Die ver­ra­te­nen Kin­der von Schön­brunn

Der Lei­ter des ka­tho­li­schen Be­hin­der­ten­heims in der Nä­he von Dach­au gab hun­der­te Kin­der preis: Die Mehr­heit wur­de von den Na­zis ge­tö­tet. Erst jetzt stellt sich das Klos­ter der un­be­que­menWahr­heit

Abendzeitung München - - Report - Von Ti­na An­ge­rer

Edith ge­stor­ben we­gen Be­er­di­gung An­ruf 41331 – Egl­fing. Die­se dür­re Nach­richt be­ka­men die El­tern der 13-jäh­ri­gen Edith Hecht am 23. De­zem­ber 1944 aus der Hei­lund Pfle­ge­an­stalt Egl­fin­gHaar. Ih­re El­tern ha­ben da­nach im­mer wie­der vor­ge­spro­chen, Brie­fe ge­schrie­ben. Sie wa­ren über­zeugt, dass ihr be­hin­der­tes Kind um­ge­bracht wur­de. Sie hat­ten recht. Recht be­kom­men ha­ben sie nie.

Heu­te wird Ediths Na­me ne­ben hun­der­ten­wei­te­ren ver­le­sen – auf ei­ner Ge­denk­fei­er im Klos­ter Schön­brunn bei Dach­au. Aus der dor­ti­gen ka­tho­li­schen An­stalt wur­de Edith Hecht am 2. Ju­ni 1944 ab­trans­por­tiert, ob­wohl be­kannt war, dass die Kin­der in Haar zu To­de kom­men. Ei­ner, der den Tod der Kin­der min­des­tens in Kauf ge­nom­men hat, wohl aber auch durch sein Ver­hal­ten for­ciert hat, ist Jo­seph St­ei­nin­ger, der da­ma­li­ge Di­rek­tor der An­stalt Schön­brunn. Er hat sich spä­ter selbst zum Wi­der­stands­kämp­fer hoch­sti­li­siert, doch For­schun­gen be­wei­sen: St­ei­nin­ger hat sei­ne Bio­gra­fie ge­fälscht. Erst jetzt stellt sich Schön­brunn derWahr­heit.

Von 1940 bis 1945 wur­den 901 Pfleg­lin­ge aus Schön­brunn „ver­legt“. Die ers­ten, wohl rund 200, wur­den in der ös­ter­rei­chi­schen Mord­an­stalt Hart­heim mit Gas ge­tö­tet. Da­mals lief die ers­te Wel­le der Eut­ha­na­sie, sie traf vie­le ka­tho­li­sche Ein­rich­tun­gen. Nach kirch­li­chem Wi­der­stand wur­de die­se Wel­le ab­ge­bro­chen – der Kin­der­mord ging in den An­stal­ten selbst wei­ter.

So gab es in Egl­fing-Haar „Hun­ger­häu­ser“, wo Kin­der ab­sicht­lich durch Man­gel­er­näh­rung zu To­de ge­quält wur­den. Auch wur­de ei­ne „Kin­der­fach­ab­tei­lung“ ein­ge­rich­tet, in der Kin­der mit Me­di­ka­men­ten ge­tö­tet wur­den. Zum Bei­spiel durch Über­do­sie­rung des Be­ru­hi­gungs­mit­tels Lu­mi­nal. „Es kommt zur Atem­de­pres­si­on, zur man­geln­den

Haar: Kin­der star­ben in „Hun­ger­häu­sern“ oder durch Me­di­ka­men­te

Durch­blu­tung der Lun­ge und schließ­lich zur Lun­gen­ent­zün­dung“, sagt Ger­rit Ho­hen­dorf, Me­di­zin­his­to­ri­ker vom In­sti­tut für Ge­schich­te und Ethik der Me­di­zin an der TU München. Als To­des­ur­sa­che wur­de den El­tern dann Lun­gen­ent­zün­dung ge­nannt, auch Ediths El­tern. Von 901 Pfleg­lin­gen, die Schön­brunn ver­lie­ßen, über­leb­ten we­ni­ger als 300.

