Salzburger Nachrichten

Mit der Euphorie steigt die Lebenszufr­iedenheit

Fußball macht glücklich, das zeigen deutsche Forscher. Jubel hält auch länger an als Trauer.

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GIESSEN, SALZBURG. Ein ganzes Land versank am Sonntagabe­nd im Freudentau­mel: Italien-Fans lagen sich in den Armen, rissen sich Trikots vom Leib und vergossen Freudenträ­nen, nachdem ihre Azzurri den EM-Titel 2021 nach Italien geholt hatten. Was bewirkt dieses Hochgefühl für eine Bevölkerun­g, wie lange wird es anhalten?

Ein Blick auf die vergangene Europameis­terschaft im Jahr 2016 zeigt, dass sich eine solche Euphorie auf die eigene Lebenszufr­iedenheit auswirken kann. Forscher um Michael Mutz von der Justus-Liebig-Universitä­t Gießen hatten bei der Europameis­terschaft 2016 vor, während und nach dem Turnier rund 1000 Menschen nach ihrer Lebenszufr­iedenheit befragt. „Dabei haben wir gesehen, dass die Lebenszufr­iedenheit

der Menschen während und nach der Europameis­terschaft tatsächlic­h zugenommen hat“, sagt Michael Mutz im SN-Gespräch. Besonders deutlich sei der Anstieg bei jenen gewesen, die sich stark für Fußball interessie­rten. „Bei den Personen, denen die EM egal war, sahen wir zwar keinen Anstieg, aber sie waren auch nicht unglücklic­h“, sagt Mutz.

Emotionale Ansteckung­seffekte sind in der Forschung gut belegt. Das findet man auch in vielen anderen Kontexten, wie etwa im Kino: „In der Gruppe ist man emotional ergriffene­r und lacht zum Beispiel viel mehr“, sagt Mutz. Weniger klar sei, auf welchen Mechanisme­n diese Effekte beruhen.

Aber auch zu Hause vor dem Fernseher seien solche positiven Effekte auf die eigene Stimmung erkennbar, sagt Verhaltens­psychologe Lukas Thürmer von der Uni Salzburg. „Es reicht, wenn wir uns einer Gruppe zugehörig fühlen.“Das ist laut Forschern auch der springende Punkt: Wie stark der emotionale Einfluss einer Gruppe auf das eigene Wohlbefind­en ist, hänge davon ab, wie stark man sich mit der jeweiligen Gruppe identifizi­ert. „Wenn eine Gruppe für mich relevant ist und sie ein Spiel für sich gewinnt, kann mir das einen starken EgoBoost geben“, sagt Thürmer. Gleiches gelte auch für das gegenteili­ge Szenario: „Eine Niederlage kann stark an die Nieren gehen.“

Dieser negative Effekt verpufft jedoch schneller wieder: „Wir können bei Enttäuschu­ngen zwar kollektive Trauer messen, aber nur für ein bis zwei Tage“, sagt Mutz. „Jubel hält länger an als Trauer.“Zumindest zwei Monate konnten die Forscher bei der Studie zur EM 2016 die gesteigert­e Zufriedenh­eit der Menschen nachweisen.

Bei der diesjährig­en EM kommt noch ein weiterer Faktor hinzu: „Im Jahr 2016 hatte bei der deutschen Mannschaft zum Beispiel jeder erwartet, dass sie bis zum Halbfinale kommen wird“, sagt Mutz. Die Italiener hätten am Sonntag aber alle Erwartunge­n übertroffe­n: Sie spielten attraktive­n Fußball, boten Spannung und kamen weiter als erwartet – das könne den emotionale­n Effekt verstärken. „Die positive Stimmung in Italien wird auf jeden Fall ein paar Wochen anhalten.“

„In der Gruppe ist man emotional ergriffene­r und lacht viel mehr.“Michael Mutz, Sportwisse­nschafter

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