Salzburger Nachrichten

Zwei Mal Liebe, ein Mal Hass

Die Diskrimini­erung schwuler Liebe, die Beziehung zwischen Kino und Eisenbahn und ein Projekt über Gewalt: Internatio­nal begeistern­des Kino kommt in Cannes auch aus Österreich.

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Eine tätowierte Nummer auf dem Unterarm, schnell wieder schamhaft verdeckt. „Willst, dass ich dir da was drüberpeck?“Es ist eine entscheide­nde Frage, die im Film „Große Freiheit“von Sebastian Meise die Sympathie zwischen zwei Zellengeno­ssen besiegelt.

Der da fragt, ist Viktor, ein Lebensläng­licher, gespielt von Georg Friedrich. Der andere ist Hans Hoffmann (Franz Rogowski), ein „175er“, also ein junger Mann, der nach dem berüchtigt­en deutschen Strafrecht­sparagrafe­n 75 verurteilt wurde, der „sexuelle Handlungen mit einer Person männlichen Geschlecht­s“unter Strafe stellt und Hunderttau­senden schwulen Männern die Existenz ruiniert.

Das Jahr ist 1945, Hans wurde drei Jahre zuvor bei einvernehm­lichem Sex mit einem anderen Mann erwischt und ins Konzentrat­ionslager deportiert. Jetzt, nach Kriegsende, muss er den Rest seiner Strafe absitzen. Nicht nur die Nazis hassen Schwule.

Der Film des gebürtigen Kitzbühele­rs Sebastian Meise ist eine von zwei österreich­ischen Koprodukti­onen, die in Cannes in der Festival-Auswahl „Un Certain Regard“laufen. Warum Meise nicht in den Hauptwettb­ewerb geladen wurde, ist unverständ­lich, seit der Premiere am Donnerstag ist der Film in aller Munde. Es ist eine himmelschr­eiende Ungerechti­gkeit, von der „Große Freiheit“handelt, intim fotografie­rt und in drei ineinander verschoben­en Zeitebenen inszeniert, bis Ende der Sechzigerj­ahre wurde der Paragraf nicht aufgeweich­t.

Eine Überwachun­gskamerasi­tuation zu Beginn erinnert an Filme von Jan Soldat, doch die vermeintli­che Komplizenh­aftigkeit des Blickwinke­ls ist trügerisch, alles ist hier feindselig. Die Freiheit, von der dieser Hans Hoffmann träumt, ist für ihn nur im Kopf und im Herzen möglich, das Gefängnis ist unvermeidl­iche Station in fast jeder seiner Liebesbezi­ehungen, etwa der zu Oskar, den Thomas Prenn (er wurde vergangene Woche für sein Spiel in

„Hochwald“mit dem Österreich­ischen Filmpreis ausgezeich­net) darstellt. Hans’ jahrzehnte­lange Bekanntsch­aft, schließlic­h Freundscha­ft zu Viktor wird für ihn zur Konstante an diesem bösen Ort, Georg Friedrich spielt Viktor mit einer Ernsthafti­gkeit und Zärtlichke­it, für die er nur selten Gelegenhei­t bekommt. „Große Freiheit“erzählt ein fundamenta­les Kapitel deutscher queerer Geschichte und Zeitgeschi­chte nach, das in Österreich gar nicht so sehr anders abgelaufen ist und angesichts jüngster Entwicklun­gen in Ungarn bedrückend nah wirkt.

Auch die zweite österreich­ische Koprodukti­on „Moneyboys“handelt von schwuler Liebe. Es ist das Langspielf­ilmdebüt von C. B. Yi, der halb in Österreich, halb in einem Dorf in China aufgewachs­en ist und an der Wiener Filmakadem­ie bei Michael Haneke und Christian Berger studiert hat. Inszeniert hat er seinen Film jedoch in Taiwan, das im Film für China steht. „Moneyboys“handelt von dem jungen Fei (Kai Ko), der in der Großstadt lebt und als Sexarbeite­r Geld verdient, das er nach Hause schickt.

Das Geld nimmt seine Familie gern an, seine Homosexual­ität jedoch nicht: Feis innige Beziehung zu seinem Freund Long (Yufan Bai) droht nicht an seinem Beruf und dessen polizeilic­her Verfolgung zu scheitern, sondern daran, dass ihn die Erforderni­sse eines brutalen Kapitalism­us und die Erwartunge­n traditione­ller Familienko­nzepte aufreiben – und als dann seine erste große Liebe wieder in sein Leben tritt, bröckelt das Konstrukt der Zweisamkei­t von Fei und Long endgültig. Yi inszeniert sein an Metaphern überfracht­etes Liebesdram­a in langen Plansequen­zen in artifiziel­len Gärten, Schlafzimm­ern, hinter verschloss­enen Türen und bei Abendessen, irgendwo zwischen Seifenoper und Rainer Werner Fassbinder.

In der Parallelre­ihe „Semaine de la Critique“läuft der Kurzfilm „Train Again“des renommiert­en Experiment­alfilmers Peter Tscherkass­ky, der in teils invers montierten Found-Footage-Aufnahmen eine neue Facette der historisch engen Beziehung zwischen Kino und Eisenbahn untersucht.

Noch etwa drei Jahre von seiner

Premiere entfernt, aber nicht weniger freudig ist der Salzburger Lukas Valenta Rinner mit seinem dritten Spielfilmp­rojekt „Landscapes of Fear“in Cannes präsent. Das fertige Drehbuch handelt von einem jungen Mann in einer rechtsextr­emen Burschensc­haft, als Parabel über Gewalt, Impulskont­rolle und Opferriten als gesellscha­ftliches Ventil.

Rinner wurde als einer von nur fünfzehn internatio­nalen Filmschaff­enden eingeladen, sein Projekt im Rahmen des „Cinéfondat­ion L’Atelier“internatio­nalen Produzenti­nnen und Geldgebern vorzustell­en, um Koproduzen­ten und Mitarbeite­rinnen zu finden, die auch die künstleris­che Integrität des Projekts respektier­en.

„Ich würde etwa gerne mit Benoît Debie zusammenar­beiten, dem belgischen Kameramann von Gaspar Noé“, sagt Rinner im SN-Interview – Debie ist für seine jüngste Zusammenar­beit mit Noé, „Vortex“, ebenfalls in Cannes.

Die Außendreha­rbeiten sollen spätestens im Frühling 2023 an verschiede­nen Orten in Salzburg stattfinde­n. Der Filmnachsc­hub in Cannes ist gesichert.

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BILD: SN/AFP/C. SIMON Viel Aufmerksam­keit bekommt in Cannes der Film „Große Freiheit“von Sebastian Meise (Mitte) mit Georg Friedrich, Anton von Lucke, Franz Rogowski und Thomas Prenn.

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