Ge­gen jeg­li­che Zu­wan­de­rung

Vorarlberger Nachrichten - - Vorarlberg -

Vor zehn Jah­ren hat­te je­de sechs­te Per­son in Ös­ter­reich ei­nen Mi­gra­ti­ons­hin­ter­grund. Heu­te ist es fast schon je­de vier­te. Das soll­te man nicht über­se­hen, wenn man sich mit dem The­ma be­schäf­tigt: Vie­len ist das zu viel Ver­än­de­rung. Das muss man ernst neh­men. Ei­ni­ge Par­tei­en ma­chen ihr Ge­schäft da­mit. Doch ist das ein Grund, den Mi­gra­ti­ons­pakt ab­zu­leh­nen? Nein.

Auch aus ös­ter­rei­chi­scher Sicht wür­de al­les da­für spre­chen, ihn zu un­ter­stüt­zen. Er be­tont aus­drück­lich das sou­ve­rä­ne Recht der Staa­ten, ih­re na­tio­na­le Mi­gra­ti­ons­po­li­tik selbst zu be­stim­men. Gibt es Sor­ge, dass das nicht ernst ge­meint ist, könn­te man an­mer­ken, die Zu­stim­mung nur un­ter Vor­be­halt zu ge­wäh­ren. Das wä­re kein Pro­blem.

Doch dar­um geht es der Bun­des­re­gie­rung wohl auch gar nicht. Kanz­ler Se­bas­ti­an Kurz (ÖVP) und Vi­ze Heinz-Chris­ti­an Stra­che (FPÖ) le­ben viel­mehr von ih­rer Er­zäh­lung, dass Mi­gra­ti­on grund­sätz­lich ei­ne be­droh­li­che An­ge­le­gen­heit ist. Al­so ha­ben die Frei­heit­li­chen be­reits in ih­rem Wahl­pro­gramm fest­ge­hal­ten, dass sie ge­gen jeg­li­che Zu­wan­de­rung sind. Folg­lich will Schwar­zBlau da­für sor­gen, dass kein Frem­der in den ers­ten Jah­ren in Ös­ter­reich auch nur auf die Idee kommt, ei­ne So­zi­al­leis­tung zu be­zie­hen. Da kann er noch so viel Steu­er zah­len, sie wür­de ihm nicht ge­währt wer­den.

Vor die­sem Hin­ter­grund ist es nur kon­se­quent, den Mi­gra­ti­ons­pakt zu boy­kot­tie­ren. Ob­wohl ein ernst­haf­tes Be­mü­hen der Staa­ten­ge­mein­schaft da­mit ver­bun­den wä­re, Mi­gra­ti­ons­pro­ble­me in den Griff zu be­kom­men, die auf­grund von Kli­ma­wan­del, Krieg und Glo­ba­li­sie­rung im­mer grö­ßer und für ein­zel­ne Staa­ten, wie Ös­ter­reich, nicht mehr be­wäl­tig­bar wer­den.

Das wür­de schon bei ei­ner Art Wur­zel­be­hand­lung be­gin­nen. Da­von hat die Al­pen­re­pu­blik noch nie et­was wis­sen wol­len. Rot-weiß-ro­te Ent­wick­lungs­hil­fe ist ein schlech­ter Witz. Wie im Üb­ri­gen auch der Be­trag von

2,1 Mil­lio­nen Eu­ro da­zu passt, den man heu­er dem UN-Flücht­lings­hoch­kom­mis­sa­ri­at UNHCR über­wie­sen hat, das Hun­dert­tau­sen­de Men­schen be­treut. Das ist nichts. Zum Ver­gleich: In den Na­tio­nal­rats­wahl­kampf hat al­lein die ÖVP min­des­tens sie­ben Mal mehr in­ves­tiert, die FPÖ fünf und die SPÖ an­geb­lich drei bis vier

Mal so viel.

Das Nein zum Mi­gra­ti­ons­pakt ent­spricht auch der hie­si­gen Ab­sa­ge, Frem­den, ganz egal ob Flücht­ling oder Mi­grant, Min­dest­stan­dards in Be­zug auf Rechts­si­cher­heit, ge­schwei­ge denn Men­schen­rech­te zu­zu­ge­ste­hen. Sie­he die Ab­schie­bung in Sulz­berg, bei der ein Drei­jäh­ri­ger von sei­ner schwan­ge­ren Mut­ter ge­trennt wur­de. Das war ein so be­zeich­nen­der Akt für die­ses Sys­tem.

Na­tür­lich gin­ge es auch an­ders. Statt­des­sen könn­te man den Mi­gra­ti­ons­pakt et­wa zum An­lass neh­men, in in­ter­na­tio­na­ler Ab­stim­mung end­lich zu ei­ner ge­steu­er­ten Zu­wan­de­rungs­po­li­tik auf na­tio­na­ler Ebe­ne zu ge­lan­gen; oder auch im Asyl­we­sen or­dent­li­che, kon­se­quen­te, aber zu­gleich auch wür­de­vol­le Ver­hält­nis­se zu schaf­fen. Doch will man das? Lei­der nein.

„Mit dem Mi­gra­ti­ons­pakt ist das Be­mü­hen ver­bun­den, Mi­gra­ti­ons­pro­ble­me in den Griff zu be­kom­men, die ein­zel­ne Staa­ten al­lein nicht mehr be­wäl­ti­gen kön­nen.“

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