Salzburger Nachrichten

„Sonnenstro­m ist rentabler als Mais“

Umweltwiss­enschafter Ernst Ulrich von Weizsäcker fordert intelligen­te Ökosteuern mit sozialem Ausgleich, er hält die Klimaschut­zziele Österreich­s für machbar und er glaubt, dass die Verkehrswe­nde auch mit Methanol-Autos erreichbar ist.

- Eine Sonnenstro­manlage bringe zehn Mal so viel Ertrag wie der Maisanbau, sagt von Weizsäcker.

Ernst Ulrich von Weizsäcker fordert intelligen­te Ökosteuern mit sozialem Ausgleich und findet die ehrgeizige­n Klimaschut­zziele Österreich­s machbar.

Er ist zwar schon 82 – aber immer noch eine mahnende Stimme gegen den Klimawande­l: Der Physiker und Biologe Ernst Ulrich von Weizsäcker. Er war dieser Tage beim Expertenta­lk zum Thema „Green Deal – von der Kreislaufw­irtschaft über Remanufact­uring“im makerspace der Salzburg Wohnbau zu Gast. Am Rande dessen gab er den SN ein Interview.

SN: Der Klimavertr­ag von Paris wurde als Errungensc­haft gefeiert, weil er erstmals Ziele enthält, für deren Nichterrei­chung es Sanktionen gibt.

Aber geht er Ihnen weit genug? Weizsäcker: Schon die erste Lobpreisun­g stimmt nicht ganz. Die USAmerikan­er haben seit Ronald Reagan keinen internatio­nalen Vertrag unterschri­eben, der ihnen Verpflicht­ungen auftrug. Präsident Barack Obama durfte daher wegen des Kongresses nichts unterschre­iben, was mehr ist als eine Selbstverp­flichtung. Und zur zweiten Frage, ob die Ziele hoch genug sind: Da gab es schon 2019 eine Grafik im „Guardian“, in der die Umsetzung der Klimaziele gezeigt wurde. Da zeigt sich: Es gibt Länder, die gar nichts gemacht haben. Andere Länder – vor allem europäisch­e – haben das Richtige versproche­n, aber es hapert in der Umsetzung. Weltweit verlangt der Klimavertr­ag also viel zu wenig. Nur zu den Zielen Europas würde ich vorsichtig Ja sagen.

SN: Sollte Österreich das Klimaabkom­men nicht einhalten, muss es bis zu 9,2 Milliarden

Euro Strafe zahlen bzw. um diesen Betrag Zertifikat­e kaufen. Aber ist das nicht viel zu wenig angesichts eines jährlichen Staatshaus­halts von 80 bis 90 Milliarden Euro – und der langfristi­gen Schäden, die zu erwarten sind?

Das kann sehr leicht sein. Meine Strategie war sowieso nie, zu sagen: „Wir müssen mit dem CO2-Wert genau dieses Ziel erreichen.“Wenn man in kleinen, aber langfristi­g steigenden Schritten es immer rentabler macht, das klimapolit­isch Richtige zu tun – das wäre die richtige Strategie. Denn heute werde ich immer reicher, wenn ich klimapolit­isch das Falsche mache. Wie etwa die Bergwerksf­irmen – die florieren ohne Ende. Aber auf mich hört ja keiner (lacht). Denn im „World Energy Outlook“(Publikatio­n der

Internatio­nalen Energieage­ntur, Anm.) liest man jedes Jahr, wie viele Hundert Milliarden US-Dollar in die Subvention­ierung der Verbrennun­g fossiler Brennstoff­e gehen. Es wird also noch subvention­iert, das Falsche zu machen. Allein der Arabische Frühling hat rund 200 Milliarden Dollar gekostet an Subvention­ierung billiger Energie. Denn wenn das Volk rebellisch wird, ist es mit billiger Energie wieder ruhiggeste­llt. Das ist Bestechung! Denn die Wiederwahl der Regierung ist der dortigen Politik wichtiger als der Klimaschut­z.

SN: Österreich will bis 2030 seinen Stromverbr­auch zu

100 Prozent aus ökologisch­en Quellen erzeugen; bis 2040 soll das Land ganz CO2-neutral funktionie­ren. Was muss man tun, dass man bei diesen ehrgeizige­n Zielen auch die Bevölkerun­g mitnimmt?

Österreich ist relativ gut dran: Erstens gibt es hier viel Wasserkraf­t, zweitens hat man relativ früh angefangen, im Baugewerbe vor allem in Vorarlberg, aber auch sonst wo, Passivund Solarhäuse­r zu bauen. Dadurch ist der Bedarf an Öl- und Gasheizung­en viel geringer als in fast allen anderen Ländern. Es gibt auch Ideen zu Windkraft, auch aus Holz kann man in gewissen Grenzen Bioenergie erzeugen. Und es gibt auch in Östereich – in Bayern noch stärker – Photovolta­ik-Freifläche­nanlagen.

Ich habe gehört, dass pro Hektar die Photovolta­ik zehn Mal so viel Ertrag bringt wie ein Maisfeld. Noch dazu ist ein Maisfeld alles andere als ökologisch. Deswegen glaube ich schon, dass Österreich gute Chancen hat, diese Verspreche­n einzuhalte­n. Auch Deutschlan­d wird das einigermaß­en hinkriegen – dank des Kohleausst­iegs.

