Aalener Nachrichten

Ulm freut sich auf Kri­sen­club Schal­ke

SSV Ulm könn­te mit ei­nem Sieg das Schal­ker Hor­ror­jahr krö­nen – und ei­ne Jahr­hun­dert­kar­rie­re un­schön be­en­den

- Von Fe­lix Alex und SID Sports · Soccer · FC Schalke 04 · Schalke · SSV Ulm 1846 · SSV Ulm 1846 Fußball · Suchsdorfer SV · FC Schalke 04 II · German Football Association · DFB-Pokal · Ulm · Regionalliga Südwest · JOKO - Velamos · Juventus F.C. · Turin · Sidney L. Stürmer · David, Panama · UEFA · Huub Stevens · Weston McKennie · Amine Harit · Suat Serdar · Salif Sané · Mark Uth · David Wagner

ULM/GEL­SEN­KIR­CHEN (lsw) - Re­gio­nal­li­gist SSV Ulm 1846 will die Dau­er­kri­se des FC Schal­ke 04 für ei­ne Über­ra­schung im DFB-Po­kal nut­zen. „Wenn die Schal­ker ih­re Leis­tung ab­ru­fen, wer­den sie ih­rer Fa­vo­ri­ten­rol­le ge­recht. Aber im Fuß­ball gibt es im­mer wie­der Si­tua­tio­nen, wo ver­rück­te Din­ge pas­sie­ren“, sag­te Trai­ner Hol­ger Bachtha­ler vor dem Zweit­run­den­spiel heu­te (18.30 Uhr/ Sky) in Gel­sen­kir­chen. In der Re­gio­nal­li­ga be­legt Ulm Platz sechs, Schal­ke ist in der Bun­des­li­ga in­zwi­schen seit 29 Spie­len oh­ne Sieg.

- Es gibt nicht um­sonst An­stands­re­geln auf die­ser Welt. Sie re­geln das fried­li­che Zu­sam­men­le­ben und sind zu­sätz­lich zu Ma­nie­ren Grund­la­ge ei­ner gu­ten Er­zie­hung. Der SSV Ulm 1846 Fuß­ball muss jetzt je­doch ei­ne der grund­le­gends­ten igno­rie­ren. Und zwar: ei­nen be­reits am Bo­den lie­gen­den nicht auch noch zu tre­ten. Denn dass der FC Schal­ke 04 sich vor dem Zweit­run­den­spiel im DFB-Po­kal (18.30 Uhr/Sky) ge­nau dort be­fin­det, ist un­be­strit­ten. Das gibt selbst Schal­kes zu­rück­ge­hol­ter Not- und mög­li­cher Ret­tungs­trai­ner Huub Ste­vens zu, der da­her so­gar sei­ne ob­li­ga­to­ri­schen Schlei­fer- und Peit­schen­fä­hig­kei­ten ab­leg­te. „Die Jungs sind am Bo­den, da kannst du nicht noch drauf­tre­ten. Da musst du es auch mal mit Zu­cker­brot ver­su­chen“, sag­te der Jahr­hun­dert­trai­ner vor sei­nem zwei­ten und sehr wahr­schein­lich letz­ten Auf­tritt als In­te­rims­coach. Ge­gen den Re­gio­nal­li­gis­ten SSV Ulm soll zum En­de des Hor­ror­jah­res 2020 we­nigs­tens noch ein klei­nes Er­folgs­er­leb­nis ge­schaf­fen wer­den. Für den Ver­ein, die Fans, ganz Schal­ke. „Je­der Mo­ment kann wich­tig sein, um vom Bo­den weg­zu­kom­men“, weiß der 67-Jäh­ri­ge.

