Aalener Nachrichten

Per Vi­deo­kon­fe­renz zum Psy­cho-Doc

On­line-An­ge­bo­te ha­ben durch Co­ro­na Kon­junk­tur – Doch sind di­gi­ta­le Hil­fen ei­ne ech­te Al­ter­na­ti­ve für Men­schen mit psy­chi­schen Er­kran­kun­gen?

- Von Erich Nyffe­negger Health · Anxiety · Medicine · Stuttgart · Germany · FC Bayern Munich · Bavaria · Thomas Müller · Lake Constance · Baden-Württemberg · Baden-Württemberg · National Association of Statutory Health Insurance Physicians · Allgemeine Ortskrankenkasse · University of Leipzig

(nyf) - Men­schen mit psy­chi­schen Er­kran­kun­gen brau­chen the­ra­peu­ti­sche Hil­fe, um ihr Le­ben zu meis­tern. Das gilt be­son­ders in Kri­sen­zei­ten. Wie aber da­mit um­ge­hen, wenn un­mit­tel­ba­rer Kon­takt in ei­ner Pra­xis kaum mehr statt­fin­den kann?

The­ra­peu­ten nut­zen ver­mehrt die Mög­lich­keit, per On­line-Sit­zung mit Pa­ti­en­ten wei­ter­zu­ar­bei­ten. Ent­spre­chen­de Be­gren­zun­gen, die vor der Kri­se bei 20 Pro­zent la­gen, sind im Au­gen­blick auf­ge­ho­ben. Aber nicht je­der fin­det sich mit dem Um­weg über Ge­rä­te gut zu­recht. Und The­ra­peu­ten tun sich schwe­rer, am Bild­schirm on­line die Ge­müts­la­ge ih­res Ge­gen­übers rich­tig ein­zu­schät­zen. Ein­drü­cke aus ei­ner kom­pli­zier­ten Zeit.

Gu­ten Tag, wie füh­len Sie sich heu­te?“Die­ser Satz aus dem Mund sei­ner The­ra­peu­tin hat sich für Jür­gen auch in Zei­ten von Co­ro­na nicht ge­än­dert, ob­wohl der Rest sei­nes Le­bens ei­ni­ger­ma­ßen Kopf steht. „Sie hat den zu Be­ginn der Sit­zung ge­nau­so auch im­mer ge­sagt, als wir uns noch di­rekt ge­gen­über­sit­zen konn­ten.“

Heu­te hö­ren sich die Wor­te mit­un­ter ein biss­chen ble­chern an. Und es kommt vor, dass Frau Dok­tor kurz stot­tert. Was nicht an ih­ren Sprach­fä­hig­kei­ten liegt, son­dern an der In­ter­net­lei­tung, die ge­le­gent­lich Schluck­auf hat. „Aber im Gro­ßen und Gan­zen gibt es kei­ne Pro­ble­me.“Al­so kei­ne tech­ni­schen, denn dass Jür­gen, der in Wahr­heit an­ders heißt, ge­sund­heit­li­che Pro­ble­me hat, ist ihm na­tür­lich klar. Das sei zwar schon vor Co­ro­na so ge­we­sen, „aber wenn Sie psy­chisch in kei­nem sta­bi­len Zu­stand sind, und auch kei­ne Leu­te tref­fen sol­len, dann kommt für ei­nen Men­schen mit De­pres­sio­nen ziem­lich viel zu­sam­men“.

Die The­ra­peu­tin von Jür­gen, der Mit­te 40 ist, möch­te aus Grün­den des Arzt­ge­heim­nis­ses so­wie auf­grund ih­rer Be­den­ken im Hin­blick auf den Da­ten­schutz nicht mit der „Schwä­bi­schen Zei­tung“re­den.