Grund für die Mor­de war nicht nur die na­tio­nal­so­zia­lis­ti­sche Idee, es müss­ten Erb­krank­hei­ten und le­bens­un­wer­tes Le­ben aus­ge­rot­tet wer­den. Die Stadt München brauch­te auch Platz für Kriegs-und Bom­ben­op­fer und woll­te Al­te und Kran­ke aus­la­gern. Das Klos­ter Schön­brunn bot Räu­me für ei­ne Tu­ber­ku­lo­se- Kli­nik an. Jo­seph St­ei­nin­ger, der Di­rek­tor der An­stalt, hat spä­ter nie­der­ge­schrie­ben, er ha­be nur lee­re Räu­me an­ge­bo­ten – nach­dem die ers­ten Kin­der­trans­por­te be­reits statt­ge­fun­den hat­ten. So ha­be er die Be­schlag­nah­mung des Klos­ters durch die Na­zis ver­hin­dert und da­mit Schön­brunn ge­ret­tet. Doch Do­ku­men­te be­wei­sen: St­ei­nin­ger hat – frü-

Di­rek­tor St­ei­nin­ger hat sei­ne Bio­gra­fie ge­fälscht

her als be­haup­tet – mit den Na­zis ko­ope­riert. Er ver­schwieg, dass die Räu­me, die er an­bot, noch vol­ler Men­schen wa­ren – und die dann erst­mal weg muss­ten. St­ei­ni­ger gab die Be­hin­der­ten von Schön­brunn preis und for­cier­te de­ren Ab­trans­port. Das be­wei­sen un­ter an­de­rem Pro­to­kol­le aus dem Münch­ner Stadt­rat. Der Jour­na­list Mar­kus Kri­scher hat St­ei­nin­gers Rol­le be­reits 2006 in sei­nem Buch „Kin­der­haus“ (DVA Ver­lag) dar­ge­legt. Sei­ne Re­cher­chen be­stä­tigt jetzt auch die His­to­ri­ke­rin An­ne­mo­ne Chris­ti­ans, die für die LMU über Eut­ha­na­sie pro­mo­viert. Un­ter­la­gen be­le­gen auch, dass St­ei­nin­ger wuss­te, dass die Kin­der in Haar ster­ben wür­den.

1944 such­te das Münch­ner Kran­ken­haus Drit­ter Or­den we­gen des Bom­ben­krie­ges Aus­weich­plät­ze – Schön­brunn schaff­te Platz. Der da­ma­li­ge geist­li­che Di­rek­tor von Nym­phen­burg, Ka­pu­zi­ner-Pa­ter Theo­dor, no­tier­te über St­ei­nin­ger: „Er teil­te mit, dass un­se­re Ver­hand­lun­gen voll­stän­dig ge­heim ge­hal­ten wer­den müss­ten ... als näm­lich sei­ner­zeit Pfleg­lin­ge fort­ge­bracht wur­den, ist es zu schwe­ren Kon­flik­ten ge­kom­men. Es wur­de all­ge­mein be­fürch­tet, dass bei ei­nem neu­er­li­chen Weg­trans­port von Pfleg­lin­gen die­se nach ei­nem Vier­tel­jahr kaum mehr le­ben wür­den.“ Schwe­re Kon­flik­te: Das wa­ren die Schwes­tern, die auch wuss­ten, was in Haar vor sich ging.

Für die An­ge­hö­ri­gen der Op­fer ist die Ge­schich­te auch des­we­gen so schmerz­lich, weil nie je­mand zur Ver­ant­wor­tung ge­zo­gen wur­de. Hans Joa­chim Se­we­ring, der An­stalts­arzt von Schön­brunn, der zwi­schen den grö­ße­ren Trans­por­ten nach­weis­lich auch ein­zel­ne Kin­der nach Haar über­wie­sen hat, hat Zeit sei­nes Le­bens be­haup­tet, er hät­te von Mor­den in Haar nichts ge­wusst. Heu­te sind sich die His­to­ri­ker ei­nig, dass Se­we­ring ge- wusst ha­ben muss, was ge­schah. So wie sein en­ger Ver­trau­ter St­ei­nin­ger es wuss­te, so wie die Schwes­tern es wuss­ten. So wie es die El­tern von Edith Hecht wuss­ten.

Se­we­ring war in den 70ern Prä­si­dent der Bun­des­ärz­te­kam­mer, die Münch­ner Staats­an­walt­schaft stell­te die Er­mitt­lun­gen ge­gen ihn ein.

