„Manch­mal muss je­mand ein­fach nur 30 Mi­nu­ten wei­nen“

Abendzeitung München - - MÜNCHEN - Von An­ja Per­k­uhn

Seit 50 Jah­ren gibt es die Evan­ge­li­sche Te­le­fon­seel­sor­ge in Mün­chen. Ein­fa­che Ge­sprä­che gibt es hier nicht. Zwei Be­ra­ter er­zäh­len in der AZ da­von

Die Bi­bel steht na­tür­lich im Re­gal di­rekt ne­ben dem Te­le­fon­platz bei der Evan­ge­li­schen Seel­sor­ge. Da­ne­ben: Fach­bü­cher zu Ge­sprächs­füh­rung, zu On­line-Be­ra­tung, zu kli­ni­scher Psy­cho­lo­gie. Und ein Buch, viel­leicht zu­fäl­lig, aber nicht grund­los, in zwei­fa­cher Aus­füh­rung: „Sterb­lich sein: Was am En­de wirk­lich zählt“. Leich­te An­ru­fe gibt es hier nicht. Kei­ne nicht-ganz-so-schlim­men Fäl­le. Hier geht es im­mer um tie­fe Ab­grün­de, um Ge­walt, Angst, Dro­gen, Krank­heit, Tod. Nie­mand kon­tak­tiert die Te­le­fon­seel­sor­ge, wenn es ihm halb­wegs gut geht.

Wer die 0800-111 0 111 wählt, der ist an ei­nem Punkt an­ge­kom­men, an dem er von nie­man­dem mit ei­nem Ge­sicht noch Hil­fe er­war­tet.

„So­bald es ge­klin­gelt hat und ich ab­neh­me, geht es so­fort los“, sagt Jo­sef. Er ist seit drei Jah­ren frei­wil­li­ger Mit­ar­bei­ter der Evan­ge­li­schen Te­le­fon­seel­sor­ge in Mün­chen. „Man ist so­fort in der Ge­schich­te ei­nes Men­schen“, sagt er. „Manch­mal wird gleich ge­weint, manch­mal sehr viel er­zählt, manch­mal ge­schimpft.“

Im­mer geht es bei den An­ru­fen um ei­nen An­sprech­part­ner, ei­ne Stim­me, um die Nä­he zu ei­nem Men­schen – oh­ne sich ganz of­fen­ba­ren zu müs­sen, denn das An­ge­bot ist kom­plett an­onym. An­ders ist es, wenn je­mand Be­ra­tung und Un­ter­stüt­zung sucht über die bei­den neue­ren We­ge, die die Seel­sor­ge an­bie­tet: per Mail oder über ei­nen Chat. Die­se Men­schen su­chen nicht den stimm­li­chen Aus­tausch, son­dern ei­nen noch nie­der­schwel­li­ge­ren, den schrift­li­chen. Stim­men, die mensch­li­che Nä­he be­deu­ten: Gra­zia (vorn) und Jo­sef ar­bei­ten eh­ren­amt­lich bei der Te­le­fon­seel­sor­ge.

Über den Chat mel­den sich vor al­lem Jün­ge­re, zwi­schen 13 und 19 Jah­ren. „Da geht es viel um Iden­ti­täts­fin­dung, um feh­len­des Selbst­wert­ge­fühl“, er­zählt Jo­sef, „Pro­ble­me mit den El­tern, Mob­bing in der Schu­le“.

Die Men­schen, die ihn über Mails er­rei­chen, sind di­ver­ser, ha­ben je­des Al­ter und je­des Pro­blem, das man sich vor­stel­len kann – sie sind ein­sam, krank, chro­nisch krank, ver­las­sen wor­den, am En­de ih­res Le­bens. Und: „Sie su­chen meis­tens ei­ne fort­lau­fen­de Be­glei­tung durch die­sel­be Per­son.“Vor al­lem, wenn es um das Ster­ben geht. „Die Men­schen, die sich da mel­den, ha­ben in der Re­gel schon ei­ne Ster­be­be­glei­tung“, er­zählt die Eh­ren­amt­le­rin Gra­zia. „Sie ha­ben ei­ne The­ra­pie, sie ha­ben Pfle­ger, die sich um die küm­mern. Bei uns su­chen sie was An­de­res.“

Die­ses An­de­re, das ist schwer zu grei­fen und na­tür­lich im­mer in­di­vi­du­ell bei je­dem Men­schen, der sich mel­det. „Man muss da vor al­lem mit­schwin­gen“, sagt Jo­sef. „Füh­len, was der an­de­re braucht, da­mit man nicht fünf Rat­schlä­ge gibt, wenn der Mensch ein­fach selbst er­zäh­len will. Man muss aus­hal­ten kön­nen. Manch­mal ruft je­mand an, der muss ein­fach nur 30 Mi­nu­ten wei­nen. Dann lässt man ihn wei­nen.“

