Aalener Nachrichten

Har­tes Ur­teil im Fall Dündar

Mehr als 27 Jah­re Haft für Jour­na­lis­ten in der Tür­kei

- Von Su­san­ne Güs­ten Crime · European Politics · Politics · Turkey · Syria · Germany · Heiko Maas · Deutsche Touring · Recep Tayyip Erdogan · European Union · Europe · Strasbourg · Ankara · United States of America · Can Dündar · Selahattin Demirtaş · Osman Kavala · Kavala · Council of Europe · Parliamentary Assembly of the Council of Europe

(AFP) - Der im deut­schen Exil le­ben­de tür­ki­sche Jour­na­list Can Dündar ist von ei­nem Istan­bu­ler Ge­richt zu gut 27 Jah­ren Haft ver­ur­teilt wor­den. Das Ur­teil ge­gen den frü­he­ren Chef­re­dak­teur der op­po­si­tio­nel­len Zei­tung „Cumhu­riy­et“we­gen Un­ter­stüt­zung ei­ner Ter­ror­grup­pe und Spio­na­ge be­zog sich auf ei­nen bri­san­ten Ar­ti­kel über ge­hei­me Waf­fen­lie­fe­run­gen der Tür­kei an Is­la­mis­ten in Sy­ri­en. In Deutsch­land stieß das Ur­teil auf Kri­tik. Au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas (SPD) sag­te: „Jour­na­lis­mus ist kein Ver­bre­chen, son­dern ein un­ver­zicht­ba­rer Di­enst an der Ge­sell­schaft – auch und ge­ra­de, wenn er kri­tisch und in­ves­ti­ga­tiv den Re­gie­ren­den auf die Fin­ger schaut.“

Für die „Ent­hül­lung ver­trau­li­cher In­for­ma­tio­nen und Spio­na­ge“ver­häng­te das Ge­richt ei­ne Stra­fe von 18 Jah­ren und sechs Mo­na­ten. Hin­zu kom­men acht Jah­re und neun Mo­na­te Haft we­gen „Un­ter­stüt­zung ei­ner Ter­ror­or­ga­ni­sa­ti­on“.

- Mehr als 27 Jah­re Haft für ei­nen Zei­tungs­ar­ti­kel: Am Mitt­woch hat ein Istan­bu­ler Ge­richt die­ses Ur­teil ge­gen den Jour­na­lis­ten Can Dündar ver­kün­det. Er soll ei­ne Ter­ror­grup­pe un­ter­stützt und die Tür­kei aus­spio­niert ha­ben. Aus sei­nem Ber­li­ner Exil er­klär­te Dündar, die Ent­schei­dung wer­de kei­nen Be­stand ha­ben, son­dern wie al­le Un­rechts­ur­tei­le un­ter der Re­gie­rung von Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan ei­nes Tages re­vi­diert wer­den. Das Ur­teil wur­de so­fort zum Streit­fall zwi­schen der Tür­kei und Deutsch­land. An­tre­ten muss Dündar die Haft nicht: Er lebt in Deutsch­land, das ihn nicht an die Tür­kei aus­lie­fern dürf­te.

Prä­si­dent Re­cep Tay­yip Er­do­gan hat­te Dündar mehr­fach als „Agen­ten“vor­ver­ur­teilt. Die­ser hat­te in der Op­po­si­ti­ons­zei­tung „Cumhu­riy­et“im Mai 2015 über il­le­ga­le Waf­fen­lie­fe­run­gen der Tür­kei an sy­ri­sche Re­bel­len be­rich­tet. Das wer­de er noch be­reu­en, sag­te Er­do­gan da­mals. Nach drei Mo­na­ten Un­ter­su­chungs­haft wur­de Dündar An­fang 2016 auf An­ord­nung des tür­ki­schen Ver­fas­sungs­ge­rich­tes frei­ge­las­sen; kurz dar­auf ent­kam er knapp ei­nem Mord­an­schlag wäh­rend ei­nes Ge­richts­ver­fah­rens. Er konn­te da­nach nach Deutsch­land flie­hen. Der tür­ki­sche

Be­ru­fungs­ge­richts­hof ord­ne­te in sei­ner Ab­we­sen­heit ein neu­es Ver­fah­ren an, das am Mitt­woch mit der Haft­stra­fe von 27 Jah­ren und sechs Mo­na­ten en­de­te.

