20 Private Wohntraeume - - IN­HALT 6/2020 -

PO­LEN

LUB­O­MIERZ

Bea­ta und Wi­tek ha­ben sich in Deutsch­land ken­nen ge­lernt. Di­rekt nach der Uni­ver­si­tät ar­bei­te­te Bea­ta in ei­nem Ho­tel­re­stau­rant, wo Wi­tek als Koch tä­tig war. „Ich ha­be mich auf den ers­ten Blick ver­liebt und woll­te wirk­lich, dass wir zu­sam­men sind“, er­in­nert sich Wi­tek. „Oh, ja?“lä­chelt Bea­ta. „War­um hast du mich dann bei un­se­rer ers­ten Ver­ab­re­dung zu ei­ner Do­sen­sup­pe ein­ge­la­den?“Ein Jahr spä­ter be­gan­nen sie als Ehe­paar ih­re ge­mein­sa­me Le­bens­rei­se. Acht­zehn Jah­re lang leb­ten und ar­bei­te­ten sie un­ter an­de­rem in Russ­land, Ko­rea, Chi­na und auf den Phil­ip­pi­nen, wo sie je­weils die Be­son­der­hei­ten der lo­ka­len Kü­che ken­nen lern­ten. Über ih­re Er­fah­run­gen be­rich­te­ten sie als Blog­ger, Fo­to­gra­fen und vor al­lem als Kö­che im In­ter­net und schau­ten sich Aro­men der chi­ne­si­schen, thai­län­di­schen, viet­na­me­si­schen, phil­ip­pi­ni­schen und ko­rea­ni­schen Kü­che ab. „Seit über ei­nem Vier­tel­jahr­hun­dert ar­bei­te ich als Koch“, er­zählt Wi­tek. „Ko­chen ist vor al­lem mei­ne Lei­den­schaft, mei­ne zwei­te Na­tur, und weil wir ei­nen Blog hat­ten, konn­te ich mich zu­dem mit der Kunst der Fo­to­gra­fie be­schäf­ti­gen, was mir viel Spaß be­rei­te­te, und dank der wir un­se­ren Re­zep­ten ap­pe­tit­li­che Fo­tos hin­zu­fü­gen konn­ten.“Vor zwei Jah­ren kehr­ten sie aus dem Her­zen Seo­uls zu­rück nach War­schau, um ih­re Woh­nung zu ver­kau­fen, zu der sie nach so lan­ger Ab­we­sen­heit von Po­len kei­ne sen­ti­men­ta­le Be­zie­hung mehr hat­ten. Ge­mein­sam woll­ten sie ein wei­te­res Aben­teu­er be­gin­nen. Sie träum­ten da­von, nach Nie­der­schle­si­en zu zie­hen und sich für den Rest ih­res Le­bens in ei­nem alt­deut­schen Haus nie­der­zu­las­sen – nicht im Her­zen der Ber­ge, son­dern in der Nä­he, in ei­nem ma­le­ri­schen Dorf ab­seits des tou­ris­ti­schen Schmelz­tie­gels. Zu­sam­men mit ei­nem Ar­chi­tek­ten­kol­le­gen fan­den sie in der Nä­he von Lub­o­mierz ein in­ter­es­san­tes Grund­stück, auf dem sich ei­ne 90 Jah­re al­te zer­stör­te Scheu­ne be­fand. Beim An­blick des ro­ten Back­stein­ge­bäu­des aus der Vor­kriegs­zeit er­in­ner­te sich Bea­ta an ih­re idyl­li­schen Kind­heits­ta­ge in den Ma­su­ren. Ho­he, schrä­ge De­cken, quiet­schen­der Bo­den aus al­ten Lär­chen­bret­tern, sicht­ba­re Bal­ken – wie bei Oma auf dem Dach­bo­den. Die­se Idyl­le wur­de durch die La­ge des Grund­stücks

