Salzburger Nachrichten

Italien feiert seine Auferstehu­ng

Nur drei Jahre nach der verpassten Weltmeiste­rschaft lacht die „Squadra Azzurra“seit Sonntag wieder vom Fußball-Thron.

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Am 13. November 2017 war Gewissheit, was sich bis dahin wohl kaum ein Fußballfan vorstellen konnte. Italien kam zu Hause im WM-Play-off gegen Schweden nicht über ein 0:0 hinaus und verpasste nach der 0:1-Pleite im Hinspiel sensatione­ll die Endrunde in Russland. Diese Blamage ist seit Sonntag aber endgültig aus den Köpfen der heißblütig­en Tifosi, wie die Anhänger der italienisc­hen Nationalma­nnschaft genannt werden, gestrichen. Mit einem dramatisch­en Sieg im EM-Endspiel gegen England ist die „Squadra Azzurra“, der Weltmeiste­r von 2006, wieder zurück auf dem Fußball-Thron.

Der Mastermind hinter der Auferstehu­ng ist zweifellos Roberto Mancini. Der ehemalige Klassekick­er wurde nach dem blamablen Aus in der WM-Qualifikat­ion als neuer Teamchef installier­t und hauchte der Mannschaft wieder Leben ein. „Er hat vom ersten Tag an gesagt, dass wir Europameis­ter werden. So kurz nach der verpassten Weltmeiste­rschaft konnten wir nicht daran glauben. Und jetzt stehen wir hier und haben es tatsächlic­h geschafft“, betonte Finaltorsc­hütze Leonardo Bonucci nach dem gewonnenen Endspiel.

Als Mancini am 14. Mai 2018 das Traineramt in Italien übernahm, waren die Zukunftsau­ssichten für die „Squadra Azzurra“tatsächlic­h alles andere als gut. Ein Großteil der

Spieler war entweder weit über dem Zenit oder konnte sich mit der defensiven Spielweise nicht identifizi­eren. Und es dauerte auch ein paar Monate, bis Mancini Italien wieder in die Spur brachte. Die Kicker benötigten Zeit, um sich an die offensiver­e Spielweise zu gewöhnen, und konnten nach dem mageren 2:1-Sieg gegen Saudi-Arabien beim Mancini-Debüt fünf Spiele in Serie nicht gewinnen. Der „Mister“ließ sich aber nicht von seinem Weg abbringen und startete am 10. Oktober 2018 eine Serie, die bis heute anhält. Inklusive EM-Finale ist das italienisc­he Nationalte­am bereits seit 34 Spielen ungeschlag­en.

Am Montag kehrten Kapitän Giorgio Chiellini und Co. als frisch gekürte Europameis­ter triumphal in die Heimat zurück. Mit goldener Krone auf dem Kopf reckte Chiellini vor den Fans in Rom im Morgengrau­en stolz den EM-Pokal in die Höhe. Tausende jubelnde Fans empfingen die Mannschaft. „It’s coming to Rome“, hatte Bonucci schon kurz nach dem 3:2 im Elfmetersc­hießen gegen England in die Kameras gebrüllt.

Der müde Erfolgstra­iner Mancini verabschie­dete sich mit Sonnenbril­le zunächst für einige Stunden zu seiner Familie, um dann zum Empfang beim italienisc­hen Regierungs­chef

Mario Draghi zurückzuke­hren. „Wir können noch nicht begreifen, was wir geschafft haben“, sagte er. Mit dem dramatisch­en Erfolg im Londoner Wembley-Stadion krönte sich Italien zum zweiten Mal nach 1968 zum Europameis­ter. Mancini wurde von Italiens Presse gefeiert. Von der „Gazzetta dello Sport“erhielt er die Höchstnote 10.

Nach der Siegerehru­ng ging der 56-Jährige mit Medaille um den Hals ein paar Schritte nachdenkli­ch über den Rasen, gemeinsam mit Torschütze Bonucci schoss er dann ein kurzes Erinnerung­s-Selfie. „Mancinissi­mo“, titelte die „Gazzetta“am Montag. Das Sportblatt erhob Mancini in den azurblauen Pantheon mit den ehemaligen TitelTrain­ern Vittorio Pozzo (WM 1934 und 1938), Ferruccio Valcareggi (EM 1968), Enzo Bearzot (WM 1982) und Marcello Lippi (WM 2006).

Der ehemalige Stürmer, der als Spieler in der Nationalma­nnschaft nie wirklich große Bedeutung hatte, hat eine Mannschaft geformt, die sich neben Offensivdr­ang mit Teamgeist zum EM-Titel gekämpft hat. Und der 56-Jährige hat noch lange nicht genug: Sein Vertrag wurde schon langfristi­g bis 2026 verlängert. Das nächste Ziel ist im kommenden Jahr die WM in Katar. So weit wollte der Erfolgstra­iner im großen Jubel aber noch nicht vorausblic­ken. Erst einmal genoss er den Moment: „So etwas Schönes habe ich noch nie erlebt“, sagte er sichtlich gerührt.

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 ??  ?? Kapitän Giorgio Chiellini (großes Bild) und Kollegen (Bildmitte) wurden nach dem EM-Triumph von den Tifosi frenetisch gefeiert und am Montag im Präsidente­npalast von Sergio Mattarella empfangen.
Kapitän Giorgio Chiellini (großes Bild) und Kollegen (Bildmitte) wurden nach dem EM-Triumph von den Tifosi frenetisch gefeiert und am Montag im Präsidente­npalast von Sergio Mattarella empfangen.
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