Die flie­gen­de Förs­ter-Christel

1928 macht Christel-Ma­rie Schul­tes aus dem Töl­zer Land den Flug­schein und wird ei­ne ge­fei­er­te Kunst­flie­ge­rin. Ein aben­teu­er­li­ches Le­ben mit Hö­hen­flü­gen und Ab­stür­zen

Abendzeitung München - - Report - Von Ti­na An­ge­rer Ernst Probst, Theo Le­de­rer: „Christel-Ma­rie Schul­tes. Die ers­te Flie­ge­rin Bay­erns“, Grin-Ver­lag, 27,99 Eu­ro.

Die Dorf­be­woh­ner im Zil­ler­tal wähn­ten den leib­haf­ti­gen Sa­tan auf Er­den. „Der Teu­fel kommt, der Teu­fel kommt!“, rie­fen sie und droh­ten mit Mist­ga­beln und Sen­sen gen Him­mel. Da­bei war es nur die Christel aus Tölz, die mit ih­rem Flug­zeug über dem Kirch­turm vor­beis­aus­te und zur Not­lan­dung an­setz­te. „Es dau­er­te ei­ne Wei­le, bis ih­nen das Wun­der der Tech­nik ein­ging“, schrieb die lo­ka­le Zei­tung da­mals.

Im Jahr 1930 war das, als vie­le von Flug­zeu­gen noch nie et­was ge­hört hat­ten und die al­ler­we­nigs­ten sie steu­ern konn­ten. Christel-Ma­rie Schul­tes war da­mals be­sag­te Pi­lo­tin und Pio­nie­rin ih­res Fachs. Sie war die ers­te baye­ri­sche Flie­ge­rin. Ei­ne Aben­teu­re­rin mit ei­nem un­ge­heu­er­li­chen Le­ben. Ei­ne ge­fei­er­te Kunst­flie­ge­rin, die nach ei­nem schwe­ren Ab­sturz ihr Bein ver­lor. Ei­ne Wel­ten­bumm­le­rin, die sich ge­gen die Na­zis ge­sträubt hat und das fast mit dem Le­ben be­zahl­te. Nach dem Krieg ge­riet Christel-Ma­rie Schul­tes in Ver­ges­sen­heit. Jetzt ha­ben der Luft­fahrt­his­to­ri­ker Theo Le­de­rer und der Jour­na­list Ernst Probst ein Buch über die ei­gen­sin­ni­ge Frau ge­schrie­ben.

Sie war schon als Kind ein bissl gspin­nert, an­ders als die an­de­ren Mäd­chen. Als Toch­ter des Förs­ters wur­de sie 1904 bei Wald­mün­chen ge­bo­ren, in der Nä­he von Bad Heil­brunn im Töl­zer Land wuchs sie auf. Ih­re El­tern schick­ten sie nach München auf die Schu­le, wo sie aber im­mer wie­der durch­brann­te.

In München be­such­te sie auch als 14-Jäh­ri­ge mit ih­rem On­kel das Ar­mee­mu­se­um und war fas­zi­niert von der ro­ten Ma­schi­ne des deut­schen Flie­ger­hel­den Man­fred von Richt­ho­fen. Schon da­mals, so er- zähl­te sie spä­ter, ha­be sie be­schlos­sen, Pi­lo­tin zu wer­den.

Ih­ren Frei­heits­drang und Le­bens­hun­ger konn­te sie auf dem Land je­den­falls nicht stil­len, auch wenn es die „Förs­ter-Christel“ durch ei­ni­ge Schön­heits­wett­be­wer­be zu dörf­li­cher Be­rühmt­heit ge­bracht hat­te. 1928, Schul­tes war 23 Jah­re alt, reis­te sie heim­lich nach Berlin-Staa­ken. Ih­ren El­tern er­zähl­te sie, sie ma­che ei­nen Koch­kurs. In Wahr­heit lern­te sie aber nicht den Um­gang mit dem Koch­löf­fel, son­dern den mit dem Steu­er­knüp­pel. Der Pa­pa zahl­te wi­der­wil­lig, aber er zahl­te.

