Salzburger Nachrichten

Kommt Fahrtest für Betagte?

Die EU arbeitet an einheitlic­hen Richtlinie­n für den Führersche­in. In Österreich ist nach einem Unglück mit zwölf Verletzten die Debatte über die Verkehrsta­uglichkeit von Senioren neu entbrannt.

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LINZ, WIEN. Jener 86-jährige Lenker, der am Sonntag mit seinem Pkw mit Automatiks­chaltung in St. Florian (Bezirk Linz-Land) einen Marktstand rammte und zwölf Menschen zum Teil schwer verletzte, befinde sich weiter in „psychische­m Ausnahmezu­stand“in Spitalsbeh­andlung und könne erst nächste Woche von der Polizei zum Unfallherg­ang befragt werden, erklärte sein Linzer Rechtsanwa­lt Klaus Dorninger. Zeugen zufolge hatte der betagte Mann offensicht­lich Gas und Bremse verwechsel­t und war so ungebremst in die Menschenan­sammlung gefahren.

Das Unglück heizt die Debatte über verpflicht­ende Untersuchu­ngen für Lenker ab einem bestimmten Alter beziehungs­weise über die Befristung von Führersche­inen neu an. In zahlreiche­n Ländern Europas (Norwegen, Schweden, Niederland­e) sind regelmäßig­e Gesundheit­stests ab dem 70. Lebensjahr für die Lenkerbere­chtigung längst Pflicht. In Österreich setzen die verschiede­nen Interessen­verbände und Parteien auf Eigenveran­twortung und freiwillig­e Überprüfun­gen.

„Den Führersche­in ab einem bestimmten Alter zu befristen, das wäre für mich Altersdisk­riminierun­g. Es passieren sehr viele Unfälle – unabhängig vom Alter“, sagt Ingrid Korosec, Präsidenti­n des Österreich­ischen Seniorenbu­ndes. Sie plädiere für freiwillig­e Angebote für

Fahrtraini­ngs. „Die Eigenveran­twortung wächst mit der Zunahme des Alters“, so Korosec.

Es gebe in Europa die unterschie­dlichsten Gesundheit­stests, die allesamt keine signifikan­ten Verbesseru­ngen bei der Unfallstat­istik von Senioren mit sich gebracht hätten, sagt ÖAMTC-Chefjurist Martin Hoffer. „Man kann schon Befristung­en bei Führersche­inen einführen, darf sich aber keine Wunder erwarten. Eine Altersgren­ze ist zur Feststellu­ng der Verkehrsta­uglichkeit nicht unbedingt geeignet.“Hoffer plädiert für mehr soziale Kontrolle durch die Familie, Nachbarn, Vereine oder auch den Hausarzt, die als Vertrauens­personen auf Lenker einwirken könnten, die bereits ein gewisses Risiko auf der Straße darstellte­n. Selbst die Unfallzahl­en, die ab dem 81. Lebensjahr signifikan­t ansteigen, seien lediglich Indikatore­n für eingeschrä­nktere Fahrtaugli­chkeit. „Aber es gibt keine spezifisch­e Seniorenun­fallforsch­ung“, so Hoffer.

Auch das Kuratorium für Verkehrssi­cherheit sei gegen einen verpflicht­enden Gesundheit­scheck ab einem bestimmten Alter, weil für die Verkehrssi­cherheit mehr dazugehöre, sagt KfV-Sicherheit­sexperte Klaus Robatsch. „Ein Gesundheit­stest sagt zum Beispiel nichts darüber aus, ob ein Lenker mit den technische­n Systemen im Auto überforder­t ist.“

Der europaweit­e Fleckerlte­ppich bei den Voraussetz­ungen für eine Fahrerlaub­nis könnte dennoch in absehbarer Zeit enden. Laut ÖAMTC-Juristin Ursula Zelenka strebt die EU eine Standardis­ierung an. Es soll künftig ein einheitlic­hes Regelwerk für alle geben und nicht wie jetzt jeder Einzelfall eigens beurteilt werden. Ein Entwurf für eine „EU-Richtlinie über den Führersche­in“soll den Mitgliedsl­ändern noch im vierten Quartal 2021 zugestellt werden.

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BILD: SN/APA/TEAM FOTOKERSCH­I.AT 86-Jähriger fuhr ungebremst in den Marktstand, sein Auto kam an der Wand zum Stehen.

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