Rot ge­gen Rot

Abendzeitung München - - STADTVIERTEL - Von Karl Stan­kie­witz

Kurt Eis­ner schei­tert als Mi­nis­ter­prä­si­dent und wird, kurz be­vor er dem Land­tag sei­nen Rück­tritt ein­rei­chen kann, von ei­nem rechts­ra­di­ka­len Mon­ar­chis­ten er­mor­det. Das Ver­häng­nis nimmt sei­nen Lauf

Es ist An­fang No­vem­ber 1918. Un­ter dem Kom­man­do von Eis­ners Se­kre­tär Fe­lix Fe­chen­bach sam­melt sich der har­te Kern nach dem Marsch durch Mün­chen im Mat­hä­ser­bräu, dem nun schon tra­di­tio­nel­len Haupt­quar­tier der Un­ab­hän­gi­gen So­zia­lis­ten. Man wählt ei­nen „Ar­bei­ter­und Sol­da­ten­rat“un­ter Füh­rung von Franz Sch­mitt (SPD). Der lässt ei­nen von Eis­ner for­mu­lier­ten Auf­ruf dru­cken, wel­cher pa­the­tisch ver­kün­det: „Un­ter fürch­ter­li­chem Druck in­ne­rer und äu­ße­rer Ver­hält­nis­se hat das Pro­le­ta­ri­at die Fes­seln mit ge­wal­ti­ger An­stren­gung zer­ris­sen und sich ju­belnd be­freit.“ Der his­to­ri­sche Auf­ruf ent­hält so­gar die ge­naue Zeit: 7. No­vem­ber, 11 Uhr. Gut ei­ne St­un­de spä­ter ver­kün­det Eis­ner im Mat­hä­ser den „Frei­en Volks­staat Bai­ern“. Eben­so blitz­ar­tig ver­stän­di­gen sich mehr­heit­li­che und un­ab­hän­gi­ge So­zi­al­de­mo­kra­ten auf ei­ne acht­köp­fi­ge Re­vo­lu­ti­ons­re­gie­rung. Mi­nis­ter­prä­si­dent und Au­ßen­mi­nis­ter wird Kurt Eis­ner. Die Mehr­heit aber stellt die MSPD; ihr Vor­sit­zen­der Er­hard Au­er wird In­nen­mi­nis­ter, Kul­tus­mi­nis­ter wird Jo­han­nes Hoff­mann. Ein „pro­vi­so­ri­scher Na­tio­nal­rat“, dem au­ßer Par­tei­ge­nos­sen Ver­tre­ter von Frau­en-, Bau­ern- und an­de­re Be­rufs­ver­bän­de an­ge­hö­ren, soll bis auf Wei­te­res das Par­la­ment er­set­zen.

Un­ter Ein­fluss der Münch­ner Er­eig­nis­se kommt es auch in an­de­ren baye­ri­schen In­dus­trie­städ­ten zum Um­sturz. Im rest­li­chen Kai­ser­reich aber blei­ben die Macht­ver­hält­nis­se un­ver­än­dert. Schon des­halb muss die baye­ri­sche Re­vo­lu­ti­on schei­tern. Zwar kann die Ko­ali­ti­ons­re­gie­rung Eis­ner den Ach­tSt­un­den-Tag, die Ver­hält­nis­wahl und das Frau­en-Stimm­recht durch­set­zen, ei­ne Ve­rän­de­rung des ka­pi­ta­lis­ti­schen Sys­tems aber wird von den SPD-Mi­nis­tern ab­ge­blockt.