Erst in Berlin, dann in Stutt­gart-Bö­blin­gen üb­te sie auf ei­ner Pri­vat­flie­ger­schu­le. Im Sep­tem­ber 1928 be­kam sie den A-Schein, der zum Trans­port ei­nes Pas­sa­giers be­rech­tigt. Sie war da­mit die ers­te Flie­ge­rin Bay­erns. Ein hal­bes Jahr spä­ter hat­te sie auch den Kunst­flug­schein in der Ta­sche. In der Hei­mat war man mäch­tig stolz, Christel-Ma­rie Schul­tes füll­te die Zei­tun­gen. Lie­bes­brie­fe und Hei­rats­an­trä­ge be­kam die Kunst­flie­ge­rin, auch Reichs­prä­si­dent Hin­den­burg soll ein Be­wun­de­rer ge­we­sen sein.

Im Jahr 1929 kauf­te sie ih­re ers­te ei­ge­ne Ma­schi­ne und nann­te sie „Bad Tölz“. Da­mit soll­te sie für die Stadt und de­ren Bä­der­be­trieb Wer­bung flie­gen. Schon der Kauf der Ma­schi­ne war ein Aben­teu­er, denn die Pi­lo­tin muss­te das Flug­zeug von der Her­stel­ler­fir­ma in En­g­land nach München über­füh­ren. Drei­mal muss­te sie zwi­schen­lan­den, da­von ein­mal auf ei­nem Blu­men­beet in ei­nem Köl­ner Park und ein­mal im fran­zö­sisch be­setz­ten Tri­er.

Beim Münch­ner „Groß­flug­tag“ im Ju­ni 1929 auf dem Flug­platz Ober­wie­sen­feld war sie mit ih­ren Lo­o­pings ei­ne At­trak­ti­on. Für Christel-Ma­rieSchul­tes war das vi­el­leicht ih­re schöns­te Zeit: Sie war be­ach­tet und ge­fei­ert – und sie konn­te ih­rer Lei­den­schaft nach­ge­hen.

Das Flie­gen war für sie Frei­heit, ein Rausch, bei dem sie sich all­mäch­tig fühl­te. „Bei je­dem Flug kreist das Blut ra­scher in den Adern und das Herz schlägt schnel­ler im Rau­sche des Glücks, denn je­der Flug bringt neu­es Er­le­ben, nie Ge­se­he­nes, nie Ge­ahn­tes, nie Er­träum­tes“, be­schrieb sie spä­ter die Fas­zi­na­ti­on für den ge­fähr­li­chen Sport. Angst hat­te sie nicht, ob­wohl sie mit ih­rer „Bad Tölz“ schon 1930 ab­ge­stürzt war. „Man fürch­tet sich nicht. Der Be­griff von Le­ben und Tod ver­schwin­det voll­kom­men.“ Die Zie­le, die sich Schul­tes steck­te, wa­ren nicht eben klein. 1931 woll­te sie um die Welt flie­gen, zu­sam­men mit dem jun­gen Flie­ger Gus­tav Sack­mann. Der Start war am 21. Mai 1931. Von Mün- chen-Ober­wie­sen­feld soll­te es erst nach Wi­en ge­hen, auf der Rou­te la­gen Bu­da­pest, Kon­stan­ti­no­pel, Bag­dad, Kal­kut­ta, Pe­king, Tokio, New York. . . Das Gan­ze en­de­te in der Nä­he des Schul­hau­ses von Schai­bing bei Un­ter­gries­bach in der Nä­he von Pas­sau. Die bei­den Flie­ger über­leb­ten schwer ver­letzt. Christel-Ma­rie Schul­tes muss­te das lin­ke Bein am­pu­tiert wer­den. Fort­an trug sie ei­ne Pro­the­se, sie flog zwar wei­ter, für ih­re Kar­rie­re war die Bruch­lan­dung aber ein tie­fer Ein­schnitt. „Auf dem Hö­he­punkt ist die­ser Un­fall pas­siert“, sagt Au­tor Ernst Probst. „Wer weiß, was sie sonst noch al­les er­reicht hät­te.“

1933 gab sie die „Deut­sche Flu­gil­lus­trier­te“ her­aus, ein Heft über Frau­en im Flug­zeug. Doch auch das schei­ter­te, weil sie sich wei­ger­te, in die NSDAP ein­zu­tre­ten. Gö­ring soll im­mer wie­der um sie ge­wor­ben ha­ben – sie blieb hart.