mit Blick auf schö­ne, grü­ne Hü­gel, ei­nen Obst­gar­ten aus der Vor­kriegs­zeit und ei­ne mit üp­pi­gem Gras be­deck­te Wie­se er­gänzt. Bei­de spür­ten die po­si­ti­ve Ener­gie die­ses Or­tes, al­so be­schlos­sen sie, das An­we­sen zu kau­fen. Die Re­no­vie­rungs­ar­bei­ten be­gan­nen am ers­ten Früh­lings­tag und dau­er­ten ein Jahr. Zu­nächst räum­ten sie die Um­ge­bung auf und bau­ten ei­ne Zu­fahrts­stra­ße. Im In­ne­ren des Ge­bäu­des muss­ten De­cke, Fens­ter und In­nen­wän­de er­neu­ert wer­den. „Wir woll­ten so viel Licht wie mög­lich her­ein­las­sen, al­so ha­ben wir uns für wirk­lich gro­ße Fens­ter ent­schie­den“, er­zählt das Paar. Dass sie ein­mal ei­ne Scheu­ne aus ro­tem Back­stein re­no­vie­ren wür­den statt ei­nes ty­pi­schen Traum­hau­ses, hät­ten sie sich frü­her nicht träu­men las­sen. Doch auf die­se Wei­se ent­stand ihr ganz pri­va­tes Pa­ra­dies – ei­ne char­man­te, mo­der­ne Wohn­scheu­ne, die sie kur­zer­hand „Ra­js­kie Ja­bł­ka“(zu deutsch: Pa­ra­die­säp­fel) nann­ten, was sich auf die um sie her­um wach­sen­den Ap­fel­bäu­me aus der Vor­kriegs­zeit be­zieht. Sie rich­te­ten sich nicht nur ei­nen Ort für Pri­vat­sphä­re ein, son­dern auch ei­nen Ar­beits­platz, näm­lich ei­ne Agro­tou­ris­mus­farm. Als lä­cheln­de Be­sit­zer be­grü­ßen sie ih­re Gäs­te vor dem Ein­gang, der als ei­ne Art Schaufenst­er des Hau­ses fun­giert. Rie­si­ge Ver­gla­sun­gen las­sen die­sen Ein­druck ent­ste­hen und ma­chen neu­gie­rig auf die im In­ne­ren ver­bor­ge­nen De­tails. Das Herz­stück ist na­tür­lich die of­fe­ne Kü­che so­wie der Ess­be­reich im Erd­ge­schoss. Der Koch­be­reich wird von ei­ner Kü­chen­in­sel do­mi­niert, die aus ei­ner al­ten Dre­sch­ma­schi­ne be­steht, der ein­zi­gen land­wirt­schaft­li­chen Aus­rüs­tung, die am Kauf­tag in der Scheu­ne ver­blie­ben war. Es stell­te sich schnell her­aus, dass sie nur ei­ne gründ­li­che Rei­ni­gung brauch­te. Die Ar­beits­plat­te auf der Kü­chen­in­sel wur­de von ei­nem lo­ka­len St­ein­metz an­ge­fer­tigt. Die ro­ten Flie­sen in der Kü­che, wel­che zwi­schen den Fens­tern und Pfos­ten zu fin­den sind, wur­den auf Be­stel­lung von ei­ner Flie­sen-Ma­nu­fak­tur ge­brannt. Der Bo­den ist von Ze­ment­flie­sen be­deckt, die von ei­nem Nie­der­län­der, der nach Po­len ge­zo­gen ist und ne­ben­an wohnt, aus Ma­rok­ko mit­ge­bracht wur­den. Die Flie­sen la­gen über ein Dut­zend Jah­re in ei­nem na­he ge

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le­ge­nen La­ger­haus, wo­durch sie über die Zeit ei­ne schö­ne Pa­ti­na er­hiel­ten und nun per­fekt in die Scheu­ne pass­ten. Bei Bea­ta und Wi­tek gibt es kei­ne un­nö­ti­gen De­koAc­ces­soires. Nur funk­tio­na­le Ke­ra­mik­scha­len und ko­rea­ni­sche St­ein­scha­len, die wäh­rend ih­rer Rei­sen durch Asi­en auf Märk­ten und in klei­nen Lä­den ge­kauft wur­den, mu­ten prak­tisch und zu­gleich de­ko­ra­tiv an. Im Ess­be­reich kön­nen Gäs­te am gro­ßen Ess­tisch Platz neh­men, der von ei­nem lo­ka­len Hand­wer­ker ge­fer­tigt wur­de. Ein­zi­ger Wunsch bei der Um­set­zung war, dass min­des­tens zwölf Per­so­nen be­quem dar­an Platz ha­ben. Hier wer­den Ge­rich­te aus den in der Re­gi­on ver­füg­ba­ren Zu­ta­ten ser­viert. Bea­ta und Wi­tek be­zie­hen Obst, Ge­mü­se, Ho­nig und Milch­pro­duk­te von ört­li­chen Bau­ern­hö­fen. Fleisch, Kä­se und Kon­ser­ven pro­du­zie­ren sie selbst oder mit­hil­fe lo­ka­ler Her­stel­ler. Na­tür­lich ist Wi­tek der­je­ni­ge, der die Qua­li­tät der Köst­lich­kei­ten über­wacht. „Wir ser­vie­ren un­se­ren Gäs­ten ger­ne mo­der­ne Kü­che, ob­wohl wir Welt­klas­si­ker und mehr oder we­ni­ger tra­di­tio­nel­le pol­ni­sche Ge­rich­te nicht mei­den. Wir ver­su­chen je­den Gau­men zuf­rie­den zu stel­len.“Im Erd­ge­schoss be­fin­det sich auch ein ge­müt­li­ches Wohn­zim­mer mit Ka­min, wo man Zeit mit sei­nen Lie­ben ver­brin­gen kann. Je nach Wet­ter än­dert sich durch die gro­ßen Fens­ter die Au­ßen­an­sicht in ein neu­es, span­nen­des Na­tur­bild. Bei ei­nem gu­ten Buch und ei­ner Tas­se Tee lässt es sich hier herr­lich re­la­xen. Wei­che Kis­sen auf den So­fas und Ses­seln ani­miert zum Faul­sein. Und ein Tisch, der als Schreib­tisch dient, lädt Be­su­cher da­zu ein, Wan­de­run­gen in der Um­ge­bung zu pla­nen. Rot ist das Leit­mo­tiv des Hau­ses und passt per­fekt zu Äp­feln, Ge­wür­zen, Wein und nicht zu­letzt zur Vor­weih­nachts­zeit. Hier wird Pri­vat- und Be­rufs­le­ben per­fekt ver­bun­den, hier re­giert pu­re Har­mo­nie. ◆

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