Aber Ma­thi­as Hei­ni­cke hat da­mit kein Pro­blem. Er kennt Jür­gen zwar nicht per­sön­lich, ist aber selbst The­ra­peut in Stutt­gart, hat vie­le ähn­li­che Pa­ti­en­ten wie ihn und kennt die Her­aus­for­de­run­gen die­ser be­las­ten­den Ge­gen­wart, in der auch die Be­zie­hung Pa­ti­ent – The­ra­peut un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen steht. Au­ßer­dem ist Hei­ni­cke Vor­stands­mit­glied im Bun­des­ver­band der Ver­trags­psy­cho­the­ra­peu­ten (bvvp) und als sol­cher für Fra­gen der Di­gi­ta­li­sie­rung zu­stän­dig. „Der ver­mehr­te Ein­satz von Vi­deo­the­ra­pie wird von vie­len Kol­le­gen stark ge­nutzt. Doch das ist si­cher nicht der Gold­stan­dard“, be­tont der Mann mit der fröh­li­chen Te­le­fon­stim­me. Den per­sön­li­chen Kon­takt von An­ge­sicht zu An­ge­sicht in der Pra­xis kön­ne das Star­ren auf ei­nen Bild­schirm nicht aus­glei­chen. „Für Pa­ti­en­ten, die man schon kennt, ist es aber ei­ne gu­te Er­gän­zung“, sagt Hei­ni­cke.

Bis zum Aus­bruch der Co­ro­naK­ri­se ha­ben sich die Kas­sen­ärzt­li­che Bun­des­ver­ei­ni­gung so­wie der Spit­zen­ver­band der Ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen auf ei­ne De­cke­lung der On­line-Sprech­stun­den im Be­reich der Psy­cho­the­ra­pie ver­stän­digt. Nicht mehr als 20 Pro­zent soll­ten Vi­deo­kon­fe­ren­zen im the­ra­peu­ti­schen All­tag aus­ma­chen. Im März wur­de die­se Ober­gren­ze we­gen der Seu­che bis auf Wei­te­res ge­kippt, als klar war, dass die Be­we­gungs­frei­heit mit­tel­fris­tig ein­ge­schränkt sein wür­de und per­sön­li­cher Kon­takt ein ver­meid­ba­res In­fek­ti­ons­ri­si­ko dar­stellt.

So­bald die Pan­de­mie un­ter Kon­trol­le sein wird und wie­der so et­was wie nor­ma­les Le­ben mög­lich ist, wird es wie­der ei­ne De­cke­lung ge­ben – lang­fris­tig sol­len dann 30 Pro­zent mög­lich sein. Ei­nen hö­he­ren Be­darf sieht Hei­ni­cke auch nicht. Wich­tig ist ihm, dass On­li­neThe­ra­pi­en nur zwi­schen Pa­ti­en­ten und Psy­cho­lo­gen statt­fin­den, die sich be­reits gut ken­nen. „An­dern­falls fin­de ich das pro­ble­ma­tisch, weil sie da­bei nur schwer ein Ge­fühl da­für be­kom­men, wie der an­de­re tickt.“Klei­dung, Kör­per­hal­tung, Gang – all das und noch vie­les mehr sei durch die Lin­se ei­ner Com­pu­ter­ka­me­ra nur schwer aus­zu­ma­chen. Und doch lie­fer­ten sol­che De­tails und vor al­lem Ab­wei­chun­gen vom Üb­li­chen die­ser Ge­wohn­hei­ten wich­ti­ge Hin­wei­se auf den Zu­stand ei­nes Pa­ti­en­ten.

Lui­sa möch­te lie­ber heu­te als mor­gen, dass „die­ser Alp­traum end­lich vor­bei­geht“, wie sie sagt. Ihr Krank­heits­bild, über das sie nicht all­zu viel ver­ra­ten möch­te, ha­be mit Pho­bi­en zu tun und mit Zwän­gen, die ih­ren All­tag be­stimm­ten. Im­mer­hin: Ei­ne kon­ti­nu­ier­li­che Ver­hal­tens­the­ra­pie ha­be sie so weit sta­bi­li­siert, dass sie in Teil­zeit ih­rem er­lern­ten Be­ruf in der Ver­lags­bran­che nach­ge­hen kön­ne. Die Frau An­fang 30 ist al­ler­dings weit we­ni­ger gut klar­ge­kom­men mit der vir­tu­el­len The­ra­pie am Bild­schirm als Jür­gen. „Wenn das wirk­lich ein voll­wer­ti­ger Er­satz wä­re, wür­den wir auch nicht dar­un­ter lei­den, nicht mehr ver­rei­sen zu dür­fen. Denn mit dem Fin­ger auf der Land­kar­te und durch Bil­der und Fil­me im In­ter­net dür­fen wir ja qua­si im­mer noch über­all­hin rei­sen“, sagt Lui­sa, de­ren ech­ter Na­me sich nicht gut in der Zei­tung ma­chen wür­de, wie sie glaubt. Denn psy­chi­sche Pro­ble­me sei­en noch im­mer ein Ta­bu und of­fen dar­über zu re­den so gut wie un­mög­lich. „Um­so wich­ti­ger ist dar­um die The­ra­pie.“Lui­sa be­rich­tet da­von, dass die On­line-Sit­zun­gen mit ih­rer The­ra­peu­tin sich im­mer ir­gend­wie fremd an­füh­len. „Ich fin­de, die Kon­zen­tra­ti­on lei­det.“Auch sie hält es für pro­ble­ma­tisch, the­ra­peu­ti­sche Hil­fe im Netz an­zu­neh­men, wenn das vir­tu­el­le Ge­gen­über kom­plett un­be­kannt sei, es al­so im ech­ten Le­ben noch kei­nen un­mit­tel­ba­ren Kon­takt ge­ge­ben hat.

