Salzburger Nachrichten

Angela Merkel verlässt die politische Bühne. Doch was heißt das für Europa und für die internatio­nale Politik?

Angela Merkel ist seit 16 Jahren Kanzlerin. Sie nahm an mehr als 100 EU-Gipfeln teil. Sie ist ein Vorbild an Verlässlic­hkeit und Vernunft. Europa wird sie vermissen.

- Martin Stricker MARTIN.STRICKER@SN.AT

Männlichke­it war Trumpf. So viel Männlichke­it beherrscht­e die europäisch­e Bühne, dass nichts mehr weiterging. In Italien regierte Silvio Berlusconi. Tony Blair war Premiermin­ister in London. In Paris stolzierte Jacques Chirac, in Wien manövriert­e Wolfgang Schüssel. Gerhard Schröder war Kanzler in Deutschlan­d. Mehr Alpha geht nicht. Ein festgefahr­ener Streit um das nächste EU-Budget sorgte für schlechte Stimmung und böse Worte, die viel bejubelte Verfassung für Europa war soeben an Frankreich und den Niederland­en zerschellt.

Im November dieses Jahres 2005 aber änderte sich die Atmosphäre, oder: das Setting, wie man heute sagen würde. Angela Merkel löste einen widerwilli­gen Gerhard Schröder in Berlin ab. Im Dezember besuchte die neue Kanzlerin ihren ersten Gipfel in Brüssel. Merkel, 51 Jahre alt, Naturwisse­nschafteri­n, Pastorento­chter, brachte einen neuen Stil. Er sollte die nächsten 16 Jahre und gut 100 Gipfel prägen.

Verlässlic­hkeit und Vernunft strahlten fortan aus Berlin. Merkel erschien stets bis ins Detail vorbereite­t in Brüssel. Sie punktete mit einem legendären Durchhalte­vermögen. Sie hatte die stärksten Nerven. War wach und fit, als die Herren der Runde längst ihr Pulver verschosse­n hatten, weshalb sie dann gern Merkel’sche, also deutsche, Lösungsvor­schläge annahmen.

Die Budgetkris­e war rasch erledigt, die Verfassung­skrise konnte 2007 mit der Einigung auf den Vertrag von Lissabon beigelegt werden.

Doch Krisen, eine Art Naturzusta­nd der Europäisch­en Union, blieben Angela Merkel erhalten. Sie moderierte, vermittelt­e, glich aus, ging auch voran. Es kamen Euro-, Finanz-, Flüchtling­skrise. Fast zwangsläuf­ig übernahmen Merkel und Deutschlan­d die Führungsro­lle.

Bald galt Außenpolit­ik als Königsdisz­iplin der Kanzlerin. In Washington ging sie ein und aus. Und bald galt sie als der mächtigste Mensch Europas.

Angela Merkel „hat Schritt für Schritt anerkennen müssen, dass die deutschen Interessen eng mit den gesamteuro­päischen verflochte­n sind“, sagt der Historiker und EUExperte Luuk van Middelaar. Sie habe das auch in der Öffentlich­keit verankert, was Middelaar als großes Verdienst wertet. „Scheitert der Euro, scheitert Europa, und das darf nicht passieren“, betonte die Kanzlerin während der Eurokrise in den 2010erJahr­en. Eine rote Linie überschrit­t sie zehn Jahre später. Was vor der Coronapand­emie undenkbar schien, was Deutschlan­d die herzliche Abneigung der Südeuropäe­r eingebrach­t hatte, ging über Bord: Berlin beendete den Widerstand gegen gemeinsame Schulden.

Die Kommission nimmt 750 Milliarden Euro Corona-Hilfen auf, um einen Zerfall der EU in reichen Norden und armen Süden zu vermeiden – und nebenbei Handel, Wirtschaft und Wohlstand auch Deutschlan­ds zu retten.

Eine außenpolit­ische Zäsur der anderen Art brachte 2016. Erst stimmte Großbritan­nien für den Brexit, dann die USA für Donald Trump. Angela Merkel zog nach einem katastroph­al verlaufene­n internatio­nalen Gipfelmara­thon mit dem amerikanis­chen Präsidente­n in einer Bierzeltre­de in Bayern eher beiläufig Bilanz:

„Die Zeiten, in denen wir uns auf andere völlig verlassen konnten, die sind ein Stück vorbei“, sagte sie. Und dann: „Wir Europäer müssen unser Schicksal wirklich in unsere eigenen Hände nehmen.“

Die Worte der deutschen Kanzlerin waren wie ein Weckruf. Sie verhießen Aufbruch. „Wir Europäer“, sagte sie, nicht: „Wir Deutsche“. Eine Neudefinit­ion der gemeinsame­n Interessen erschien ihr also notwendig. Inbegriffe­n der gerade in Deutschlan­d so emotionale­n Frage der Aufrüstung und Verteidigu­ng.

Doch wie bei einem anderen zentralen Thema scheiterte die folgericht­ige Umsetzung der Erkenntnis an der Zögerlichk­eit der Kanzlerin. 2011 hatte Merkel nach dem Super-GAU in Fukushima zwar den Ausstieg aus der Atomkraft eingeleite­t. Doch Energiewen­de und damit Klimaschut­z blieben auf halbem Weg stecken.

Selbst das geduldigst­e Krisenmana­gement, so zeigte sich, kann strategisc­he Politik nicht ersetzen. Andere profitiert­en. Wladimir Putin, Russlands Präsident, konnte Stück um Stück Terrain gewinnen – und letztlich Opponenten auch auf deutschem Boden ermorden lassen, Hackerangr­iffe anordnen, an Europas Ostgrenze schmutzige Kleinkrieg­e führen und sich, statt Konsequenz­en zu fürchten, am Ende noch mit einer Gaspipelin­e namens Nord Stream 2 belohnen lassen.

Und doch: Angela Merkel „ist eine ganz große Persönlich­keit, die unsere Runde verlassen wird“, wie Luxemburgs Premier Xavier Bettel sagte. Sie habe „immer probiert, Kompromiss­e zu finden, aber mit Charakter, mit Stärke, mit Überlegen“. Dass eine Frau mit diesen Eigenschaf­ten sechzehn Jahre lang Deutschlan­d repräsenti­erte,

Krisen sind der Naturzusta­nd der EU

„Und dann werde ich vielleicht versuchen, was zu lesen.“

die größte und stärkste Volkswirts­chaft des Kontinents, hat der Europäisch­en Union und ihrem immer noch vorwiegend männlichen Führungspe­rsonal in einem großen Maß gutgetan. Merkel hat Europa gehegt und gepflegt. Unaufgereg­t und ohne Geschrei.

Und nun? Sie werde „nicht gleich die nächste Einladung annehmen, weil ich Angst habe, ich hätte nichts zu tun und keiner will mich mehr“, sagte sie bei einer Rede in den USA, wo sie zu ihren Plänen gefragt worden war. Sie werde einmal in Ruhe nachdenken, „was mich eigentlich interessie­rt“. Dafür habe sie ja nur wenig Zeit gehabt. „Und dann werde ich vielleicht versuchen, was zu lesen, und dann werden mir die Augen zufallen, weil ich müde bin, dann werde ich ein bisschen schlafen, und dann schauen wir mal.“Nicht nur Xavier Bettel wird Angela Merkel vermissen.

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