„Vo­ri­ge Wo­che“, er­zählt Gra­zia, „rief zum Bei­spiel der Chef ei­ner gro­ßen Fir­ma an. Er ha­be ei­nen 17-jäh­ri­gen Lehr­ling, der in der Ar­beit ei­ne sui­zi­da­le Pha­se hat­te. Sei­ne El­tern hät­ten ihn ab­ge­holt, er sei be­treut wor­den – was er aber ma­chen soll, falls der jun­ge Mann nächs­te Wo­che wie­der­kommt und ein At­test hat, dass al­les in Ord­nung sei mit ihm.“

Gra­zia spricht ge­fasst, ru­hig. Sie ist seit 13 Jah­ren da­bei, sie hat schon viel ge­hört. „Nach ei­ner Wei­le stell­te sich her­aus, dass hin­ter der fach­li­chen An­fra­ge die­ses Chefs et­was An­de­res steck­te: das Pro­blem, dass ihn die Si­tua­ti­on in Angst und Schre­cken ver­setzt hat. Er hat­te drei, vier Stun­den mit dem jun­gen Mann ge­spro­chen, hat ihn vom Sui­zid ab­ge­hal­ten. Er hat au­ßer­dem selbst Kin­der in die­sem Al­ter.“Sie streicht sich un­auf­ge­regt ein paar Haa­re aus dem Ge­sicht. „Es kommt oft vor, dass sich Men­schen erst ein­mal ver­ste­cken wol­len hin­ter Pseu­do-Fäl­len.“ Oft zei­gen die Ge­sprä­che den Eh­ren­amt­lern tie­fe Ab­grün­de auf. „Wir sind das letz­te Netz, das die Men­schen auf­fängt, die sonst hin­ten run­ter­fal­len wür­den“, sagt Jo­sef. „Wenn je­mand an­ruft und sagt, er schlägt sein Kind, ist das na­tür­lich nicht sym­pa­thisch. Aber er hat sich ge­mel­det, al­so gibt es ein Leid und ei­ne Not. Wir sind nicht da­für da, zu be­wer­ten und zu ver­ur­tei­len.“

Na­tür­lich stün­den die Fäl­le für Pro­ble­me in der gan­zen Ge­sell­schaft, für po­li­ti­sche The­men, sagt Gra­zia. „Aber es ist wich­tig, dass wir den Ein­zel­nen se­hen.“

Und nicht im­mer kön­nen sie dem auch hel­fen. „Mit Nie­der­la­gen um­zu­ge­hen ist ein gro­ßer Teil der Ar­beit“, sagt Gra­zia.

Wer sich per Mail mel­det, sucht ei­ne län­ge­re Be­glei­tung „Wir sind nicht da­für da, zu be­wer­ten und zu ver­ur­tei­len“

Jo­sef und Gra­zia sind nicht die rich­ti­gen Na­men der bei­den – die An­ony­mi­tät bei den Kon­tak­ten ist beid­sei­tig, auch zum Schutz der Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter. Aber es sind Na­men, die mit Ge­schich­ten ge­füllt sind: Sie mel­den sich mit ih­nen, wenn sie bei der Seel­sor­ge ans Te­le­fon ge­hen.

Wer hier ar­bei­tet, des­sen Eig­nung wur­de aus­gie­big ge­prüft

Her­aus­zu­fin­den, was hin­ter den Ge­schich­ten steckt, und wie am bes­ten zu hel­fen ist – das ist die gro­ße Her­aus­for­de­rung für die die Eh­ren­amt­ler. Wer bei der Seel­sor­ge ar­bei­tet, ist aus­gie­big auf sei­ne Eig­nung ge­prüft wor­den, auf sei­ne Em­pa­thie und Fle­xi­bi­li­tät. Der ist über ein Jahr da­für aus­ge­bil­det wor­den, macht auch da­nach re­gel­mä­ßig Fort­bil­dun­gen zu Spe­zi­al­the­men wie Sek­ten­bil­dung, kann bei Be­darf bei den Fach­leu­ten im Haus an­fra­gen.

„Wir sind na­tür­lich kei­ne Spe­zia­lis­ten“, sagt Jo­sef. „Die Fra­ge ist schon: Was kann ich leis­ten bei je­man­dem, der ei­ne aku­te de­pres­si­ve Pha­se hat und des­sen The­ra­peut gera­de für vier Wo­chen im Ur­laub ist?“

Die Ant­wort lie­fert er gleich selbst: „Ich kann da sein. Ich kann nicht das Pro­blem lö­sen, aber ich kann zu­hö­ren. Und viel­leicht kann der Mensch dann ein paar Stun­den lang wie­der et­was leich­ter le­ben – und da­nach geht es wei­ter.“

Fo­to: Da­ni­el von Lo­eper

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