Die Zu­nah­me psy­chi­scher Er­kran­kun­gen war be­reits oh­ne welt­wei­te Pan­de­mie ei­ne fast jähr­lich wie­der­keh­ren­de Schlag­zei­le – und mit ihr die Kla­ge von Be­trof­fe­nen, mo­na­te­lang war­ten zu müs­sen, um über­haupt ei­nen The­ra­peu­ten zu Ge­sicht zu be­kom­men. Der An­bie­ter Min­dDoc, der zum Kon­zern der Schön Kli­ni­ken ge­hört, ver­spricht ge­nau dort schnel­le Ab­hil­fe. Denn er wirbt mit The­ra­pie oh­ne War­te­zei­ten. Al­ler­dings nicht bei je­dem Krank­heits­bild, son­dern aus­schließ­lich bei De­pres­sio­nen, Ängs­ten, Ess­stö­run­gen und Zwangs­stö­run­gen. An­hand ei­nes Fra­ge­bo­gens, der 15 Punk­te um­fasst, soll er­mit­telt wer­den, ob sich der Pa­ti­ent mit sei­nem Pro­blem über­haupt für ei­ne On­line-The­ra­pie eig­net. Der nächs­te Schritt ist ein Erst­ge­spräch vor Ort in der Pra­xis ei­nes Ver­trags­the­ra­peu­ten, von de­nen Min­dDoc

Ma­thi­as Hei­ni­cke vom Bun­des­ver­band der Ver­trags­psy­cho­the­ra­peu­ten

im Mo­ment nach ei­ge­nen An­ga­ben in Deutsch­land mehr als 200 nie­der­ge­las­se­ne hat.

Und die Kos­ten? Es gibt Kran­ken­kas­sen wie et­wa die Bar­mer oder die AOK Bay­ern, die vol­le Kos­ten­über­nah­me ga­ran­tie­ren, wie der An­bie­ter mit­teilt. Was Min­dDoc kos­tet, wenn man als Selbst­zah­ler Hil­fe sucht, ist auf der Home­page al­ler­dings so in­trans­pa­rent, dass es oh­ne aus­drück­li­che Nach­fra­ge in der Pres­se­stel­le des Un­ter­neh­mens nicht geht. Dort heißt es: „Die Kos­ten für Selbst­zah­ler rich­ten sich nach der Ge­büh­ren­ord­nung für Ärz­te.“Kon­kret be­läuft sich das 50-mi­nü­ti­ge Erst­ge­spräch in­klu­si­ve 35 Mi­nu­ten Vor- und Nach­be­rei­tung auf ins­ge­samt 153 Eu­ro. Der Satz für ei­ne re­gu­lä­re 50-Mi­nu­ten-On­li­neSit­zung be­läuft sich auf 100,55 Eu­ro. Die Bit­te um ein Te­le­fon­in­ter­view lehnt Min­dDoc im Au­gen­blick mit Hin­weis auf ei­nen Wech­sel in der Füh­rungs­ebe­ne ab und stellt es erst ge­gen En­de des ers­ten Quar­tals 2021 in Aus­sicht.

