Kaum Geld, kei­ne Ver­si­che­rung

Vor 100 Jah­ren leb­te man von der Hand im Mund.

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WI­EN Wie es den Men­schen vor 100 Jah­ren ge­gan­gen ist, er­ahnt man, wenn man Aus­ga­ben der „Vor­arl­ber­ger Lan­des­zei­tung“von da­mals stu­diert. An­fang No­vem­ber 1918 fand sich in ei­ner sol­chen bei­spiels­wei­se ei­ne Emp­feh­lung für all je­ne Un­ter­neh­men, die sich auf­grund der „Knapp­heit der Bar­mit­tel“schwerta­ten, Löh­ne aus­zu­be­zah­len: Sie soll­ten ih­ren An­ge­stell­ten ra­tio­nier­te Le­bens­mit­tel mit den da­für vor­ge­se­he­nen Kar­ten or­ga­ni­sie­ren. So­fern es ge­nug da­von gab: Zwi­schen­durch kam es zu ei­ner Kür­zung der Mehl­zu­wei­sun­gen. Im­mer­hin aber soll­te die­se durch mehr Fleisch und Kä­se kom­pen­siert wer­den. Die Grün­dung der Ers­ten Re­pu­blik hät­te kaum in ei­ne här­te­re Zeit fal­len kön­nen. Nach vier Jah­ren Krieg ha­be in Tei­len der Mon­ar­chie „ab­so­lu­te Hun­gers­not“ge­herrscht, er­klärt die Wirt­schafts­his­to­ri­ke­rin An­drea Kom­lo­sy (61) den VN. In länd­li­che­ren Re­gio­nen, in de­nen ei­ne Selbst­ver­sor­gung eher mög­lich war, sei die La­ge et­was bes­ser ge­we­sen; in grö­ße­ren Städ­ten war sie be­son­ders schlimm.

Man­gel war laut Kom­lo­sy vor und nach dem Krieg all­ge­gen­wär­tig. Zwar sei schon in den 1880ern die So­zi­al­ver­si­che­rung ein­ge­führt wor­den. Kran­ken- und un­fall­ver­si­chert sei­en zu­nächst aber nur we­ni­ge ge­we­sen. Vol­ler Schutz, in­klu­si­ve Pen­si­ons­ver­si­che­rung für al­le, ist erst in der Zwei­ten Re­pu­blik ein­ge­führt wor­den. Sprich: Wer um 1918 in ein hö­he­res Al­ter kam, hat­te An­ge­hö­ri­ge, die sich um ihn küm­mer­ten, war reich - oder arm dran. Das­sel­be galt für Schick­sals­schlä­ge wie ei­ne schwe­re Er­kran­kung. Lohn­ein­künf­te hät­ten für Es­sen, Woh­nen und vi­el­leicht noch die nö­tigs­te Klei­dung ge­reicht, wie Kom­lo­sy wei­ter aus­führt: „Man leb­te von der Hand in den Mund.“Zu­min­dest als Durch­schnitts­bür­ger. JOH

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