Märkische Oderzeitung Angerm‎ünde

Vier Fäuste für eine Fliege in Cottbus

Am Staatsthea­ter Cottbus feiern mit „Zorro“und „Wonder Woman“zwei moderne Heldengesc­hichten Doppelprem­iere – ein vierstündi­ger Marathonst­art in die neue Spielzeit.

- Von Ute Grundmann

Cottbus. Am Staatsthea­ter in Cottbus feierten zwei moderne Heldengesc­hichten Doppelprem­iere: „Zorro“und „Wonder Women“. Die Zuschauer erlebten einen vierstündi­gen Marathonst­art in die Spielzeit.

Vier Herren in Unterwäsch­estrampler­n, mit dem „Z“auf der Brust oder ein Stück tiefer, förderte die Hydraulik aus dem Orchesterg­raben auf Höhe der Bühne. Die ist leer, düster und kalt, bietet weder Szenenbild noch sonstige Illusionen – dafür umso mehr Worte. Doch erst kommen noch die mächtigen Boxhandsch­uhe der Vier zum Einsatz, die Polizist, Armer, Stummer und ein Pferd sein sollen – und gerne mal die Rollen tauschen.

Aber die Darsteller Michele Andrei, Emilio De Marchi, Gunnar Golkowski und Markus Paul prügeln erst mal nicht sich, sondern die Luft. Aus dem Boxballett werden Als-ob-schläge – dazu schrillt die Western-mundharmon­ika, als spielten sie das „Lied vom Tod“. Doch Regisseur Antonio Latella gibt eine andere Melodie vor: Mit „Wer sind Sie?!“beginnt eine beinah endlose Wortschlei­fe. Dem Polizisten (Golkowski) ist „Form alles“, De Marchi dagegen „alles formlos“. Der Polizist weiß nicht mehr, welches Personalpr­onomen er sein will, und die Persönlich­keit geht auch flöten.

Sinn und Zweck muss das Publikum selbst finden.

So führen die von Latella und Federico Bellini geschriebe­nen Monologe und Chorstücke über Stock und Stein, kommen bei Politik, Mauern und Grenzen, Mülltrennu­ng und Eu-bürgern („sind Sie’s oder nicht?!“) vorbei. Auch saftige Kapitalism­us-kritik und den (möglichen) Unterschie­d zwischen Popeln und Denken gibt’s. Dazwischen geht der Eiserne Vorhang runter und wieder rauf. Und wenn Markus Paul eine wunderbare Pferd-piaffe zum Besten gibt, brauchen die vier alle Fäuste, aber kein Halleluja, um eine Fliege zu erwischen.

Das alles changiert zwischen höherem Blödsinn und sinnigen Anklagen, Analyse und Albernheit. Dazu bleibt das Saallicht an („Ihr seid gemeint!“). Einig werden sich die Herren nie, auch wenn das blaue und das gelbe „Z“(Golkowski, Paul) „‘ne Bewegung gründen“wollen. Die vier Schauspiel­er machen das sprachlich und physisch grandios – doch Sinn und Zweck muss das Publikum selbst finden. Dabei wird kaum eine Miene verzogen, dafür heftig applaudier­t.

Nach knapp zwei Stunden plus Pause sind dann die Frauen dran – Pardon, „Wonder Women“. Auch sie sind zu viert. Sie stecken in Gesichtski­tteln (Kostüme: Simona D’amico), auf denen, wie beim

„Z“, die Grundfarbe­n den Ton angeben. Dazu tragen alle rote Ringstiefe­l mit Chaplin-überlänge. Doch damit sind die Ähnlichkei­ten auch schon aufgebrauc­ht. Denn nun geht es Latella und Bellini nur mehr um ein Thema: Vergewalti­gte Frauen und deren (ohnmächtig­e) Wut.

Da werden dann von Sigrun Fischer, Ariadne Pabst, Lisa Schützenbe­rger und Anouk Wagener skandalöse Gerichtsur­teile verlesen, die junge Männer vom Vorwurf der Vergewalti­gung freisprech­en, weil die Frau „wie ein Junge aussieht“, oder – immer gerne benutzt – „sie es doch auch wollte“. Da muss dann auch mal ein Spitzentan­ga als „Beweis“herhalten. Dazu Polizisten voller

Klischees und süffisante­r Ratschläge: „Entspannt euch, Mädchen.“Das alles ist richtig, wichtig und der Anklage wert. Wird aber in 90 Theatermin­uten nichts anderes ausgespiel­t, reduziert es

Frauen auf die Rollen als Opfer und Wutgöttinn­en – was denn auch mit Krähengefl­atter und -gekreisch illustrier­t wird.

Und während die Zorro-männer, die zuvor auf der Bühne standen, auch mal komisch und bizarr sein dürfen, bleibt „Wonder Woman“anklagend, schrill und schmallipp­ig. Natürlich ist es so bewegend wie erschrecke­nd, wenn Ariadne Pabst in einem langen Solo das Verbrechen schildert. Aber Regisseur und Autor Antonio Latella scheut nicht mal das Bild der „Banalität des Bösen“. Er lässt Anklagen auf die Schuhsohle­n verlesen und „Wonder Woman“böse Blicke ins Publikum werfen. Klar, wir sind gemeint – ist angekommen.

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Foto: Rainer Weisflog Premiere: Zorro am Staatsthea­ter Cottbus
 ?? Foto: Rainer Weisflog ?? Gunnar Golkowski, Markus Paul, Enrico De Marchi und Michele Andrei (von links) in „Zorro“am Staatsthea­ter Cottbus.
Foto: Rainer Weisflog Gunnar Golkowski, Markus Paul, Enrico De Marchi und Michele Andrei (von links) in „Zorro“am Staatsthea­ter Cottbus.

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