Pro­vinz? Das Ge­gen­teil

Abendzeitung München - - KULTUR -

Opern­pre­mie­re beim Fes­ti­val auf Gut Imm­ling in den Chiem­gau­er Ber­gen: „La Bo­hè­me“von Gi­a­co­mo Puc­ci­ni

Ro­bert Alagna als Eléa­zar in „La Jui­ve“von Fro­men­tal Halé­vy 2016 am Na­tio­nal­thea­ter in Mün­chen.

Nuß­dorf grüßt Pa­ris!“steht auf dem Ban­ner, das die baye­ri­sche Blas­ka­pel­le quer durch die Hal­le trägt und schließ­lich keck auf der Büh­ne schwenkt. Die schmis­si­gen Fan­fa­ren und Trom­mel­wir­bel sind ori­gi­na­ler Be­stand­teil der Oper „La Bo­hè­me“von Gi­a­co­mo Puc­ci­ni, nur, dass dort im Quar­tier La­tin die Pa­ri­ser Nacht­wa­che auf­zieht und kei­ne Mar­sch­mu­sik in ober­baye­ri­scher Tracht. So wit­zig und gleich­zei­tig dra­ma­tur­gisch sinn­voll wer­den auf Gut Imm­ling die Be­woh­ner der Nach­bar­or­te von Hal­fing im Land­kreis Ro­sen­heim in die Ins­ze­nie­rung mit ein­be­zo­gen. Vie­le La­cher und Son­der­ap­plaus für die ein­hei­mi­schen Mu­si­kan­ten.

Das Fes­ti­val ist Mit­tel­punkt der Ge­mein­de. Die Kin­der und Er­wach­se­nen der ex­zel­len­ten Chö­re set­zen sich größ­ten­teils aus lo­ka­len Kräf­ten zu­sam­men, die mo­na­te­lang ge­probt ha­ben. Im ge­räu­mi­gen Opern­haus , ei­ner ehe­ma­li­gen, mo­dern aus­ge­stat­te­ten Reit­hal­le mit groß­ar­ti­ger Akus­tik, stößt das Pu­bli­kum aus der Re­gi­on auf jun­ge Sän­gern aus Kir­gi­sis­tan, Ita­li­en, Po­len, Li­tau­en, Ame­ri­ka und Ge­or­gi­en. Sie sind wäh­rend der ge­sam­ten Spiel­zeit vor Ort, was es ih­nen leicht­macht, zu ei­nem ech­ten En­sem­ble zu­sam­men­zu­wach­sen. Fri­sche, spiel­freu­di­ge Haupt­dar­stel­ler, die mög­li­cher­wei­se kurz vor ei­ner gro­ßen Kar­rie­re ste­hen: Das ist auch das tra­gen­de Kon­zept der Ins­ze­nie­rung von Lud­wig Bau­mann, dem Grün­dungs­in­ten­dan­ten des Imm­lin­ger Fes­ti­vals. Oh­ne Auf­füh­run­gen an ei­nem gro­ßen Haus wie der Baye­ri­schen Staats­oper mis­sen zu wol­len, muss man doch nach der Pre­mie­re sa­gen, dass das, was man hier sieht und hört, dem Ide­al die­ses Stücks sehr na­he kommt. Die Aus­stat­tung ist ein­fach, mit pit­to­res­kem Bu­den­zau­ber in den Stadt­sze­nen, die Ko­s­tü­me und die Re­qui­si­ten, et­wa die all­ge­gen­wär­ti­gen Mo­bil­te­le­fo­ne, sind un­auf­dring­lich ak­tua­li­siert. An die Rück­wand der Büh­ne sind die at­trak­ti­ven neo­im­pres­sio­nis­ti­schen Ge­mäl­de der rus­si­schen Wahl-Baye­rin Eka­ta­ri­na Zacha­ro­va pro­ji­ziert. Aus na­he­lie­gen­den Grün­den ist kein hoch­ge­züch­te­tes Re­gie­thea­ter zu er­war­ten. Pro­vo­kan­te Ein­fäl­le er­setzt Bau­mann durch ei­ne aus­klü­gel­te Per­so­nen­füh­rung. Die vier Bo­hè­mi­ens Je­nish Ys­ma­nov (Ro­dol­fo), Zacha­ry Wil­son (Mar­cel­lo), Mo­d­es­tas Sed­le­vici­us (Schau­nard) und Gi­vi Gi­gi­n­eish­vili (Col­li­ne) ste­cken mit ih­rer Quir­lig­keit an: Sie tä­to­wie­ren sich ge­gen­sei­tig, zäh­len das we­ni­ge Geld und pa­cken das kar­ge Mahl in ge­spiel­ter Be­geis­te­rung aus. Vor al­lem aber wird pracht­voll ge­sun­gen, be­son­ders Ys­ma­nov klei­det die an­spruchs­vol­le Tenor­rol­le in ei­nen schmel­zen­den, in der Hö­he auf­blü­hen­den ly­ri­schen Bel­can­to. Syl­wia Ols­zyns­ka als Mi­mi ver­zau­bert mit gül­de­nem Tim­bre und rührt mit ih­rem lei­sen Tod tief an, Glo­ria Gi­ur­go­la als Mu­set­ta hin­ge­gen tupft die Hö­he so gra­zi­ös an, dass man ihr ih­re ge­spiel­te Zi­ckig­keit schnell ver­zeiht. So soll es sein.

Hoch­pro­fes­sio­nell ist auch das vor­nehm­lich aus re­gio­na­len Kräf­ten zu­sam­men­ge­setz­te Fes­ti­val­or­ches­ter. Der ita­lie­ni­sche Di­ri­gent Lo­ren­zo Co­la­do­na­to holt aus der nur un­we­sent­lich re­du­zier­ten Strei­cher­be­set­zung mehr als das Mög­li­che her­aus. Vor al­lem aber trifft er mit flüs­sig be­weg­ten Tem­pi den Kon­ver­sa­ti­ons­ton der Mu­sik ge­nau, auch die vie­len frei in der Luft schwe­ben­den oder vor­an­trei­ben­den Ru­ba­ti sind noch in den Ne­ben­stim­men si­cher ko­or­di­niert. Die ge­sam­te Pro­duk­ti­on ist so erst­klas­sig und in­spi­riert, dass auch aus­wär­ti­ge Be­su­cher die gut ein­stün­di­ge Fahr­zeit durch die herr­li­che Land­schaft nicht be­reu­en wer­den. Hin­fah­ren!

Micha­el Bas­ti­an Weiß

Noch am 7. und 21. Ju­li (18 Uhr), 13., 26. Ju­li und 11. Au­gust (19 Uhr), Gut Imm­ling in Hal­fing bei Bad En­dorf, Kar­ten:

08055/90 34-0 und un­ter www.gut-imm­ling.de

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