Win­deln hin­ter Git­tern

Abendzeitung München - - MÜNCHEN - Von Ni­na Job

In Sta­del­heim sa­ßen be­reits 136 Müt­ter mit klei­nen Kin­dern in Haft. Die JVA ge­währ­te jetzt erst­mals ei­nem Fo­to­gra­fen Ein­blick: Erol Gu­ri­an er­zählt mit sei­nen Bil­dern be­rüh­ren­de Ge­schich­ten

Ei­nen Kof­fer, ei­ne Rei­se­ta­sche und ei­ne gro­ße Tü­te mit ih­ren Hab­se­lig­kei­ten nimmt sie mit ins Ge­fäng­nis. Und ih­re klei­ne Toch­ter. Das blon­de, et­wa zwei Jah­re al­te Mäd­chen er­kun­det die frem­de Um­ge­bung, wäh­rend sich die Mut­ter von ih­rem Mann ver­ab­schie­det. Trä­nen flie­ßen.

„Es ist ein Ab­schied aus dem nor­ma­len Le­ben. Die Schleu­se geht zu – und sie kommt nicht mehr raus. Fer­tig. Zu!“, be­schreibt Erol Gu­ri­an die Si­tua­ti­on, die er mit sei­ner Ka­me­ra fest­ge­hal­ten hat und die ihn sehr be­rührt hat. „Das ist ein kras­ser Ein­schnitt.“

Die Frau und ih­re Toch­ter werden die kom­men­den acht Mo­na­te hin­ter Git­ter le­ben. Die Frau muss ei­ne Ge­fäng­nis­stra­fe ab­sit­zen und ihr Mäd­chen kommt mit. Der Münch­ner Fo­to­graf Erol Gu­ri­an durf­te in den ver­gan­ge­nen Jah­ren sie­ben Mal in die noch re­la­tiv neue Mut­ter-Kind-Ab­tei­lung des Frau­en­gefäng­nis­ses Sta­del­heim. Ent­stan­den sind ein­drucks­vol­le, sen­si­ble Bil­der. Sie er­zäh­len von Ab­schied, Zä­sur und Ein­ge­sperrt­sein.

Die Bil­der ge­ben ei­nen Ein­blick in das Le­ben von Frau­en, de­nen trotz Haft er­mög­licht wird, Nä­he und All­tag mit ih­ren Kin­dern zu er­le­ben – mit al­lem, was da­zu ge­hört: Stil­len, Wi­ckeln, Spie­len, Lieb­ko­sen, Ba­by­nah­rung ko­chen.

Je­des Fo­to er­zählt ei­ne Ge­schich­te: Da ist die Mut­ter, die ihr Kind man­gels Wan­ne auf dem Bo­den der Du­sche ba­det. Ei­ne an­de­re hat ihr Kind ins Gras auf der Dach­ter­ras­se ge­setzt, wäh­rend sie – was nicht zu se­hen ist – im Frei­en ei­ne Zi­ga­ret­te raucht. In der An­stalt ist Rau­chen ver­bo­ten.

Über Mut­ter und Kind hängt ein di­ckes Netz aus Me­tall. Es soll ver­hin­dern, dass von au­ßen mit Droh­nen Ge­gen­stän­de ab­ge­wor­fen werden, Dro­gen zum Bei­spiel. Auf der Dach­ter­ras­se gibt es auch ei­nen Sand­kas­ten und ein Klet­ter­ge­rüst mit Rut­sche.

Die Mut­ter-Kind-Ab­tei­lung, in­tern „Mu­ki“ge­nannt, wur­de 2009 er­öff­net: Das Frau­en­gefäng­nis Neu­deck war ge­schlos­sen Zu­rück­blei­ben und Ge­hen: Häft­lin­ge ver­ab­schie­den sich von ei­nem Mäd­chen, das an die­sem Tag mit sei­ner Mut­ter aus dem Ge­fäng­nis ent­las­sen wird. Kuss zum Ab­schied: Ei­ne Neu-In­sas­sin zieht ein. Ih­re Toch­ter spielt. wor­den, In­sas­sin­nen und Per­so­nal zo­gen um in ei­nen Neu­bau ne­ben dem Ge­fäng­nis Sta­del­heim. Bis zu zehn Frau­en und ih­re Kin­der kön­nen gleich­zei­tig un­ter­ge­bracht werden.

Die meis­ten sit­zen we­gen Be­trugs-, Kör­per­ver­let­zungs­oder Dro­gen­de­lik­ten – durch­schnitt­lich blei­ben sie sechs bis zwölf Mo­na­te, zwei­ein­halb Jah­re war die längs­te Haft­dau­er. Die Frau­en brin­gen je­weils ein Kind mit, in Aus­nah­men auch zwei. Sie sol­len nicht äl­ter als drei Jah­re alt sein, wenn die Mut­ter ih­re Stra­fe ab­ge­ses­sen hat. Oft gibt es kei­ne Fa­mi­li­en­an­ge­hö­ri­gen, die die Kin­der neh­men könn­ten. Al­ter­na­tiv müss­ten die Klei­nen in Pfle­ge­fa­mi­li­en oder in ein Heim.

Auch Frau­en mit Neu­ge­bo­re­nen ver­brach­ten hier be­reits ei­nen Teil ih­res Le­bens. Sie ka­men di­rekt nach der Ent­bin­dung. JVA-Chef Micha­el Stumpf: „An­fangs war ich skep­tisch, wir hat­ten kei­ne Er­fah­rung.“In­zwi­schen ist er über­zeugt: „Es geht den Kin­dern Spiel­plätz­chen: Ein Stück Ra­sen un­term Me­tall­netz. hier bei ih­rer Mut­ter wo­mög­lich bes­ser als wo­an­ders.“

Die Fo­tos (Far From Ho­me) von Erol Gu­ri­an werden bis 11. No­vem­ber in der Seidlvil­la ge­zeigt. Aus­blick: Ei­ne Mut­ter schaut in den Ge­fäng­nis­hof.

Fo­tos: Erol Gu­ri­an

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