Die Da­ten­la­ge über Christel-Ma­rie Schul­tes Le­ben ist laut Ernst Probst bis 1934 gut, da­nach schlecht. Sie selbst schil­der­te spä­ter zwar vie­les, doch hat­te sie ei­ne re­ge Fan­ta­sie, die Ge­schich­ten wi­der­spra­chen sich, stimm­ten oft nicht. Wo­mög­lich war es ei­ne psy­chi­sche Krank­heit, die sie er­fun­de­ne Ge­schich­ten er­zäh­len ließ, von Be­geg­nun­gen mit al­ler­lei be­rühm­ten Men­schen zum Bei­spiel.

Si­cher ist, dass Schul­tes noch in den Drei­ßi­gern ins Vi­sier der Gesta­po ge­riet und ins Aus­land floh. Sie leb­te un­ter an­de­rem in Niz­za. Of­fen­bar hat­te sie ei­nen jü­di­schen Ver­lob­ten und hat in Frank­reich ver­folg­ten Ju­den ge­hol­fen. Spä­ter war sie in ei­nem In­ter­nie­rungs­la­ger in der Nä­he von Tou­lou­se und kam spä­ter wie­der nach Deutsch­land zu­rück.

Von den Na­zis zum Tod ver­ur­teilt, sitzt sie bis 1945 in Sta­del­heim

Im Früh­jahr 1944, das ist laut Au­tor Probst ver­brieft, be­ging sie ei­nen schwe­ren Feh­ler. Mit­ten auf dem Marktplatz von Bad Tölz, wo SSLeu­te vom End­sieg schwa­dro­nier­ten, wet­ter­te sie ge­gen das Drit­te Reich. Laut und für je­der­mann hör­bar sprach sie von KZ und Ju­den­ver­fol­gung und dass der Krieg längst schon ver­lo­ren sei. Sie kam ins Ge­fäng­nis Bad Tölz, we­gen „Zer­set­zung der Wehr­kraft“. Ein SA-Mann zer­schlug ihr dort mut­wil­lig die Bein­pro­the­se. Im März 1945 wur­de sie nach München-Sta­del­heim ge­bracht. Ein SS-Stand­ge­richt ver­ur­teil­te sie zum To­de – spät ge­nug, denn am 1. Mai 1945 roll­ten die ame­ri­ka­ni­schen Pan­zer nach Sta­del­heim.

Die be­rühm­te Pi­lo­tin El­ly Bein­horn (sie­he Kas­ten) hat noch Jah­re spä­ter in In­ter­views an­ge­mahnt, man mö­ge Christel Schul­tes nicht ver­ges­sen – ver­geb­lich. 1976 starb sie un­be­ach­tet im Schwa­bin­ger Kran­ken­haus. „Ich wür­de mir wün­schen, es wä­re ei­ne Stra­ße nach ihr be­nannt“, sagt Au­tor Ernst Probst. „Denn bei all ih­ren Ver­rückt­hei­ten war sie ei­nes ganz si­cher: ei­ne mu­ti­ge Frau, die vie­len ge­hol­fen hat und sich von den Na­zis nie hat ver­ein­nah­men las­sen.“

Fo­tos: Ot­to Bau­er ( 3), Süd­deut­sche Zei­tung Pho­tos ( 1), dpa ( 2).

Läs­sig sitzt Chris­tel-Ma­rie Schul­tes auf dem Flug­zeug.

Im Ju­ni 1930 stürzt Chris­tel-Ma­rie-Schul­tes mit ih­rer„Bad Tölz“ ab und bleibt un­ver­letzt. 1931 ver­liert sie bei ei­nem Ab­sturz ein Bein.

Chris­tel-Ma­rie–Schul­tes an der Pro­me­na­de von Niz­za. In Frank­reich leb­te sie of­fen­bar mit ei­nem Ju­den zu­sam­men.

„Lernt Flie­gen“ steht am Tor: Chris­tel-Ma­rie Schul­tes vor der Flug­schu­le in Ber­lin.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.