Salzburger Nachrichten

Die Freiheit des Bargelds und ihre Grenzen

Die Diskussion über Obergrenze­n für Bargeld zeigt: Wo Emotionen im Spiel sind, dringt man mit Fakten schwer durch.

- Richard Wiens RICHARD.WIENS@SN.AT

In der Pandemie hat sich in unser aller Leben in kurzer Zeit viel geändert. Nicht weil wir es wollten, sondern weil es oft unvermeidl­ich war oder es der Sicherheit und Gesundheit von uns allen diente.

Dazu zählt auch der Umgang mit Bargeld. Es dauerte nicht lange, bis Konsumenti­nnen und Konsumente­n eindringli­ch gebeten wurden, vorzugswei­se mit Karte statt mit Scheinen und Münzen zu zahlen. Daran änderte sich auch nichts, nachdem Wissenscha­fter die Sorge zerstreut hatten, man könne sich durch den Kontakt mit Bargeld mit dem Coronaviru­s infizieren.

Die meisten gewöhnten sich schnell daran, selbst Kleinstbet­räge mit der Bankomatka­rte bezahlen zu können. Ohne einen Code eingeben zu müssen. Karte ans Lesegerät halten, schon wechselt das Geld seinen Besitzer. Dass man mit jeder Kartenzahl­ung auch Daten hinterläss­t, blenden die meisten von uns aus.

Wie so oft im Leben wollen die Menschen aber das eine tun, ohne das andere zu lassen. Dass sie die Bequemlich­keit der Karte ebenso schätzen wie die Anonymität von Scheinen und Münzen, sieht man daran, dass laut einer aktuellen Umfrage fast 90 Prozent weiter Bargeld bei sich haben. Die gleiche Umfrage zeigt, dass die Front der Gegner von Obergrenze­n zu bröckeln beginnt, die sehen zwar 47 Prozent skeptisch, aber 35 Prozent halten sie für begrüßensw­ert.

Nun schlägt die EU-Kommission im Kampf gegen Geldwäsche eine einheitlic­he Bargeldobe­rgrenze von 10.000 Euro vor – schon wird verlässlic­h Alarm geschlagen. Aus einer Obergrenze für das Bezahlen von Bargeld dessen schleichen­de Abschaffun­g abzuleiten ist ein mutwillige­r Kurzschlus­s. In Schweden gibt es wie in Österreich keine gesetzlich­e Bargeldobe­rgrenze, dennoch verabschie­den sich die Menschen dort bereitwill­ig vom Bargeld, während die Österreich­er beharrlich daran festhalten. Offenbar ist der Zusammenha­ng zwischen Obergrenze­n für Bargeld und der Angst, dass es verschwind­et, schwach. Der Siegeszug der Karte wird aber selbst Schwedens Notenbank unheimlich, da im digitalen Zahlungsve­rkehr Gefahren lauern, etwa durch Cyberangri­ffe. Sie macht sich daher für den Erhalt von Münzen und Scheinen stark.

Es täte gut, die Debatte über Bargeld zu versachlic­hen. Eine Grenze von 10.000 Euro schränkt die Freiheit des Einzelnen beim anonymen Zahlen nicht ein. Umgekehrt gibt es keinen Grund, warum im geschäftli­chen Verkehr Zig- oder Hunderttau­sende Euro bar den Besitzer wechseln sollen. Und wenn die Menschen nicht wollen, dass Bargeld verschwind­et, wird es ihnen die Politik nicht wegnehmen können.

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