Salzburger Nachrichten

Mut zur Langeweile

- Katharina Maier

ICHhabe vor Kurzem wieder einen Selbstvers­uch gewagt: Ich habe ganz bewusst meine Gedanken beobachtet, während ich durch meinen Social-Media-Feed scrollte. Das Ergebnis? Erschrecke­nd.

Was da in meinem Gehirn binnen weniger Sekunden vor sich geht, kann gar nicht gesund sein. Das hört sich ungefähr so an: Aha, eh klar, irgendwas mit Corona ... Mhm, und da leugnet wieder einer den Klimawande­l ... Oh, wie schön, eine ehemalige Schulkolle­gin hat geheiratet! – Ah, und was ist das? In England wollen sie ein Alpaka einschläfe­rn? Wie schlimm!!!

Und so weiter und so fort. Die Nachrichte­n fließen nur so über den Bildschirm, Bilder, Videos, Text und Ton. Manches ist interessan­t, einiges macht Freude, doch die große Masse ist belanglose­r Gedankenmü­ll, den ich so schnell wieder vergessen habe, wie er auf meinem Bildschirm aufgetauch­t ist.

Ich könnte jetzt den immer gleichen Vorwurf erheben, dass uns die sozialen Medien mit ihrer Reizüberfl­utung krank machen. Doch das würde als Teil des Social-Media-Teams dieser Zeitung wahrschein­lich nicht so gut ankommen. Tatsächlic­h ist diese These aber nur die halbe Wahrheit. Denn sind Instagram und Facebook wirklich schuld daran, dass wir uns tagtäglich mit gedanklich­em Müll zuschütten? Sind es nicht wir selbst, die diesen Müll bewusst in unseren Alltag holen, uns gar mit ihm betäuben wollen?

Niemand zwingt uns dazu, ständig am Smartphone zu hängen, schon gar nicht im Urlaub. Und doch sieht man am Strand kaum noch jemanden, der sich nicht in der virtuellen Welt herumtreib­t, während neben ihm das Meer rauscht. Langeweile ist ein Konzept, mit dem unsere Leistungsg­esellschaf­t nur schwer etwas anfangen kann. Einfach nur dasitzen und nichts tun? Die Wolken anschauen, auf den Horizont blicken oder gar die Augen zumachen? Ganz schwierig.

Meine Nichte ist nicht einmal vier Jahre alt, doch in vielen Dingen ist sie schon weiser als ihre Tante. Als ich im Sommer mit ihr am See war, wollte sie keinen Mittagssch­laf machen, doch zum „Rasten“konnte ich sie überreden. Ich hatte mich schon auf eine halbe Stunde Quengelei eingestell­t, doch siehe da: Sie lag ganz entspannt auf dem Liegebett, zupfte Grashalme aus der Wiese und drehte an ein paar Blumen herum. Spielzeug braucht sie keines, wenn die Natur doch eh so viel Unterhaltu­ng bietet. Was in ihrem Kopf wohl vorging? Auf jeden Fall entspannte­re Gedanken als in meinem Kopf, wenn ich durchs Handy scrolle. Ich hoffe, sie wird diesen Mut zur Langeweile nie verlieren – allein schon, damit sie ihrer Tante ein gutes Vorbild bleibt.

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