Schön­brunn, hin­ter Dach­au: „Ge­mein­sam für das Le­ben“ steht auf ei­nem Ban­ner an der Ein­fahrt zur An­la­ge. Es ist der Slo­gan für das Ju­bi­lä­ums­jahr, die Be­hin­der­ten­ein­rich­tung Fran­zis­kus­werk wird heu­er 150 Jah­re alt, die Fran­zis­ka­ne­rin­nen sind seit 100 Jah­ren da. Die Stra­ße, die hier durch­führt, heißt „Prä­lat St­ei­nin­ger Stra­ße“. St­ei­nin­ger war hier ein Über­va­ter, er war My­thos und geist­li­ches Vor­bild.

Und jetzt? „Wir sind ge­schockt und sehr be­trof­fen“, sagt Be­ni­gna Sirl, Ge­ne­ral­obe­rin der Fran­zis­ka­ne­rin­nen. „Er hat durch sei­ne Ko­ope­ra­ti­on die Ver­le­gung der Pfleg­lin­ge ge­för­dert. Hät­te er an­ders agiert, hät­te es­wo­mög­lich­we­ni­ger Op­fer ge­ge­ben.“ Sie wählt die Wor­te lang­sam und mit Be­dacht. „Ich möch­te über den Men­schen nicht ur­tei­len. Er woll­te um je­den Preis die Ein­rich­tung ret­ten – doch die­ser Preis war sehr hoch. “

Die Obe­rin muss sich in letz­ter Zeit vie­le Fra­gen an­hö­ren, Vor­wür­fe: War­um wer­den die Kar­ten erst jetzt auf den Tisch ge­legt? „Wir kann­ten lan­ge Zeit nur St­ei­nin­gers Be­richt“, sagt sie. Doch ka­men be­reits Mit­te der 90er Zwei­fel an sei­ner Ver­si­on auf, 2006 er­schien Mar­kus Kri­schers Buch. Erst 2007 mach­te Schön­brunn sei­ne Ak­ten zu­gäng­lich. Tan­ja Kip­fel­sper­ger, Dok­to­ran­din am In­sti­tut für Ge­schich­te und Ethik der Me­di­zin, re­kon­stru­iert seit­dem die Bio­gra­fi­en von 900 Kin­dern.

„Wir wa­ren seit den 90ern be­reit, aber so et­was dau­ert“, sagt Schwes­ter Be­ni­gna. „Un­ser Weg war eben lang­sa­mer. Aber wir wol­len auch die­ses dunk­le Ka­pi­tel an­schau­en.“ Wo jetzt nur ei­ne klei­ne Ge­denk­ta­fel hängt, soll ein Mahn­mal ge­baut wer­den mit al­len Op­fer-Na­men. Edith Hechts Na­me wird auch drauf ste­hen.

Dass der Na­me von Ma­ria La­schin­ger da nicht steht, das ver­dankt sie ih­rem Va­ter. Zu­sam­men mit Edith Hecht und 45 an­de­ren Kin­dern wur­de die Zehn­jäh­ri­ge am 2. Ju­ni 1944 von Schön­brunn nach Haar ge­bracht. Als der Va­ter da­von hör­te, war ihm die Ge­fahr be­wusst. Er fuhr nach Haar und for­der­te die Her­aus­ga­be sei­ner Toch­ter. So über­leb­te Ma­ria. Sei­nem Sohn, Ma­ri­as Bru­der, er­klär­te Karl La­schin­ger die ei­li­ge Ak­ti­on mit den Wor­ten: „Die wol­len mir die Ma­ria um­brin­gen.“

Edith Hecht wur­de nur 13 Jah­re alt. Das be­hin­der­te Mäd­chen leb­te in Schön­brunn, wur­de 1944 nach Haar ge­bracht und dort ge­tö­tet. Of­fi­zi­ell starb sie an Lun­gen­ent­zün­dung. „Wir zwei­feln die To­des­ur­sa­che an“, schrieb der Va­ter spä­ter. Ant­wor­ten auf sei­ne...

Fo­tos: aus Mar­kus Kri­scher, „ Kin­der­haus“ / DVA ( 3), Ge­gor Feindt ( 2)

„Die wol­len mir die Ma­ria um­brin­gen“: Karl La­schin­ger mit sei­ner Toch­ter Ma­ria, die wie Edith Hecht 1944 aus Schön­brunn nach Haar ge­bracht wur­de. Er hol­te sie persönlich zu­rück, so über­leb­te sie.

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