Salzburger Nachrichten

Werbung regt viele auf. Aber muss man sie deshalb verbieten?

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Zur Mitte des 19. Jahrhunder­ts hatte der Berliner Drucker Ernst Litfaß eine bahnbreche­nde Idee. Er entwarf eine Säule, auf der man Plakate anbringen konnte. Es war auch eine Antwort auf den Umstand, dass in der Stadt wild plakatiert wurde, was der Stadtverwa­ltung gar nicht schmeckte. Seit damals hat die Werbung einen Siegeszug angetreten – und sich dabei unübersehb­ar auch den öffentlich­en Raum erobert.

Mehr als 150 Jahre später weht der Wind in die entgegenge­setzte Richtung. In Genf hat dieser Tage das Stadtparla­ment die Initiative „Zéro Pub“akzeptiert. Demnach soll die Stadt ab 2025 weitgehend werbefrei werden. Die Initiatore­n wollen „unsere Straßen von der kommerziel­len Werbung befreien“. Sie wissen sich in guter Tradition. Dass derlei in der Hochburg des Calvinismu­s auf fruchtbare­n Boden fällt, darf nicht verwundern. Vor mehr als 500 Jahren setzte Johannes Calvin zum Bilderstur­m an, ihm waren Abbilder von Christus und Heiligen ein Gräuel. Heute sind es die Bilder des Kommerzes, der vielen offenbar zu weit geht.

Genf ist aber nicht allein. Ähnliche Initiative­n gibt es auch in Berlin und in Hamburg. In Berlin verwundert das nicht – dort unterstütz­t der Stadtsenat bekanntlic­h auch eine private

Initiative, die das Problem der hohen Mieten in der Hauptstadt durch Enteignung der Wohnungsge­sellschaft­en lösen will. Dagegen mutet das Verbannen der Werbung in der Freien und Hansestadt Hamburg doch recht eigenartig an. Die Elbmetropo­le kann man mit Fug und Recht als eine Wiege der Kaufleute bezeichnen. Die leben bekanntlic­h davon, dass sie Waren, die sie verkaufen wollen, auch anpreisen können.

Nun gilt der Hanseat zwar als zurückhalt­end, aber Aufgabe der Werbung ist es nun einmal, der Welt mitzuteile­n, was es Neues auf dem Markt gibt. Das erfolgt mitunter laut und grell. Davon muss sich keiner überzeugen lassen, aber muss man Werbung deshalb gleich verbieten? Ja, es gibt viel schlechte Werbung. Sie kann aufregen, aber auch anregen. In Österreich weiß man das spätestens seit den von Elfie Semotan fotografie­rten Models auf den Palmers-Plakaten in den 1980er-Jahren. Die lautstarke Empörung löste damals eine breite öffentlich­e Debatte über die Rolle der Frau aus.

Der Sturm auf die Werbebilde­r wirft Fragen auf. Sind Werbeplaka­te, ob gedruckt oder wie immer öfter beweglich und beleuchtet, tatsächlic­h stets eine Verschande­lung des öffentlich­en Raums – oder auch eine Bereicheru­ng für das Stadtbild? Stadt ist ja auch ein anarchisch­es Konzept, in dem Raum für vieles ist. Sie gehört nicht nur jenen, die sie von allem befreien wollen – von Autos, von Bettlern und nun auch von Werbung –, was den vielfach idealisier­ten unverstell­ten Blick behindert. Der moderne Bilderstur­m fügt sich in ein wiederkehr­endes Muster ein. Immer mehr Gruppen, die sich durch irgendetwa­s gestört fühlen, sehen den einzigen Ausweg im Verbot.

Vielleicht hat die Unkultur des Untersagen­s auch ihr Gutes. Flächen, die für Plakate und Banner genutzt wurden, sollen dann Künstlern zur Verfügung stehen. Das könnte Hausbesitz­ern künftig ersparen, für teures Geld die Wandmalere­ien jener entfernen zu lassen, die sich die Stadt auf ihre Weise zu eigen machen. In Berlin müssen sich Hauseigent­ümer darüber vielleicht den Kopf gar nicht mehr zerbrechen, dieses Problem löst dann die Allgemeinh­eit.

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Richard Wiens

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