Mit der an­ge­streb­ten „Um­bil­dung der See­len“, die Eis­ner sei­nem nach Mün­chen ge­hol­ten Freund Gus­tav Lan­dau­er an­ver­traut, hat der neue Mi­nis­ter­prä­si­dent auch kein Glück. Der An­ar­chist ent­täuscht sei­ne Er­war­tung, die kul­tu­rel­le He­ge­mo­nie der Kon­ser­va­ti­ven, der Rech­ten, der Völ­ki­schen und der An­ti­se­mi­ten zu­rück­zu­drän­gen. Als Mi­nis­ter für Äu­ße­res greift der po­li­ti­sche Idea­list eben­falls zu hoch. So ver­han­delt er un­ter an­de­rem mit dem tsche­chi­schen Staats­prä­si­den­ten über ei­ne Donau­fö­de­ra­ti­on. Von rechts her wird Eis­ner in­des nicht nur durch die Deutsch­na­tio­na­len be­drängt, son­dern obend­rein durch die Stim­men­aus­zäh­lung nach der Land­tags­wahl 1919 in der Au­gus­ti­ner­kir­che (heu­te Jagd­mu­se­um), bei der die USPD ver­liert. Der Mör­der: An­ton Graf von Ar­co. Mon­ar­chis­ten – un­ter­stützt von Erz­bi­schof Faul­ha­ber. Haupt­grund des Schei­terns aber ist der Streit der ver­bün­de­ten Ge­nos­sen un­ter­ein­an­der: Den ra­di­ka­le­ren Un­ab­hän­gi­gen ge­lingt es nicht, ih­rem Ko­ali­ti­ons­part­ner SPD ei­ne Rä­te­de­mo­kra­tie ab­zu­trot­zen, zu groß ist die Angst vor ei­ner Ko­pie der von den Bol­sche­wi­ki per­ver­tier­ten Rä­te­herr­schaft. Das am 4. Ja­nu­ar 1919 be­schlos­se­ne Staats­grund­ge­setz geht dann auch von ei­ner par­la­men­ta­ri­schen De­mo­kra­tie aus, es ent­hält kei­ner­lei Rä­te-Ele­men­te.

Und so kommt es, dass bei den Land­tags­wah­len vom 12. Ja­nu­ar die USPD in Bay­ern auf 2,5 Pro­zent schrumpft, wäh­rend die SPD auf 33 Pro­zent und die Baye­ri­sche Volks­par­tei so­gar auf 35 Pro­zent stei­gen. In Mün­chen wer­den die Un­ab­hän­gi­gen bei der bald fol­gen­den, ers­ten Kom­mu­nal­wahl noch ein­mal stärks­te Par­tei. Die Sein Op­fer: Kurt Eis­ner († 21.2.19) Kom­mu­nis­ten boy­kot­tier­ten die Wahl; aus Russ­land ein­ge­reis­te links­ra­di­ka­le Funk­tio­nä­re war­ten im Hin­ter­grund auf ih­re Chan­ce. Der fol­gen­schwe­re An­griff kommt al­ler­dings von der an­de­ren Sei­te. An ei­ner Haus­ni­sche an der Pran­ner­stra­ße lau­ert am 21. Fe­bru­ar ein Rechts­ra­di­ka­ler. Mi­nis­ter­prä­si­dent Eis­ner be­fin­det sich auf dem Weg zur kon­sti­tu­ie­ren­den Sit­zung des Land­tags. Die Rück­tritts­er­klä­rung hat er in der Ta­sche. Da springt der Leut­nant An­ton Graf von Ar­co aus Val­ley her­vor und feu­ert zwei Re­vol­ver­schüs­se auf das Ge­nick des 65-Jäh­ri­gen. Eis­ner ist so­fort tot. Zwei St­un­den spä­ter stürmt der Metz­ger Alois Lind­ner, Mit­glied des Re­vo­lu­tio­nä­ren Ar­bei­ter­rats, in den Land­tag und schießt auf den Ab­ge­ord­ne­ten Au­er. Er wird schwer ver­letzt. Der eben­falls an­ge­schos­se­ne Mi­nis­te­ri­al­re­fe­rent Ma­jor Paul Rit­ter von Jah­reiß er­liegt sei­nen Ver­let­zun­gen. Im fol­gen­den Tu­mult wird der Kon­ser­va­ti­ve Hein­rich Osel von ei­nem Un­be­kann­ten er­schos­sen. Das Kurt-Eis­ner-Denk­mal in der Kar­di­nal-Faul­ha­ber-Stra­ße. Eis­ners Be­er­di­gung: 100 000 sind ge­kom­men. wer­den vom be­rühm­ten De­mons­tra­ti­ons­zug des Ar­bei­ter­ra­tes in Mün­chen mit Kurt Eis­ner (sit­zend im Fond des Wa­gens) im Fe­bru­ar 1919. Die letz­te Auf­nah­me des baye­ri­schen Mi­nis­ter­prä­si­den­ten, der kurz dar­auf er­mor­det wird. Chir­ur­gen Fer­di­nand Sau­er­bruch be­han­delt. Im Ta­ge­buch von Kar­di­nal Micha­el von Faul­ha­ber steht zum 26. Fe­bru­ar 1919: „Graf Ar­co wur­de in den all­ge­mei­nen Kran­ken­saal ver­legt. Der Ver­wal­ter woll­te ihn über­haupt aus dem Hau­se ha­ben, als Au­er sehr vie­le Blu­men hat­te, sag­te er: ‘Bringt dem Gra­fen auch ein paar da­von.’ Sau­er­bruch ließ sie hin­aus­tra­gen, aber nicht ins Zim­mer vom Gra­fen.“Ar­cos To­des­stra­fe wird vom Jus­tiz­mi­nis­ter Ernst Mül­lerMei­nin­gen am Tag nach der Ver­kün­dung im Ja­nu­ar 1920 in Fe­s­tungs­haft um­ge­wan­delt, 1924 kommt der Mör­der frei. 7. No­vem­ber 1918: „Die Dy­nas­tie Wit­tels­bach ist ab­ge­setzt!“ Dem Trau­er­zug für den er­mor­de­ten Eis­ner fol­gen nicht we­ni­ger als 100 000 Münch­ner. Sei­ne Par­tei ruft den Ge­ne­ral­streik aus. Ein „Zen­tral­rat der Baye­ri­schen Re­pu­blik“über­nimmt die Macht und ver­hängt über die Stadt den Be­la­ge­rungs­zu­stand. Die „bür­ger­li­che“Presse wird zen­siert. Der An­trag des Pu­bli­zis­ten Erich Müh­sam, ei­ne elf­köp­fi­ge Rä­te­re­gie­rung ein­zu­set­zen, wird ab­ge­schmet­tert. Am 17. März wird der So­zi­al­de­mo­krat Jo­han­nes Hoff­mann zum Mi­nis­ter­prä­si­den­ten ge­wählt. Dem aber ma­chen die Rä­te-Ra­di­ka­len, die sich durch die Re­vo­lu­ti­on in Un­garn ge­stärkt füh­len, gleich der­ma­ßen Schwie­rig­kei­ten, dass er sich schon we­ni­ge Ta­ge spä­ter mit sei­ner ge­mä­ßig­ten Re­gie­rung und dem Land­tag nach Bam­berg ab­setzt.

