Seit vie­len Jah­ren wer­den so die Ver­lie­rer von mor­gen pro­du­ziert. Je­der ein­zel­ne ist ei­ner zu viel.

Auch wenn ge­ra­de al­le an ih­re Gren­zen kom­men: Es dür­fen nicht je­ne noch mehr drauf­zah­len, die oh­ne­hin schon das Schluss­licht sind. Und fest steht:

Die mo­ti­vier­tes­ten El­tern kön­nen die Schu­le – auch als Ort des so­zia­len Ler­nens – nicht er­set­zen. Um­so not­wen­di­ger wä­re ei­ne Per­spek­ti­ve: Re­gu­lä­rer Schul­be­trieb im Mai? Im Ju­ni? Oder erst im Herbst? Das wä­re bit­ter, aber nichts ist schlim­mer als Un­ge­wiss­heit. Der Bil­dungs­mi­nis­ter ver­spricht al­len Schü­lern ei­nen Ab­schluss. Das ist wich­tig. Vor al­lem für je­ne, die am En­de der Pflicht­schul­zeit ste­hen oder vor der Ma­tu­ra. Das „Co­ro­na­vi­rus-Se­mes­ter“sei kein „nor­ma­les Se­mes­ter“, sagt er. So ist es. Wir al­le wis­sen, dass die Si­tua­ti­on enorm her­aus­for­dernd ist – auch für je­ne, die po­li­ti­sche Ent­schei­dun­gen tref­fen. Aber Klar­heit wür­de hel­fen. Das ha­ben sich die Kin­der ver­dient. Und vor al­lem ih­re El­tern.

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