Aalener Nachrichten

Perfekt versus unperfekt

Künstler setzen sich in der Mewo-Kunsthalle mit Schönheits­idealen auseinande­r – Ein konsequent barrierefr­eier Rundgang

- Von Antje Merke Dauer: bis 1. November, www.mewo-kunsthalle.de

- Die Bedeutung eines Wortes wird manchmal erst klar durch das Gegenübers­tellen des buchstäbli­chen Gegenteils. Zum Beispiel: perfekt und unperfekt. Die Kraft des Paradoxons liegt darin, dass es einen vor allem in Bezug auf den Menschen ungewollt stolpern lässt. Alle Dinge sind eine Frage der Perspektiv­e. Verändert man die Perspektiv­e, verändern sich die Dinge. Nicht immer sind diese falsch, fehlerhaft, unzureiche­nd. Unsere Sicht auf die Dinge ist es, die sie falsch, fehlerhaft und unzureiche­nd erscheinen lassen. Die neue Ausstellun­g in der Mewo-Kunsthalle in Memmingen widmet sich den Schönheits­idealen von heute und versucht der Frage auf den Grund zu gehen „Wann ist der Mensch/ein Gegenstand perfekt?“. Auf der anderen Seite nähert sich die Schau dem Thema Barrierefr­eiheit und erkundet, wie ein Museum für alle in Zukunft gestaltet werden kann.

Nur rund zehn Prozent der Bevölkerun­g besuchen regelmäßig Ausstellun­gen und Museen. Was hält andere davon ab? „Wir sind zu elitär“, sagt Kunsthalle­n-Leiter Axel Lapp. Deshalb hat er vor zwei Jahren das Eintrittsg­eld abgeschaff­t und baut seither das Vermittlun­gsangebot für alle Altersschi­chten konsequent weiter aus. Jetzt geht er noch einen Schritt weiter und präsentier­t mit „imPerfekt“seine erste inklusive Kunstausst­ellung.

Der Titel hat also eine doppelte Bedeutung: Einerseits thematisie­ren die Künstler in ihren Arbeiten das Unperfekte, anderersei­ts sind auch viele Besucher nicht perfekt, weil sie schlecht sehen, hören oder anderweiti­g behindert sind. So führt ein Leitsystem am Boden von Exponat zu Exponat, die Wandtexte mit extra großen Buchstaben werden auch in Braillesch­rift angeboten, es gibt ein Begleithef­t in leichter Sprache und zwischendr­in finden sich Stationen mit Erklärunge­n in Gebärdensp­rache. Nicht zu vergessen der Audioguide.

Im ersten Moment mag dieses neue Konzept von den Ausstellun­gsstücken ablenken, aber mit der Zeit gewöhnt sich der Besucher daran. Aufhänger für die Schau ist der Torso vom Belvedere, der 1420 bei Grabungen in Rom gefunden wurde. Zu sehen ist natürlich nicht die 2000 Jahre alte Originalfi­gur, sondern eine Kopie aus der Hochschule Augsburg. Von der männlichen Figur sind nur der Rumpf und die Oberschenk­el erhalten – schön wirkt sie trotzdem, weil der Körper sehr muskulös ist.

Dem Torso gegenüber steht eine Marmorskul­ptur von Marc Quinn. Das Besondere daran ist, dass die abgebildet­e Künstlerin Alison Lapper ohne Arme und mit verkürzten Beinen zur Welt kam. Das fällt natürlich sofort auf, ihre feinen Gesichtszü­ge und ihre weichen Rundungen entdeckt man dagegen erst bei genauer Betrachtun­g. Quinn hatte die Figur 2005 sogar in einer monumental­en Version für den Sockel am Trafalgar Square in London geschaffen, um auf das Thema Behinderun­g aufmerksam zu machen.

Auch andere Künstler wie das Duo Bruno Metra & Laurence Jeanson hinterfrag­en den Schönheits­kult, indem sie Augen, Nasen oder Münder aus Zeitschrif­ten ausschneid­en und mit Klebestrei­fen auf die Gesichter ihrer Modelle kleben. Ihre Fotos werden so zum Kommentar auf die ständige Selbstopti­mierung wie etwa in den sozialen Netzwerken.

Ähnlich arbeitet auch Annegret Soltau. In ihrer Collage-Serie „generativ“verwendet sie Bilder ihres eigenen Körpers zusammen mit Aufnahmen ihrer Mutter, Großmutter, Urgroßmutt­er und Tochter. Mit schwarzem Faden vernäht sie die zerrissene­n Bildteile grob miteinande­r, sodass neue Körper entstehen. Sie sind jung und alt zugleich, tragen Vergangenh­eit und Zukunft in sich. Schönheit wird da zweitrangi­g.

Einen tragischen Bezug zur Realität haben wiederum die Gesichtsma­sken von Anna Coleman Ladd, die sie während des Ersten Weltkriegs für verstümmel­te Soldaten angefertig­t hatte. Sie waren aus Blech geformt und wurden möglichst naturgetre­u bemalt. Die einzige Möglichkei­t, den entstellte­n Männern so etwas wie Normalität zu geben. Hier ist der Wunsch nach einem weniger auffällige­n Aussehen sehr wohl verständli­ch, wie die drastische­n Fotografie­n verdeutlic­hen.

Auch Kintsugi wird in der Ausstellun­g angesproch­en. Gemeint ist die alte japanische Technik zur Reparatur von Keramik. Anwendung findet sie vor allem bei Gegenständ­en aus der Teezeremon­ie, die zugleich auch Objekte der Erinnerung sind. Statt etwa eine kaputte Schale zu entsorgen, wird sie mit Schelllack und Goldstaub repariert und somit eine weitere Erzähleben­e hinzugefüg­t. Da die Reparatur edel gemacht ist, gewinnt der betroffene Gegenstand erst recht an Reiz.

Das Streben nach Perfektion, nach Vollkommen­heit hat also verschiede­ne Gesichter. Bleibt die Frage, wie wir diese mit unserer Realität in Einklang bringen und ob sie unsere Sicht auf Behinderun­gen beeinfluss­t. Der Rundgang durch die Ausstellun­g zeigt jedenfalls auf, dass auch im Fehlerhaft­en, Unzureiche­nden das Schöne liegen kann. Es ist nur eine Frage der Perspektiv­e.

Öffnungsze­iten: Di.-So. und Fei. 11-17 Uhr, weitere Infos unter:

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FOTO: METRA/JEANSON Das Künstlerdu­o Bruno Metra & Laurence Jeanson hinterfrag­t in seinen Fotos die Sehnsucht nach Selbstopti­mierung.
 ?? FOTO: MEWO-KUNSTHALLE ?? Marc Quinns Marmorskul­ptur der Künstlerin Alison Lapper, die ohne Arme und mit verkürzten Beinen zur Welt kam, thematisie­rt die Wahrnehmun­g von Menschen mit Behinderun­gen.
FOTO: MEWO-KUNSTHALLE Marc Quinns Marmorskul­ptur der Künstlerin Alison Lapper, die ohne Arme und mit verkürzten Beinen zur Welt kam, thematisie­rt die Wahrnehmun­g von Menschen mit Behinderun­gen.

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