„Ich ha­be mich für den Zy­nis­mus vie­ler Ab­ge­ord­ne­ter ge­niert“

Das ge­kipp­te Rauch­ver­bot brach­te Strolz in Ra­ge. Sei­ne Zu­kunft wird je­den­falls pro-eu­ro­pä­isch.

Vorarlberger Nachrichten - - Politik -

WIEN Mat­thi­as Strolz zieht sich zu­rück, im Ju­ni von sei­nem Pos­ten als Par­tei­chef, im Sep­tem­ber als Klub­ob­mann. Was die De­bat­te zum Rauch­ver­bot da­mit zu tun hat, wo­für er sich in Zu­kunft en­ga­gie­ren will und war­um er auf ei­ne Fa­mi­li­en­fei­er des fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron war­tet, er­klärt der Par­tei­grün­der den VN. STROLZ Mich hat der Zy­nis­mus in der Rau­cher­de­bat­te hart ge­trof­fen. Das ha­be ich zum Aus­druck ge­bracht. Viel­leicht hät­te ich ein an­de­res Kon­troll- und Ver­drän­gungs­ni­veau für mei­ne Emo­tio­nen ge­habt, wä­re für mich da­mals nicht schon der Ent­schluss klar ge­we­sen, den Par­tei­vor­sitz in den nächs­ten Mo­na­ten zu über­ge­ben. Es gibt zwi­schen mei­nen Emo­tio­nen in der Rau­cher­de­bat­te und mei­nem Rück­zug al­so Wech­sel­wir­kun­gen, aber kei­ne Kau­sa­li­tä­ten. STROLZ Ich ha­be mich ge­niert, weil wir den wis­sen­schaft­li­chen Be­fund auf dem Tisch hat­ten, dass zwei bis drei Men­schen in Ös­ter­reich täg­lich an den Fol­gen des Pas­siv­rau­chens ster­ben und sich trotz­dem die Mehr­heit der Ab­ge­ord­ne­ten fürs Ster­ben die­ser Men­schen ent­schie­den hat. Das war in ei­ner Art zy­nisch, die mich be­trof­fen macht. STROLZ Zy­nis­mus ist ei­ne zen­tra­le Be­wäl­ti­gungs­stra­te­gie für je­ne, die vom po­li­ti­schen Spit­zen­amt über­for­dert sind; von die­ser Reiz­über­flu­tung, da­von, dass je­der an dir zerrt, dass es ein har­tes Ge­schäft ist. Lei­der ist Zy­nis­mus in sei­ner de­struk­ti­ven Au­s­prä­gung men­schen­und le­bens­ver­ach­tend. Ich bin da eher ein An­hän­ger der Bio­phi­lie von Erich Fromm, der Lie­be zum Le­ben­di­gen.

STROLZ Die De­mo­kra­tie be­fin­det sich in ei­ner Kri­se. Den­ken Sie nur an Do­nald Trump oder Vik­tor Or­ban, der nach sei­ner An­kün­di­gung ei­ner „il­li­be­ra­len De­mo­kra­tie“jetzt den Wunsch nach ei­ner „christ­li­chen De­mo­kra­tie“ge­äu­ßert hat. Das geht in Rich­tung Kreuz­zug­m­e­ta­pher und ist ein Irr­weg, das sa­ge ich als Po­li­ti­ker und als Ka­tho­lik. Die Ne­os ge­hen lie­ber den Weg der Par­ti­zi­pa­ti­on. Tau­sen­de Men­schen ha­ben sich für den Auf­bau un­se­rer po­li­ti­schen Kraft en­ga­giert. STROLZ Wir ha­ben kein Pa­tent­re­zept. Un­se­re Be­we­gung, die Par­ti­zi­pa­ti­on, dass wir uns öff­nen, ist im­mer ein Ver­su­chen und Fin­den. Ich glau­be auch, dass Em­ma­nu­el Ma­cron in die­ser Fra­ge für Frank­reich und Eu­ro­pa ein Fort­schritt ist. STROLZ Der Brief geht über ei­nen pri­va­ten Ka­nal und nicht über die Post. Em­ma­nu­el Ma­cron wird ihn bei ei­nem Fa­mi­li­en­tref­fen er­hal­ten, das in den kom­men­den Ta­gen statt­fin­det. In Frank­reich ist Fa­mi­lie wich­tig und mir schien die Va­ri­an­te, den Brief über die­sen Weg zu­zu­stel­len, da­her als die ef­fek­ti­ve­re. STROLZ Was heißt bru­tal? Das Le­ben ist bru­tal, weil es am Schluss töd­lich ist. Es gibt Ver­gäng­lich­keit und knap­pe Res­sour­cen. Es wä­re schlimm, wenn es an­ders wä­re. Ich will mir den Men­schen gar nicht vor­stel­len, wenn er ewig le­ben wür­de und al­les hät­te. Er wür­de sich wahr­schein­lich selbst zu­grun­de rich­ten. Wir sind in die­se Be­grenzt­heit und die Ver­tei­lungs­kämp­fe um Auf­merk­sam­keit, Macht und Geld ge­bet­tet. Es ist die Auf­ga­be der Po­li­tik, die­se in ei­ner zi­vi­li­sier­ten Art und Wei­se zu ver­han­deln. Dass es sich da­bei um Kämp­fe han­delt, müs­sen wir re­spek­tie­ren. STROLZ Eu­ro­pa ist mir ein Her­zens­an­lie­gen. Es ist ei­ne Schick­sals­fra­ge für un­ser Mit­ein­an­der. Dar­auf wer­de ich wei­ter­hin viel Zeit in­ves­tie­ren.

STROLZ Ich bin mit vie­len Par­tei­chefs in ganz Eu­ro­pa im Aus­tausch. Es gibt ein gro­ßes Netz­werk un­ter den Li­be­ra­len, aber lei­der noch ei­nen wei­ßen Fleck in Frank­reich. Dort ha­ben wir kei­nen Ver­bün­de­ten. Das möch­te ich än­dern.

STROLZ Em­ma­nu­el Ma­cron ist ei­ne an­de­re Kampf­klas­se als ich. Aber er wird Ver­bün­de­te brau­chen und da ist je­des Licht, auch ein klei­ne­res, ei­ne Hil­fe. Ich schät­ze sei­ne Ide­en und sei­ne Ent­schlos­sen­heit und bie­te ihm mei­ne Un­ter­stüt­zung an.

STROLZ Ja. Auch die Al­li­anz der Li­be­ra­len und De­mo­kra­ten hät­te mich ger­ne wei­ter­hin da­bei. Da sa­ge ich na­tür­lich Ja, vor­be­halt­lich des­sen, was es am En­de kon­kret sein wird. Mich in­ter­es­siert zum Bei­spiel die in­ter­na­tio­na­le Frie­dens­ar­beit. Ich ha­be auch schon ei­ne zu­sätz­li­che Aus­bil­dung im Be­reich der sys­te­mi­schen Or­ga­ni­sa­ti­ons­ent­wick­lung be­gon­nen, aus der ich ja ur­sprüng­lich kom­me. Das mensch­li­che Le­ben ist ei­ne Ent­fal­tung bis zum letz­ten Atem­zug.

APA

Mat­thi­as Strolz möch­te den fran­zö­si­schen Prä­si­den­ten Em­ma­nu­el Ma­cron über­zeu­gen, sich mit den Li­be­ra­len in Eu­ro­pa zu ver­bün­den.

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