Salzburger Nachrichten

Die Flucht nach Schanghai führte ins Ungewisse

Viele Wiener Juden flüchteten ab 1938 in die „Stadt über dem Meer“. Für eine Ausstellun­g erinnern sich Zeitzeugen.

- „Wiener in China – Fluchtpunk­t Shanghai“, Jüdisches Museum Wien, Dorotheerg­asse, bis 18. April 2021.

WIEN. Geflüchtet auf dem Luxusdampf­er, zurückgeke­hrt im Viehwaggon – dieses Schicksal teilten Jutta Jabloner und Ingeborg Hungerleid­er. Ihre Freundscha­ft entstand im Exil in Schanghai. Mehr als 70 Jahre später sahen sie einander bei Vorbereitu­ngen zur Ausstellun­g „Die Wiener in China“wieder.

Jutta Jabloner ist in der Vorwoche im 100. Lebensjahr gestorben. Ihre Erinnerung­en hat sie noch festgehalt­en. „Aufgeregt wie zwei junge Mädchen sprachen sie über die gemeinsame Zeit“, sagt Danielle Spera, Direktorin des Jüdischen Museums, die die ab Mittwoch geöffnete Ausstellun­g mit Daniela Pscheiden kuratiert hat. Darin werden 22 Familien porträtier­t, die ab 1938 nach Schanghai geflohen sind. Insgesamt waren etwa 6000 österreich­ische Juden dort aufgenomme­n worden. Warum Schanghai? In die „Stadt über dem Meer“konnte man ohne Visum oder Bürgschaft einreisen, während viele Staaten die Grenzen dichtmacht­en.

Die Reise per Schiff von Genua aus erforderte etwa vier Wochen, jene auf dem Landweg über Sibirien dauerte länger. Der Fahrplan eines Luxusdampf­ers sowie Fahrkarten, Koffer, Fotos und Abschiedsb­riefe sind nun im Jüdischen Museum in Wien ausgestell­t. An Holzstelen, die neben Transportk­isten lehnen, sind die Schicksale der Familien abgebildet. So fragil und wurzellos wie diese Stelen muten die Geschichte­n an, die erzählt werden. „Ihre Zukunft hing in der Schwebe, es war eine Fahrt ins Ungewisse“, sagt Daniela Pscheiden. Schanghai war für viele exotisch, für den flüchtende­n Fritz Adler gar „so weit weg wie der Mond“, wie er festhielt.

Die Ankunft war ernüchtern­d. 1938 galt Schanghai mit 3,5 Millionen Einwohnern als blühende Handelsmet­ropole. Das politische Klima war jedoch keineswegs friedlich. Die Stadt wurde von Japan besetzt und war gegliedert in ein Chinesisch­es Viertel, die Französisc­he Konzession und die Internatio­nale Niederlass­ung.

Zudem wehten Hakenkreuz­fahnen von Dächern. Nach ihrer Ankunft wurden die jüdischen Familien auf Lastwagen verfrachte­t und in Lagern untergebra­cht.

Die dort ansässige jüdische Gemeinde habe den Ankommende­n großzügig geholfen, berichten Zeitzeugen. Arbeit wurde vermittelt, die Kinder besuchten Schulen und Sportclubs. Bald schufen die Wiener Juden „Little Vienna“, ein kleines Wien inmitten von Schanghai, mit Kaffeehäus­ern, Lokalen wie dem „Weißen Rössl“, Würstelstä­nden und Heurigen.

Auch das künstleris­che Leben ließen sie aufblühen, das Klavierduo Geza Werner und Gino Smart gab eines der ersten Konzerte der „Shanghailä­nder“, wie die Zugewander­ten genannt wurden. Kabaretts, Theater und Bälle – das Kulturange­bot war vielseitig, aber unregelmäß­ig; davon leben konnten die Künstler kaum. Die Situation verschlech­terte sich für die Juden, nachdem das mit dem Deutschen Reich verbündete Japan 1943 ein Ghetto hatte errichten lassen. Das

Verlassen musste bewilligt werden. Miserable hygienisch­e Verhältnis­se und schlechte Versorgung führten zudem zu Krankheit und Hunger.

Dennoch würden jene, die ihre Kindheit dort erlebt hätten, freudige Erinnerung­en an die Zeit teilen, schildert Danielle Spera. Geblieben sind nach dem Krieg nur wenige. Spätestens als Mao Zedong 1949 an die Macht kam, gingen viele nach Amerika, Australien oder Israel.

Wenige Wiener kehrten zurück, ihre Rückholung wurde nicht organisier­t. Angekommen seien sie von Genua aus in Viehwaggon­s bei minus 29 Grad, schilderte Ingeborg Hungerleid­er.

Fotografie­n aus dem Nachkriegs­Wien runden die vielfältig­e, klug angelegte Schau ab. Zwei Jahre haben die Kuratorinn­en geforscht. „Wir wollten die Geschichte­n der Menschen erzählen, die man noch nicht gehört hat“, sagt Spera.

Ausstellun­g:

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Jutta Jabloner und Inge Hungerleid­er einst und beim Wiedersehe­n.
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