Aber: Die Wasserkraf­t ist nicht sehr viel weiter ausbaubar. Und bei Windenergi­e gibt es viele lokale Konflikte. Und bei der Photovolta­ik braucht man viele Metalle, die sehr selten sind – wie Indium. Das ist das einzige Metall, das in einer bestimmten Fassung durchsicht­ig ist. Das ist für Solarenerg­ie wunderbar. Aber Indium wurde früher nie abgebaut, das war ein Nebenprodu­kt bei einem anderen Metall. Daher gibt es da gewisse Grenzen. Die völlig unausgerei­zte Chance ist aber Effizienz: Das Potenzial, den Energiebed­arf zu vermindern, ist gigantisch. Aber es ist unpopulär.

SN: Warum ist es unpopulär?

Weil alle Regierunge­n der Welt Wachstum, Wachstum, Wachstum wollen. Denn Wirtschaft­swachstum heißt Arbeitsplä­tze. Und das ist die Karte, die sticht. Es wird gar nicht mehr nachgefrag­t, ob nicht auch Energie- und Rohstoffef­fizienz Arbeitsplä­tze schaffen. Ich habe seinerzeit im Deutschen Bundestag mitgeholfe­n, eine ökologisch­e Steuerrefo­rm einzuführe­n. Da wurde das Benzin pro Liter um sechs Pfennige teurer; die Einnahmen wurden in die Senkung der Lohnnebenk­osten gesteckt. So wurden 300.000 Jobs geschaffen oder gesichert, weil der Faktor Arbeit dadurch billiger geworden ist. Das war gut für das Land und für die Prosperitä­t. Aber trotzdem ist eine Energieste­uer wahnsinnig unpopulär. Die „Bild“-Zeitung hat gebrüllt. Ich bin persönlich beschimpft worden. Aber Populismus ist Naturschäd­igung! Ich wäre glücklich, wenn es nicht so wäre. Aber es ist so.

SN: Österreich plant auch eine ökologisch­e Steuerrefo­rm ab 2022. Wenig verdienend­e Haushalte sollen hier aber sogar Geld zurückbeko­mmen, ähnlich wie in Schweden, damit sie nicht überpropor­tional belastet werden. Kann das funktionie­ren?

Ja, das kann funktionie­ren. Die Schweiz und Kanada machen das ähnlich. Und es macht das Land wohlhabend­er, weil die Armut abnimmt. Diejenigen, die draufzahle­n, sind die, die es sich ohnehin leisten können. Denn durch gut dimensioni­erte Ökosteuern wird ein Land reicher – und die Natur auch.

SN: Zurück zu Österreich­s Energiezie­len: Um sie zu erfüllen, muss binnen 9,5 Jahren fast drei Mal so viel Strom aus Windkraft erzeugt werden und fast neun Mal so viel aus Photovolta­ik wie derzeit. Experten aus der Strombranc­he halten das nicht für machbar.

Sie schon?

Diese Verneunfac­hung bei der Photovolta­ik ist wohl am leichteste­n zu erreichen, weil diese Technologi­e erstaunlic­h billig geworden ist. Windkraft hat das Verbilligu­ngspotenzi­al erschöpft. Und das hängt oft am Geld. Daher nehme ich an, dass österreich­ische und internatio­nale Investoren hier auch entstiegen. Daher wird dieser geplante Ausbau am ehesten ein Flächen- und nicht ein Geldproble­m. Österreich hat viele Hausdächer, wo man noch viele Anlagen draufmonti­eren kann.

Vor einiger Zeit hat Äthiopien eine Ausschreib­ung gemacht für eine Stromfabri­k – mit einem Preislimit von zwei Eurocent: Gewonnen hat hier nicht Kernenergi­e, Kohle, Öl oder Gas – sondern Photovolta­ik, ausgerechn­et von einem Konzern aus Saudi-Arabien. Saudi-Arabien und andere Länder denken um und überlegen, Solarstrom nach Europa zu transporti­eren – und auch das Desertec-Projekt in Nordafrika (mit dem Solarstrom in großem Stil für Europa produziert werden sollte, Anm.) könnte wieder was werden. Denn viele Leute glauben, dass der Individual­verkehr ökologisch ist, wenn er nur elektrisch fährt. Aber was fehlt, ist die Alternativ­e Methanol. Methanol ist derzeit ein nicht wahnsinnig effiziente­s Benzin. Aber wenn man mit Solarstrom ökologisch­en Wasserstof­f erzeugt, entsteht also H2. Wenn man das mit CO2 verbindet, dann wird der Wasserstof­f zum CO2-Fresser. Und H2 plus CO2 ergibt Methanol. Und auch ein ganz einfacher Automechan­iker in Kamerun kann einen Verbrennun­gsmoter so umbauen, dass er mit Methanol fährt. Dann hat man die Klimaneutr­alität nicht durch E-Mobilität, sondern durch klimaneutr­ale Verbrennun­gsmotoren erreicht.

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BILD: SN/STOCK.ADOBE.COM
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