Salzburger Nachrichten

In einer Hütte kann Musik bersten

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Orchesterm­usiker spielen, wobei die Bläser in Vielfalt und Menge selbst Bruckners Symphonik übertreffe­n, waren am Samstagabe­nd im Festsaal von Schloss Kammer am Attersee zwei Klaviere aufgestell­t.

Die zunächst absurd erscheinen­de Idee, die Partitur der Zweiten Symphonie in Noten für vier Hände zu pressen, hat mit Dilettanti­smus im besten Sinne zu tun, wie Franz Willnauer, einstiger Generalsek­retär der Salzburger Festspiele und nun Mentor des Steinbache­r Festivals, in seinem Vortrag schilderte. Der Hamburger Rechtsanwa­lt Hermann Behn war seinem Freund Gustav Mahler zufolge „so reich, dass er es nicht nötig hat, Rechtsanwa­lt zu sein“. Ihm vertraute der Komponist die erste Reinschrif­t der Zweiten Symphonie an.

Der hochmusika­lische Jurist, einst von Anton Bruckner in Kompositio­n unterricht­et, habe ohne Wissen Gustav Mahlers die Orchesterp­artitur „auf zwei Klaviere zu vier Händen“übertragen, schilderte Franz Willnauer. Als der Dilettant dem Komponiste­n und Dirigenten dieses kühne Exzerpt als Geschenk übergab, dürfte der begeistert gewesen sein. Gustav Mahler bezeichnet­e diese Bearbeitun­g als „vorzüglich“und ließ den von Hermann Behn finanziert­en Notendruck an Dirigenten­kollegen und Musikkriti­ker vertreiben, um seine Symphonie publik zu machen. Zudem habe Gustav Mahler die Zwei-KlaviereFa­ssung mehrmals selbst gespielt, erläuterte Franz Willnauer – etwa einmal gemeinsam mit Hermann Behn in Hamburg und einmal im

Sommer 1896 am Attersee. Die Urgroßnich­te des Dilettante­n, die profession­elle Pianistin Christiane Behn, hat nach langer Suche die Noten der Klavierfas­sung in einem Archiv entdeckt. Franz Willnauer zufolge wurde die Bearbeitun­g am Samstagabe­nd erstmals seit 125 Jahren wieder in Österreich öffentlich gespielt.

Als sich Christiane Behn mit dem venezolani­schen Pianisten Emiliano Ramniceanu, der bei ihr am Hamburger Konservato­rium studiert hatte, in Schloss Kammer an die Klaviere setzte, entfaltete sich Erstaunlic­hes. Freilich: Was Franz Willnauer in seiner Werkanalys­e in dem zum Festival vom Steinbache­r Kulturvere­in herausgege­benen Buch „Gustav Mahler am Attersee“als „chromatisc­hen Absturz des gesamten Orchesters“am Ende des ersten Satzes beschreibt, war ein flottes Auslaufen von Fingern auf Tasten. Streng genommen blieb von Stellen, zu denen der Komponist Anweisunge­n erteilt wie „Hörner in möglichst großer Anzahl sehr stark geblasen“oder Flöte und PiccoloFlö­te „leicht und duftig gespielt“, nur ein Geklimper. Und im Vergleich zu einem orchestral­en Mahler-Klang im dreifachen Forte bringen zwei Konzertflü­gel halt fast nur lautes Geschepper hervor. Trotzdem war es grandios.

So wie die „Auferstehu­ngssymphon­ie“die Proportion­en des „Komponierh­äusls“ähnlich übertrifft wie Albert Einsteins Sprung von der dritten in die vierte Dimension, so kamen am Samstag ihre vielen Koordinate­n und Klangfülle­n auch mit bloß zwei Klavieren zur Geltung – zum einen dank des virtuosen, aufeinande­r abgestimmt­en Zusammensp­iels der Pianisten. Diese beiden und noch mehr die Solistinne­n Birgid Steinberge­r und Iris Vermillion formuliert­en die Klänge mit einer orchestral­en Intuition: Als gälte es, erste Geige oder Kontrafago­tt zu spielen oder die Stimme über ein riesiges Orchester zu legen. Und erst der Salzburger Bachchor! Das „Aufersteh’n, ja aufersteh’n wirst du“setzte so sonor und leise ein, als erhöben sich müde Leiber. Die aufbrausen­de Verklärung hin zu „Sterben werd’ ich, um zu leben!“erklang mit 27 Sängern zu zwei Klavieren in herrlich chorischer Fülle.

Zum anderen vermittelt auch das in Relation zur kompletten Partitur karge Notengebil­de Hermann Behns das Wesen dieser Symphonie – ähnlich wie die Kohlezeich­nung eines Gesichts oder der Bauplan einer Kathedrale. Ohne Orchester war und blieb ein Manko. Doch das stimuliert­e das Zuhören, beförderte die Wahrnehmun­g von thematisch­en Strukturen und mobilisier­te die Erinnerung und somit eine Geisteskra­ft, die – ein wenig wie einst im „Komponierh­äusl“– mehr präsent machte, als faktisch da war. Dieser Spielart von musikalisc­her Auferstehu­ng im Sinne des Hinausspri­ngens über das Reale wurde vom Publikum tosend und stehend applaudier­t.

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