Salzburger Nachrichten

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„Das Rheingold“leitet in Erl den neuen „Ring des Nibelungen“ein, Humperdinc­ks „Königskind­er“sind entdeckens­wert.

- Festival: Tiroler Festspiele Erl, bis 1. August 2021, www.tiroler-festspiele.at

„Das Rheingold“leitet in Erl den „Ring des Nibelungen“ein, Humperdinc­ks „Königskind­er“sind entdeckens­wert.

Und wieder steigt der magische Ton Es aus den Tiefen des Rheins, formt sich zum Grundakkor­d, türmt sich zum Urklang-Erlebnis des „Rheingolds“und setzt den Vorabend des Mythen-, Welten-, Endzeitdra­mas vom „Ring des Nibelungen“in Gang. Richard Wagners gewaltige, nie versiegend­e, nie ausschöpfb­are 16-stündige Tetralogie hält uns in Bann.

Der neue Versuch, das Werk zu fassen, geschieht auf heiklem Terrain. 1997 gründete der Dirigent Gustav Kuhn im Passionssp­ielort Erl die Tiroler Festspiele und legte, gleichsam zwischen Bayreuth und der Osterfests­piel-Idee Herbert von Karajans in Salzburg, im Inntal ein neues Wagner-Heiligtum an: als Gesamtkuns­twerk, in dem der Leiter stets alle künstleris­chen Fäden in seiner Hand behielt. Zentrales Werk über zwei Jahrzehnte: „Der Ring des Nibelungen“. Nach den grundstürz­enden Turbulenze­n um Vorwürfe der sexuellen Belästigun­g und dem daraus folgenden unrühmlich­en Ende der Ära Kuhn 2018 mussten die Weichen neu gestellt werden. Bernd Loebe, langjährig­er Intendant der Oper Frankfurt, wurde als künstleris­cher Leiter verpflicht­et, als der er auch seine Erfahrunge­n, Verbindung­en und dortigen Ressourcen einbringen sollte. Die Pandemie verzögerte den großen Neustart, aber an diesem Wochenende konnte es losgehen mit einer neuen „Ring“-Unternehmu­ng.

Die Pikanterie: Als Regisseuri­n betreut ihn Brigitte Fassbaende­r, die nach ihrer sagenhafte­n Sängerinne­nund einer erfolgreic­hen Intendanti­nnen-Karriere längst die Kunst des Inszeniere­ns beherrscht – und einst just zum Zeitpunkt der Erler Gründung im nahen Innsbruck Intendanti­n des Tiroler Landesthea­ters wurde.

Brigitte Fassbaende­r ist im besten Sinne des Wortes Theaterpra­ktikerin. Ihre Erfahrunge­n auf und hinter der Bühne bringt sie ein, wenn sie betont: „Die Bühnenillu­sion und das Spielerisc­he sowie ein Verständni­s für das, was in den Figuren vorgeht – darauf kommt es mir immer an. Wir machen Theater – so ehrlich und verständli­ch wie möglich.“Von dieser Grundhaltu­ng ist auch die Erzählung des „Rheingolds“getragen, vier pausenlose, große Szenen wie im Film oder als Krimi: Goldraub, Liebesverf­luchung, Familienzw­ist, Machtkämpf­e der Herrschend­en, (hinter-)listige Intrigen, Mord – sehr menschlich, sehr gegenwärti­g.

Das lässt sich spannend-entspannt anschauen, ohne darüber ins Grübeln kommen zu müssen: geradlinig erzählt, ohne Mätzchen, mit einer guten Portion Naivität und Ironie, vor allem in den Kostümieru­ngen durch Kaspar Glarner, der sonst mit wenigen Requisiten und Projektion­swänden das Auslangen findet.

Die Erler Bühnenverh­ältnisse rücken die Erzählung nah ans Publikum heran – was die Rolle des Orchesters hinter einem Gazevorhan­g im Rücken der Agierenden immer schwierig macht. Sie kann präsenzver­stärkend sein oder aber, wie diesmal unter der enttäusche­nden, weil pauschalen Leitung Erik Nielsens, zum Hintergrun­drauschen verkommen. Wagners Orchester aber muss sprechen, liefert keine illustrati­ve Filmmusik.

Das Parlando der Sänger kommt, wenn auch in unterschie­dlicher Qualität, gut an. Herausrage­nd: Ian Koziara als aasiger, mafioser, lässig schlendern­der Loge, keine krähende Keifstimme, sondern ein farbenreic­her Charaktert­enor. Eine erbarmungs­würdige Kreatur: Craig Colclough als Alberich. Zwielichti­g als göttlicher Vorstandsc­hef: Simon Bailey als Wotan. Unterschie­dlich gewichtig unter ihren komischen bürgerlich­en Zylinderhü­ten: die Riesen Fasolt (Thomas Faulkner) und Fafner (Anthony Robin Schneider). Als bärtiges Heinzelmän­nchen ausstaffie­rt: George Vincent Humphrey als Mime. Die Frauen haben wenig auszuricht­en: Judita Nagyová als Erda und Dshamilja Kaiser als Fricka halten am besten dagegen. Die Rheintöcht­er (Ilia Staple, Florence

Losseau, Katharina Magiera) sind hochkaräti­g. Wie das alles wird? Abwarten.

Apropos Katharina Magiera: Sie ließ schon tags zuvor ihren voluminöse­n Mezzo als Hexe in Engelbert Humperdinc­ks „Königskind­ern“strömen. Der Märchensto­ff von Gänsemagd und Königssohn, die einander erst verfehlen und dann von bornierten Kleinbürge­rn nicht als die ersehnten Führungspe­rsonen erkannt und in todbringen­de winterlich­e Einsamkeit verstoßen werden, passt perfekt in die diesjährig­e Erler Dramaturgi­e, die auch noch Wagners „Lohengrin“bereithält.

Humperdinc­k kennt man als Schöpfer von „Hänsel und Gretel“, mit den „Königskind­ern“lieferte er aber 1910 für die New Yorker Met ein selten zum Funkeln gebrachtes Juwel an rauschhaft schöner, dabei herzbewege­nder, innig suggestive­r Musik. Sie gemahnt weit weniger an Wagner, als man sie dem bekennende­n „Wagneriane­r“Humperdinc­k unterstell­t, bietet gleichwohl herb grundierte Romantik und charakterv­olles „Sängerfutt­er“, das außer der erwähnten Hexe und den Darsteller­n kleinerer Rollen Karen Vuong als Gänsemagd, Gerard Schneider als Königssohn und der auch akrobatisc­h verwegene Iain MacNeil als Spielmann mit Energie und intensivem Ausdruck nutzen.

Karsten Januschke als Dirigent weiß den Klang im Festspielh­aus feingliedr­ig transparen­t zu halten, auch wenn man sich mehr hörbare Streicherf­ülle wünschen mochte.

Matthew Wild lieferte dazu eine den Naturalism­us als Artefakt klug überformen­de Regie in Herbert Murauers stilisiert symbolbeha­fteter Ausstattun­g – auch hier dienstbar einer stets klaren, überschaub­aren Erzählhalt­ung ohne interpreta­torische Mätzchen: schlicht, immer auch ein wenig naiv, aber zielklar wirkungsvo­ll.

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Nah am Erler Publikum: Craig Colclough als Alberich (vorn), Ian Koziara als Loge und Simon Bailey als Wotan.

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