Dündars An­wäl­te boy­kot­tier­ten die Ur­teils­ver­kün­dung. Sie war­fen dem Ge­richt vor, auf po­li­ti­sche Wei­sung der Re­gie­rung ge­han­delt und die Rech­te des An­ge­klag­ten ver­letzt zu ha­ben. So ha­be das Ge­richt mehr­mals oh­ne die Ver­tei­di­gung über den Fall be­ra­ten. Wie die Na­zi-Jus­tiz die Ju­den für recht­los er­klärt ha­be, soll­ten auch ih­rem Man­dan­ten al­le Rech­te ab­er­kannt wer­den. Die Jus­tiz hat­te be­reits zu­vor Dündars Haus in der Tür­kei be­schlag­nahmt und sein Ver­mö­gen ein­ge­zo­gen.

Kri­ti­ker der Er­do­gan-Re­gie­rung se­hen die Ent­schei­dung im Fall Dündar als wei­te­ren Be­weis da­für, dass sich die Tür­kei im­mer mehr von eu­ro­päi­schen Rechts­nor­men ent­fernt. Bun­des­au­ßen­mi­nis­ter Hei­ko Maas kri­ti­sier­te das Ur­teil als „har­ten Schlag ge­gen un­ab­hän­gi­ge jour­na­lis­ti­sche Ar­beit“in der Tür­kei. Er­do­gans Kom­mu­ni­ka­ti­ons­di­rek­tor Fah­ret­tin Al­tun kon­ter­te, Dündar als Jour­na­lis­ten zu be­zeich­nen und das Ur­teil als Schlag ge­gen die freie Re­de, sei ei­ne „Be­lei­di­gung für wah­re Jour­na­lis­ten“. Deutsch­land sol­le Dündar aus­lie­fern, „statt sei­ne Ver­bre­chen zu bil­li­gen“.

Span­nun­gen zwi­schen der Tür­kei und Eu­ro­pa gibt es auch we­gen der In­haf­tie­rung des Kur­den­po­li­ti­kers Se­lahat­tin De­mir­tas. Der Straß­bur­ger Men­schen­rechts­hof hat­te am Di­ens­tag die Frei­las­sung des Kur­den­po­li­ti­kers ge­for­dert, der seit mehr als vier Jah­ren in Un­ter­su­chungs­haft sitzt. De­mir­tas wer­de aus po­li­ti­schen Grün­den in Haft ge­hal­ten, er­klär­ten die Eu­ro­pa­rich­ter. Das Straß­bur­ger Ge­richt ver­langt auch die Frei­las­sung des De­mo­kra­tie-Ak­ti­vis­ten Os­man Ka­va­la, der seit mehr als drei Jah­ren im Ge­fäng­nis sitzt. Als Mit­glied des Eu­ro­pa­ra­tes ist die Tür­kei ver­pflich­tet, die Ur­tei­le aus Straß­burg um­zu­set­zen. Bei De­mir­tas und Ka­va­la lehnt An­ka­ra das je­doch ab. Das Ur­teil im Fall des Kur­den­po­li­ti­kers sei po­li­tisch mo­ti­viert und heuch­le­risch, sag­te Er­do­gan. Der Prä­si­dent fürch­tet De­mir­tas als po­li­ti­schen Kon­kur­ren­ten und will ihn hin­ter Git­tern hal­ten. Er­do­gans Re­gie­rung kon­trol­liert das Gre­mi­um, das die Jus­tiz kon­trol­liert – wes­halb die Rich­ter oft ge­zwun­gen sind, den Vor­ga­ben Er­do­gans zu fol­gen. Von ei­nem Rechts­staat in der Tür­kei kann nach Ein­schät­zung der EU kei­ne Re­de mehr sein.

Im Eu­ro­pa­rat, ei­nem Zu­sam­men­schluss von 47 eu­ro­päi­schen Staa­ten zur Stär­kung von Men­schen­rech­ten und Rechts­staat, steht die Tür­kei nun vor dem Raus­wurf. „Die Par­la­men­ta­ri­sche Ver­samm­lung des Eu­ro­pa­rats könn­te schon im April ein Aus­schluss­ver­fah­ren ge­gen die Tür­kei in Gang set­zen“, sag­te Frank Schwa­be, men­schen­rechts­po­li­ti­scher Spre­cher der SPD-Bun­des­tags­frak­ti­on. „Wenn das Ver­fah­ren ein­mal be­gon­nen hat, dann gibt es nur noch zwei Mög­lich­kei­ten: Ent­we­der die Tür­kei setzt die Ur­tei­le um, oder es folgt der Aus­schluss.“Er­do­gan ha­be kei­nen Be­we­gungs­spiel­raum in die­ser Fra­ge: „Er­do­gan muss wis­sen: Da ist die Gren­ze.“

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FOTO: M.SCHREI­BER/AP/DPA Can Dündar

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