Wie ge­hen ge­setz­li­che Kran­ken­kas­sen mit An­ge­bo­ten wie Min­dDoc um? Tho­mas Müller, Spre­cher der AOK Bo­den­see-Ober­schwa­ben, teilt auf An­fra­ge mit: „Die AOK Ba­den-Würt­tem­berg un­ter­stützt evi­denz­ba­sier­te Ver­sor­gungs­pro­jek­te und An­ge­bo­te, die di­gi­ta­le Kom­po­nen­ten nut­zen, und ist an For­schungs­vor­ha­ben be­tei­ligt, die di­gi­ta­le An­wen­dun­gen auf ih­re Evi­denz prü­fen. So kön­nen Ver­si­cher­te mit de­pres­si­ven Sym­pto­men den On­line-Coach mood­gym, der von aus­tra­li­schen Wis­sen­schaft­lern ent­wi­ckelt und vom In­sti­tut für So­zi­al­me­di­zin, Ar­beits­me­di­zin und Pu­b­lic He­alth an der Me­di­zi­ni­schen Fa­kul­tät der Uni­ver­si­tät Leip­zig an deut­sche Be­ge­ben­hei­ten an­ge­passt wur­de, kos­ten­frei nut­zen.“Al­ler­dings ist „mood­gym“nach ei­ge­ner Aus­sa­ge kein voll­wer­ti­ger Er­satz für ei­ne the­ra­peu­ti­sche Be­hand­lung, son­dern eher ein be­glei­ten­des An­ge­bot und „Hil­fe zur Selbst­hil­fe“. Au­ßer­dem rich­tet sich das On­line­Pro­gramm, bei dem es kei­ne di­rek­te In­ter­ak­ti­on zwi­schen Pa­ti­en­ten und The­ra­peu­ten gibt, aus­schließ­lich an Men­schen mit de­pres­si­ven Stö­run­gen.

Laut AOK gibt es Zu­kunfts­plä­ne: „Ein wei­te­res Vor­ha­ben, das vom In­no­va­ti­ons­fonds ge­för­dert wird, ist Psy­chOn­li­neThe­ra­pie. Hier er­folgt ein Teil der Psy­cho­the­ra­pie auf Emp­feh­lung des The­ra­peu­ten mit selbst durch­zu­füh­ren­den Be­hand­lungs­ele­men­ten, die on­line an­ge­bo­ten wer­den. Im Ge­gen­satz zur klas­si­schen Vi­deo-Psy­cho­the­ra­pie wird da­durch der Trans­fer des Er­lern­ten in den All­tag und das Selbst­ma­nage­ment der Pa­ti­en­ten ge­stärkt. Auf ge­sell­schaft­li­cher Ebe­ne kann die­se ver­zahn­te Be­hand­lungs­form zu ei­ner bes­se­ren psy­cho­the­ra­peu­ti­schen Ver­sor­gung füh­ren, da sie die Ka­pa­zi­tä­ten ein­zel­ner The­ra­peu­ten und da­mit die An­zahl ver­füg­ba­rer The­ra­pie­plät­ze er­hö­hen kann“, schreibt Müller.

„Mit Apps kann ich nichts an­fan­gen“, er­klärt Jür­gen, der sich kurz bei mood­gym re­gis­triert ha­be, dem das Sche­ma die­ses An­bie­ters aber zu all­ge­mein sei. „Da wer­den Rat­schlä­ge ge­ge­ben, wie man zum Bei­spiel we­ni­ger Stress hat und es wird emp­foh­len, das zu tun, was ei­nem gut tut.“Für Lui­sa kommt mood­gym schon we­gen ih­res Krank­heits­bil­des nicht in­fra­ge. Aber die be­glei­ten­de Un­ter­stüt­zung durch ein di­gi­ta­les Pro­gramm – nach An­ga­ben des bvvp wird das An­ge­bot an Apps, die im wei­te­ren Sin­ne zur Ge­sund­heits­vor­sor­ge zäh­len, deut­lich wach­sen – kann sie sich gut vor­stel­len. „Ei­ne App, die ei­nen er­in­nert, wie man sich in be­stimm­ten Si­tua­tio­nen ver­hal­ten soll – war­um nicht?“, sagt Lui­sa und be­kräf­tigt noch ein­mal, wie sie sich da­nach sehnt, wie­der die Hand ih­rer The­ra­peu­tin schüt­teln zu kön­nen. In de­ren Pra­xis. Vor Ort. Ganz oh­ne den di­gi­ta­len Fil­ter, den Um­weg über Bild­schir­me.

Und wie sag­te The­ra­peut Ma­thi­as Hei­ni­cke vom bvvp so schön? Der Gold­stan­dard ist nicht die The­ra­pie von Ma­schi­ne zu Mensch – son­dern von Mensch zu Mensch.

„Der ver­mehr­te Ein­satz von Vi­deo­the­ra­pie wird von vie­len Kol­le­gen stark ge­nutzt. Doch das ist si­cher nicht der Gold­stan­dard.“

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