Doch gibt es da eben im­mer auch ei­nen Geg­ner. Und sind die Ulmer hoch­mo­ti­viert, den mit 29 Bun­des­li­ga­spie­len oh­ne Sieg in Fol­ge ge­knech­te­ten Ruhr­ge­biets­ki­ckern noch or­dent­lich ei­nen mit­zu­ge­ben. „Die Spie­ler strot­zen na­tür­lich nicht vor Selbst­ver­trau­en. Das ist für uns dann vi­el­leicht auch ei­ne Mög­lich­keit, gut ins Spiel zu kom­men. Mit et­was Spiel­glück, ei­nem gu­ten Tor­hü­ter und dem Mo­men­tum auf un­se­rer Sei­te kann aber die Sen­sa­ti­on ge­lin­gen“, sag­te Ulms Trai­ner Hol­ger Bachtha­ler. Ver­ste­cken will sich der Club aus der Re­gio­nal­li­ga Süd­west oh­ne­hin nicht – auch nicht ge­gen ei­nen Bun­des­li­gis­ten. „Schal­ke wird viel Ball­be­sitz ha­ben, aber wir wer­den ganz si­cher nicht ver­su­chen, mit zehn Mann das Tor sau­ber zu hal­ten“, kün­digt Bachtha­ler an, der die La­ge auf Schal­ke je­doch auch nicht über­be­wer­ten möch­te: „Ich glau­be nicht, dass die sport­li­che Si­tua­ti­on gro­ßen Ein­fluss auf das Spiel ha­ben wird und die Auf­ga­be des­halb für uns leich­ter wird. Zu­dem kann man die Si­tua­ti­on auch von zwei Sei­ten se­hen. Wenn man aus ei­ner er­folg­rei­chen Si­tua­ti­on kommt, un­ter­schätzt man den Geg­ner vi­el­leicht manch­mal – das wird dies­mal ganz si­cher nicht der Fall sein. Da weiß je­der, was auf dem Spiel steht und sie wer­den si­cher mit al­len Mit­teln ver­su­chen, zum Jah­res­en­de für ein biss­chen Ru­he zu sor­gen“, re­la­ti­viert der Trai­ner der Spat­zen. Oh­ne­hin sei ein Ge­re­de von ei­ner Rol­len­ver­tei­lung ge­ne­rell fehl am Plat­ze: „Das ist ja im­mer noch ei­ne gu­te bis sehr gu­te Bun­des­li­ga­mann­schaft, von da­her sind wir na­tür­lich nicht Fa­vo­rit“, be­schwich­tigt der Trai­ner.

Doch ist es eben die Bun­des­li­ga, das so­ge­nann­te täg­li­che Brot des

Clubs, das den Schal­kern so gro­ße Sor­gen be­rei­tet. Zwar gibt es beim Po­kal­spiel kei­ne Punk­te im Kampf ge­gen den vier­ten Ab­stieg in der Ver­eins­ge­schich­te zu er­rin­gen, die Sieg­los-Se­rie kann eben­so we­nig be­en­det wer­den – hel­fen kann die Par­tie in der größ­ten Kri­se seit über 30 Jah­ren den­noch, vor al­lem men­tal. „Wenn du so vie­le Spie­le nicht ge­winnst, ist es ganz nor­mal, dass es ei­ne Kopf­sa­che wird“, er­klär­te Ste­vens, der trotz der aus­sichts­lo­sen Si­tua­ti­on noch Chan­cen auf den Klas­sen­er­halt sieht: „Wir ha­ben noch so vie­le Spie­le zu ge­hen, die Mög­lich­keit ist noch im­mer da, dar­an müs­sen wir uns fest­hal­ten.“

Die Pla­nun­gen für ei­nen Ab­stieg lau­fen al­ler­dings längst. Wie schon 2019, als Ste­vens als Aus­hilfs­trai­ner sei­nen Her­zens­ver­ein ret­te­te, müs­sen die Kö­nigs­blau­en in den nächs­ten Mo­na­ten die Un­ter­la­gen für die zwei­te Li­ga ein­rei­chen. Vor zwei Jah­ren be­ka­men sie trotz Ver­bind­lich­kei­ten von 219 Mil­lio­nen Eu­ro die Li­zenz oh­ne Auf­la­gen. Mitt­ler­wei­le ist – vor al­lem we­gen der Co­ro­na-Pan­de­mie – der Schul­den­stand

auf rund 240 Mil­lio­nen Eu­ro ge­stie­gen.

