Der Be­frei­er von Au­schwitz

Abendzeitung München - - BAYERN - Von Hel­mut Reis­ter

Da­vid Dush­man walz­te 1945 mit sei­nem Pan­zer den Zaun des KZs nie­der. Heu­te ist er der letz­te le­ben­de Sol­dat, der bei der Ak­ti­on da­bei war, wohnt in Mün­chen – und wird jetzt 95

Am Sonn­tag wird Da­vid Dush­man 95 Jah­re alt. Geis­tig hell­wach ist er, kör­per­lich fast angst­ein­flö­ßend fit – und er blickt auf ein mehr als au­ßer­ge­wöhn­li­ches Le­ben zu­rück. Die Bio­gra­fie des aus der ehe­ma­li­gen So­wjet­uni­on stam­men­den Ju­den ist Zeit­ge­schich­te pur, Stoff für Ge­schichts­bü­cher.

Ein­mal im Jahr, am 9. Mai, dem „Tag der Be­frei­ung“, streift sich Da­vid Dush­man für das Ve­te­ra­nen­tref­fen ein Ja­ckett über, das ei­nen Hin­weis auf sei­nen be­ein­dru­cken­den Le­bens­weg lie­fert, zu­min­dest auf ei­nen Teil da­von.

Ja­nu­ar 1945: Der An­fang vom En­de des Mas­sen­mords

Mehr als 40 Or­den, na­he­zu al­les an Aus­zeich­nun­gen, was die UdSSR zu bie­ten hat­te, über­flu­ten die Vor­der­sei­te sei­nes Ja­cketts. Auf ei­ne nur sel­ten ver­ge­be­ne Tap­fer­keits­me­dail­le ist er be­son­ders stolz. Da­bei grenzt es an ein Wun­der, dass er den Krieg über­haupt über­lebt hat. Schwer ver­letzt und dem Tod na­he war er mehr­mals. Da­vid Dush­man hat als Fah­rer ei­nes T-34 Pan­zers un­zäh­li­ge Ge­fech­te be­strit­ten und an den mons­trö­sen Schlach­ten in Sta­lin­grad und Kursk teil­ge­nom­men. Zu ei­ner Per­son der Zeit­ge­schich­te wur­de er aber durch das blo­ße Nie­der­wal­zen ei­nes elek­trisch ge­la­de­nen Zauns. Es war der des Kon­zen­tra­ti­ons­la­gers von Au­schwitz – und sei­ne Ak­ti­on im Ja­nu­ar 1945 der An­fang vom En­de des Mas­sen­mords.

Heu­te, 73 Jah­re spä­ter, ist Da­vid Dush­man der letz­te le­ben­de Be­frei­er von Au­schwitz. Ei­nen Or­den da­für gab es nicht. Schick ge­macht fürs Ve­te­ra­nen­tref­fen: An Da­vid Dush­mans Ja­ckett hän­gen mehr als 40 Or­den – ein or­dent­li­ches Ge­wicht. Da­vid Dush­man als Kind mit sei­nem Va­ter, ei­nem Mi­li­tär­arzt.

Als der Sol­dat der Ro­ten Ar­mee mit sei­nem Pan­zer die Um­zäu­nung platt walz­te, sah er die halb ver­hun­ger­ten Men­schen, Lei­chen­ber­ge, Hoff­nungs­lo­sig­keit, un­säg­li­ches Leid. Was Au­schwitz tat­säch­lich war, wuss­te er da­mals nicht. „Das ha­be ich erst nach dem Krieg er­fah­ren“, sagt er Da­vid Dush­man. Dif­fa­mie­rung, den ge­sell­schaft­li­chen Ab­sturz ins Bo­den­lo­se da­ge­gen er­leb­te er be­reits als Ju­gend­li­cher. Sein Va­ter, ein Mi­li­tär­arzt im Ge­ne­rals­rang, Lei­ter des me­di­zi­ni­schen Di­ens­tes der Zen­tral­sport­hoch­schu­le in Mos­kau, fiel 1938 der „Sta­li­nis­ti­schen Säu­be­rungs­wel­le“zum Op­fer Dush­man als Trai­ner mit der Frau­en-Na­tio­nal­mann­schaft im Fech­ten. und wur­de in ein La­ger nörd­lich des Po­lar­krei­ses ge­bracht. Er starb dort nach zehn Jah­ren, völ­lig aus­ge­mer­gelt und ent­kräf­tet. Bei Da­vid Dush­man löst das Schick­sal sei­nes Va­ters bis heu­te tie­fe Emo­tio­nen aus. Sei­ne Mit­wir­kung bei der Be­frei­ung von Au­schwitz taucht in seiAus­gren­zung, nen Fo­to­al­ben zwangs­läu­fig nicht auf. Wer hät­te in die­sem Mo­ment auch auf die Idee kom­men sol­len, ei­ne Ka­me­ra in die Hand zu neh­men?

Na­tür­lich sind in den Al­ben vie­le Fo­tos sei­ner El­tern, den Kin­dern, den En­keln und ih­ren Fa­mi­li­en zu fin­den – und von ihm selbst. Ei­nes ist noch gar

Fast vier Jahr­zehn­te lang, von 1952 bis 1988, trai­nier­te Da­vid Dush­man die Frau­en-Na­tio­nal­mann­schaft der So­wjet­uni­on und kre­ierte Spit­zen­sport­le­rin­nen der Su­per­klas­se. Sei­ne „Kin­der“, wie er sie nann­te, heims­ten Welt­meis­ter­ti­tel ein, und sie stan­den bei ei­nem hal­ben Dut­zend Olym­pi­scher Spie­le im Me­dail­len-Re­gen.

Den An­schlag auf die Olym­pi­schen Spie­le er­lebt er haut­nah mit

1972 bei den Olym­pi­schen Spie­len in Mün­chen wur­de ihm an­ge­sichts des blu­ti­gen At­ten­tats auf is­rae­li­sche Sport­ler sein jü­di­scher Hin­ter­grund be­son­ders be­wusst. „Wir hör­ten die Schüs­se und das Brum­men der Hub­schrau­ber über uns. Wir wohn­ten ge­nau ge­gen­über der is­rae­li­schen Mann­schaft. Wir und al­le an­de­ren Sport­ler wa­ren ent­setzt“, wirft er ei­nen schmerz­li­chen Blick zu­rück.

Da­vid Dush­man nimmt noch heu­te im ho­hen Al­ter den De­gen in die Hand und trai­niert re­gel­mä­ßig. Das kunst­vol­le Han­tie­ren mit der Klin­ge hat ihn nie los­ge­las­sen, auch nicht, als 1988 sein Amt als Trai­ner der Na­tio­nal­mann­schaft en­de­te.

Nach der Öff­nung der Ost­block­gren­zen zog es ihn als Trai­ner zu­nächst nach Ös­ter­reich, ehe er dann 1996 als so­ge­nann­ter Kon­tin­gent-Flücht­ling zu­sam­men mit sei­ner in­zwi­schen ver­stor­be­nen Frau Zo­ja in Mün­chen-Neu­per­lach lan­de­te. Res­sen­ti­ments ge­gen­über den Deut­schen kennt Da­vid Dush­man nicht: „Wir ha­ben nicht ge­gen Deut­sche ge­kämpft, son­dern ge­gen den Fa­schis­mus.“

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