Freie Hand für die Ul­tra­lin­ken in Mün­chen, wo die USPD bei der neu ein­ge­führ­ten Ge­mein­de­wahl im­mer noch mit 32 Pro­zent ge­winnt (Baye­ri­sche Volks­par­tei 28, SPD 18 Pro­zent).

Am 7. April 1919 um 12 Uhr pro­kla­miert der Zen­tra­le Re­vo­lu­ti­ons­rat un­ter dem SPD-Mit­glied Ernst Nie­kisch per Te­le­gramm die „Rä­te­re­pu­blik Bai­ern“. Wie­der ver­wei­gern die Kom­mu­nis­ten die an­ge­streb­te Be­tei­li­gung. Sie be­wer­ten das an­ar­chis­ti­sche Sys­tem ver­ächt­lich als „Schein­rä­te­re­pu­blik“. So er­nennt das Par­la­ment, das sich „Volks­ver­samm­lung“nennt, erst mal ei­ne Rei­he von un­ge­wöhn­li­chen Mi­nis­tern, die nun „Volks­be­auf­trag­te“hei­ßen.

Dem Ka­bi­nett ge­hö­ren an: der Stutt­gar­ter Re­dak­teur Franz Lipp für Äu­ße­res (er war mehr­mals in ei­ner Ner­ven­heil­an­stalt), der Buch­dru­cker Au­gust Ha­ge­meis­ter für Volks­für­sor­ge, der an­ar­chis­ti­sche Schrift­stel­ler Gus­tav Lan­dau­er für Volks­auf­klä­rung, der Ber­li­ner Geld­theo­re­ti­ker Sil­vio Ge­sell für Fi­nan­zen, der Buch­dru­cker Kon­rad Küb­ler für Jus­tiz, der Dre­her Gus­tav Pau­lu­kum für Ver­kehr, der Volks­wirt Ed­gar Jaf­fé für Volks­wirt­schaft (er stirbt in geis­ti­ger Um­nach­tung), der Kell­ner Wil­helm Reich­art für Mi­li­tär­we­sen und der Schuh­ma­cher Jo­sef Si­mon für Han­del. Vor­sit­zen­der des „pro­vi­so­ri­schen re­vo­lu­tio­nä­ren Zen­tral­rats“(die Be­zeich­nun­gen wech­seln häu­fig), al­so qua­si Mi­nis­ter­prä­si­dent, wird der Dich­ter Ernst Tol­ler.

