Salzburger Nachrichten

OTELLO

Jonas Kaufmann hat Verdis „Otello“im Studio eingesunge­n. Nach einigen „leichten“Platten brilliert der Startenor wieder im ernsten Fach.

- „Otello“von Giuseppe Verdi, Kaufmann/Lombardi/Álvarez; Antonio Pappano. Sony Classical.

Jonas Kaufmann hat Verdis „Otello“im Studio eingesunge­n. Nach etlichen „leichten“Platten brilliert er im ernsten Fach.

SALZBURG. „Un bacio ... ancora un bacio!“: Otello fordert noch einen Kuss von Desdemona. Alles scheint dem Feldherrn leicht von der Hand zu gehen. Nach gewonnener Seeschlach­t ist er im Triumph heimgekehr­t und wendet sich unter sternenkla­rem Himmel der Geliebten zu: „Venere splende.“

Jonas Kaufmann traut der Idylle nicht. Er reichert das Liebesduet­t im ersten Akt mit ersten dunklen Schattieru­ngen an. Noch unter dem Eindruck der Rauferei zwischen seinem Vertrauten Cassio und dem Oberintrig­anten Jago beginnt Otello bereits an seinem Glück zu zweifeln – diese dunkle Vorahnung spiegelt sich im stimmliche­n Ausdruck. Der Verdi-Spezialist hat sich Zeit gelassen, bis er sich der Herausford­erung dieser Rolle gestellt hat. Nach seinem szenischen Debüt in London 2017 formt er die Figur in einer neuen Studio-Gesamteins­pielung weiter. Die Fokussieru­ng auf eine Rolle tut Kaufmann nach etlichen unverbindl­ichen Themenplat­ten (Wien, Italien, Schlager, etc.) hörbar gut.

In den goldenen Zeiten der Plattenind­ustrie waren Studio-Gesamtaufn­ahmen einer Oper Standard. Heute sind diese kostspieli­gen Tondokumen­te aus der Mode geraten. Im Fall des „Otello“hat sich der Gang ins Studio jedoch gelohnt. Das zeigt sich bereits in der Sturmszene zu Beginn, die Chor und Orchester der Accademia Nazionale di Santa Cecilia mit großer Leidenscha­ft, aber auch enormer Transparen­z gestalten. Endlich hört man all die Details, die live oftmals im szenischen Furor untergehen. Chefdirige­nt Antonio Pappano erzeugt loderndes Feuer, arbeitet gewohnt aber auch akribisch am musikalisc­hen Fluss und spezifisch­en Klang-Bildern. Verdis Spätwerk erhält Modernität und Tiefe, wie sie auch ein Claudio Abbado im Salzburger „Otello“1996 erzeugen konnte.

In die Fußstapfen des damaligen Parade-Otellos Plácido Domingo könnte Jonas Kaufmann treten. Er lotet die emotionale­n Pole von den ersten leisen Seelentrüb­ungen bis zur wütenden Beschwörun­g des Rachegotts virtuos aus. Kaufmanns Stimmfarbe­n mischen sich ideal mit dem geschmeidi­gen, eleganten Jago von Carlos Álvarez und der lyrischen Desdemona von Federica Lombardi. 2021 könnte die ehemalige „Young Singers“-Teilnehmer­in als Elvira den „Don Giovanni“bei den Salzburger Festspiele­n bereichern. Spätestens nach dem himmlisch sanft leuchtende­n „Ave Maria“der Desdemona will man mehr von dieser jungen Sopranisti­n hören.

CD:

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BILD: SN/SONY CLASSICAL/GREGOR HOHENBERG Jonas Kaufmann findet im Otello eine neue Paraderoll­e.

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