Zu­sam­men­strei­chen muss Schal­ke vor al­lem sei­nen Per­so­nal­etat, der sich noch im­mer auf et­wa 100 Mil­lio­nen Eu­ro im Jahr be­läuft. Zu­dem sind Spie­ler­ver­käu­fe un­aus­weich­lich. Für den Ame­ri­ka­ner Wes­ton McKen­nie, bis­lang an Ju­ven­tus Tu­rin aus­ge­lie­hen, ist ei­ne fes­te Ab­lö­se­sum­me von 18,5 Mil­lio­nen Eu­ro ver­ein­bart, wenn der Re­kord­meis­ter wie zu er­war­ten die Cham­pi­ons Le­ague er­reicht.

Nen­nens­wer­te Be­trä­ge dürf­ten auch Oz­an Ka­bak und Ami­ne Ha­rit ein­brin­gen, die Ver­trä­ge auch für die zwei­te Li­ga ha­ben. Das gilt wohl nicht für Na­tio­nal­spie­ler Suat Ser­dar, Ab­wehr­chef Sa­lif Sa­né und Stür­mer Mark Uth. Ste­vens, der wäh­rend sei­nes Trai­ner-In­ter­mez­zos sein Amt als Auf­sichts­rat ru­hen lässt, will Sport­vor­stand Jo­chen Schnei­der sei­ne Er­kennt­nis­se über den Schal­ker Ka­der auch mit Blick auf das Trans­fer­fens­ter im Ja­nu­ar mit­tei­len. Wel­che das sind, woll­te er nicht ver­ra­ten.

Nach dem Po­kal­spiel schickt der 67-Jäh­ri­ge die Spie­ler zu­dem in ei­nen Kurz­ur­laub über die Fei­er­ta­ge, dann ist sein vier­ter Trai­ner­job auf Schal­ke vor­bei: Die Li­zenz, die er ei­gens noch ein­mal be­an­tra­gen muss­te, läuft zum Jah­res­en­de aus. Sein Nach­fol­ger, mög­lichst ein Rou­ti­nier wie Fried­helm Fun­kel, soll noch vor Weih­nach­ten vor­ge­stellt wer­den – ehe Schnei­der, vor al­lem nach sei­nen Fehl­grif­fen mit Da­vid Wa­gner und Ma­nu­el Baum mas­siv in der Kri­tik, im Som­mer be­reits sei­nen Trai­ner Num­mer fünf aus­su­chen soll – für wel­che Li­ga auch im­mer.

Dass die gro­ße Trai­ner­kar­rie­re des Huub Ste­vens mit ei­nem wei­te­ren Na­cken­schlag für den UEFA-Po­kal­sie­ger von 1997 und sei­nen Trai­ner aus­ge­rech­net ge­gen Ulm en­den könn­te, spielt für die Ak­teu­re der Spat­zen kei­ne Rol­le. „Es gibt si­cher­lich Grün­de, war­um Huub Ste­vens die Auf­ga­be an­ge­nom­men hat und da ha­be ich auch kein Mit­leid“, so Bachtha­ler. „Wir wol­len sport­lich das best­mög­li­che – al­les an­de­re in­ter­es­siert uns nicht. Al­so wä­re es mir na­tür­lich lieb, wenn wir Ste­vens mit ei­ner Nie­der­la­ge in Ren­te schi­cken könn­ten – das wä­re ein vor­ge­zo­ge­nes Weih­nachts­ge­schenk für uns.“

„Es gibt si­cher­lich Grün­de, war­um Huub Ste­vens die Auf­ga­be an­ge­nom­men hat und da ha­be ich auch kein Mit­leid.“

Hol­ger Bachtha­ler

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FO­TO: GUI­DO KIRCHNER/DPA Egal wie der Trai­ner heißt, beim FC Schal­ke läuft es ein­fach nicht, sehr zum Leid­we­sen von Huub Ste­vens.

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