Noch in der­sel­ben Sonn­tag­nacht wird al­ler­lei be­schlos­sen: die Auf­lö­sung des Land­tags als „un­frucht­ba­res Ge­bil­de des über­wun­de­nen bür­ger­lich­ka­pi­ta­lis­ti­schen Zeit­al­ters“, die Bil­dung ei­ner Ro­ten Ar­mee, die Auf­nah­me brü­der­li­cher Be­zie­hun­gen zu den neu­en Rä­te­re­pu­bli­ken Russ­land und Un­garn, die Ab­leh­nung je­der Zu­sam­men­ar­beit mit der „ver­ächt­li­chen“Reichs­re­gie­rung, die Schlie­ßung sämt­li­cher Be­trie­be und Ge­schäf­te, der ver­schärf­te Be­la­ge­rungs­zu­stand und die Vor­ver­le­gung der Po­li­zei­stun­de auf 22 Uhr. Am 8. April be­ginnt die Rä­te­re­gie­rung, das Pro­le­ta­ri­at zu be­waff­nen. Am 9. April stellt die Reichs­bank al­le Zah­lun­gen an Bay­ern ein. Am 10. April gibt Tol­ler die Ein­set­zung von Re­vo­lu­ti­ons­tri­bu­na­len be­kannt und lässt sämt­li­che Kriegs­ge­fan­ge­nen frei. Am 11. April kommt es im An­schluss an ei­ne Wirts­haus­rau­fe­rei zum Sturm ei­ner Volks­men­ge auf den Haupt­bahn­hof. Am 12. April wird die Uni­ver­si­tät ge­schlos­sen und in sechs Brau­häu­sern das „Ge­bot der St­un­de“dis­ku­tiert.

Wei­ter geht es Schlag auf Schlag: Am Mor­gen des 13. April ver­su­chen fünf Be­waff­ne­te, Erz­bi­schof von Faul­ha­ber zu ver­haf­ten, tref­fen ihn je­doch nicht an. An­de­re „Ver­haf­tungs­kom­mis­sa­re“neh­men ei­ne Rei­he von Men­schen aus Bür­ger­schaft und Adel fest.

Am sel­ben Mor­gen er­greift ei­ne „ Re­pu­bli­ka­ni­sche Schutz­trup­pe“den Au­ßen­mi­nis­ter Lipp, den Woh­nungs­kom­mis­sar Wad­ler und so­gar den Lei­t­re­vo­lu­tio­nis­ten Erich Müh­sam und schafft al­le nach Pas­sau. Der­weil ver­kün­den Pla­ka­te den Sturz der Rä­te­re­gie­rung und den Be­la­ge­rungs­zu­stand. Es wird im­mer chao­ti­scher: Kom­mu­nis­ti­sche Ar­bei­ter und Sol­da­ten be­set­zen das Waf­fen­de­pot. Es kommt zu blu­ti­gen Aus­ein­an­der­set­zun­gen. In ei­ner Stra­ßen­bahn wer­den fünf Per­so­nen ver­letzt und ein Ma­tro­se ge­tö­tet. Nach 18 Uhr grei­fen Spar­ta­kis­ten und Rot­ar­mis­ten den von der Schutz­trup­pe be­setz­ten Haupt­bahn­hof an. Stun­den­lang bel­len die Ma­schi­nen­ge­weh­re. So­gar Mi­nen­wer­fer wer­den ein­ge­setzt. Bis zum Abend sind 17 To­te und zahl­rei­che Ver­wun­de­te zu be­kla­gen.

Fo­to: ima­go

Au­er und der von der Leib­wa­che an­ge­schos­se­ne mon­ar­chis­ti­sche Graf Ar­co

Fo­to: Heinz Geb­hardt

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