Im Raum der Angst

Abendzeitung München - - KULTUR -

Em­re Akal in­sze­niert im Hoch X sein ver­stö­ren­des Stück „Mut­ter­land… stil­le“ganz oh­ne Wor­te

Ei­ne Fa­mi­lie sieht euch an. Mi­nu­ten­lang pas­siert zu­nächst ein­mal gar nichts, und der Zu­schau­er hat in die­ser Zeit Ge­le­gen­heit, sich mit dem Per­so­nal die­ses Drei­ge­ne­ra­tio­nen­haus­halts ver­traut zu ma­chen. Ge­gen En­de der ers­ten Sze­ne ent­steht der Ein­druck, der ei­ne oder die an­de­re hat ein fast schüch­ter­nes, aber durch­aus ge­win­nen­des Lä­cheln auf den Lip­pen.

Spä­ter sieht man ein lo­re­ley­haf­tes We­sen, das die knie­keh­len­lan­ge hell­blon­de Mähne bürs­tet, und da­zu er­klingt ein kei­nes­wegs ver­lo­cken­des Krat­zen.

Un­ter­bro­chen wer­den die Sze­nen vom Rau­schen ei­nes Fern­seh­ge­räts oh­ne Emp­fang. Der von Ardhi Engl er­zeug­te Sound hat ei­nen we­sent­li­chen An­teil an der hoch ver­dich­te­ten At­mo­sphä­re von „Mut­ter­land … stil­le“.

Der Münch­ner Au­tor und Re­gis­seur Em­re Akal ist durch kraft­voll zu­bei­ßen­de Tex­te wie in sei­nem Stück „Ost­wind“be­kannt. Auf das ge­spro­che­ne Wort ver­zich­tet er aber in sei­nem ak­tu­el­len Pro­jekt, dass im Theater Hoch X ur­auf­ge­führt wur­de. Der Lei­tungs­stab ver­zeich­net le­dig­lich Ruth Gei­ers­ber­ger als „Stimm­ver­rich­te­rin“.

Je­der Ver­such der Kom­mu­ni­ka­ti­on wird von ei­nem lau­ten Pfeif­ton un­ter­bun­den, und der sen­sa­tio­nel­le Raum, den Aus­stat­te­rin Ay­lin Kaip ent­warf, ist kein be­hag­li­ches Heim, son­dern ein bru­tal kal­tes Ge­fäng­nis.

Dar­in malt Em­re Akal ganz gro­ße und hoch ar­ti­fi­zi­el­le Thea­ter­bil­der aus der Ge­gen­wart der Tür­kei, die auf dem Weg zu au­to­kra­ti­scher Herr­schaft ge­sell­schaft­li­che So­li­da­ri­tät und fa­mi­liä­re Struk­tu­ren zer­stört.

Die Darstel­ler ha­ben al­le ei­nen Be­zug zur Tür­kei, sei es Er­kin Akal – der Va­ter des Re­gis­seurs, der schon vor lan­ger Zeit sei­ne Hei­mat aus po­li­ti­schen Grün­den ver­ließ – oder Kat­ha­ri­na Friedl, die ih­re Ju­gend in Istan­bul ver­brach­te.

Im Tür­ki­schen spricht man nicht vom „Va­ter­land“, son­dern vom „Mut­ter­land“, und die Mut­ter scheint zu ver­stum­men. Statt­des­sen fol­tert die Mut­ter bei Akal ihr Kind mit Wohl­ta­ten: In ei­ner lan­gen Sze­ne füt­tert sie das Klei­ne mit Scho­ko­la­de bis zur Übel­keit.

Am En­de legt die Mut­ter ih­re Turm­fri­sur ab wie ei­ne Kro­ne und dar­un­ter wird ein Mann sicht­bar. Ma­thi­as He­j­ny

Hoch X, En­ten­bach­str. 37, bis Sonn­tag, 20 Uhr,

90155102

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