Der Schick­sals­tag

Abendzeitung München - - POLITIK -

Po­li­ti­ker ge­den­ken in der Haupt­stadt Mo­men­ten, die deut­sche Ge­schich­te ge­prägt ha­ben. Und der Bun­des­prä­si­dent hält ei­ne ein­dring­li­che Re­de

Frank-Wal­ter St­ein­mei­er kann nicht an­ders, als sehr grund­sätz­lich zu wer­den. Schließ­lich gilt der 9. No­vem­ber als „Schick­sals­tag“der Deut­schen. Am Frei­tag hält der Bun­des­prä­si­dent im Bun­des­tag ei­ne Re­de an­läss­lich die­ses be­son­de­ren Ta­ges. Es ist ei­ne von zahl­rei­chen Ge­denk­ver­an­stal­tun­gen.

Am Mor­gen hat­ten St­ein­mei­er (SPD), Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel und Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le (bei­de CDU) be­reits an ei­ner Ge­denk­ver­an­stal­tung des Zen­tral­rats der Ju­den in der Ber­li­ner Sy­nago­ge Ry­ke­stra­ße teil­ge­nom­men.

Das muss sich än­dern, sagt St­ein­mei­er, und plä­diert für ei­nen „de­mo­kra­ti­schen Pa­trio­tis­mus“in Deutsch­land. Die Ka­ta­stro­phe zwei­er Welt­krie­ge und der Ho­lo­caust sei­en un­ver­rück­ba­rer Teil der deut­schen Iden­ti­tät. Zu­gleich soll­te aber auch an die Wur­zeln von De­mo­kra­tie­und Frei­heits­stre­ben er­in­nert wer­den. Viel Bei­fall für das Staats­ober­haupt, vor al­lem bei ei­ner Pas­sa­ge, in der er die deut­schen Na­tio­nal­far­ben für die De­mo­kra­tie re­kla­miert. „Wer heu­te Men­schen­rech­te und De­mo­kra­tie ver­ächt­lich macht, wer al­ten na­tio­na­lis­ti­schen Hass wie­der an­facht, der hat ge­wiss kein his­to­ri­sches Recht auf Schwarz-Ro­tGold.“Zum Auf­takt der gut ein­stün­di­gen Ge­denk­ver­an­s­tal- Ber­li­ner ste­cken Ro­sen zwi­schen die Res­te der Mau­er. tung spielt das Nim­rod-En­sem­ble aus Ber­lin eher sper­ri­ge Tö­ne des Kom­po­nis­ten Paul Hin­de­mith (1895-1963). Da­nach er­greift Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le das Wort. Mit Blick auf die Er­eig­nis­se vor 100 Jah­ren, aber auch auf die Po­grom­nacht von 1938 und den Mau­er­fall von 1989 sagt er: „An die­sem Da­tum ver­dich­tet sich un­se­re jün­ge­re Ge­schich­te in ih­rer Am­bi­va­lenz, mit ih­ren Wi­der­sprü­chen und Ge­gen­sät­zen.“

Auch St­ein­mei­er be­nennt Wi­der­sprü­che und Kon­flik­te: „Wir kön­nen stolz sein auf die Tra­di­tio­nen von Frei­heit und De­mo­kra­tie, oh­ne den Blick auf den Ab­grund der Shoa zu ver­drän­gen“, sagt er. Auch der 9. No­vem­ber 1918 ste­he für ei­ne pa­ra­do­xe und wi­der­sprüch­li­che Re­vo­lu­ti­on. St­ein­mei­er er­in­nert auch an den Fall der Mau­er 1989 – „den glück­lichs­ten 9. No­vem­ber in un­se­rer Ge­schich­te“. Es blei­be aber die „schwie­rigs­te und schmerz­haf­tes­te Fra­ge der deut­schen Ge­schich­te“, wie we­ni­ge Jah­re nach dem de­mo­kra­ti­schen Auf­bruch 1918 Fein­de der De­mo­kra­tie Wah­len ge­win­nen konn­ten, das deut­sche Volk eu­ro­päi­sche Nach­barn mit Krieg und Ver­nich­tung über­zog.

Er­in­ne­rung dür­fe nicht zum Ri­tu­al er­star­ren, sagt St­ein­mei­er, son­dern müs­se auch die kon­kre­te Po­li­tik prä­gen. Zum Schluss der ein­dring­li­chen Re­de dann noch ein Ap­pell: Not­wen­dig sei­en mehr Auf­merk­sam­keit und mehr fi­nan­zi­el­le Mit­tel, um an Or­te und die Prot­ago­nis­ten der De­mo­kra­tie­ge­schich­te in Deutsch­land zu er­in­nern. T. La­nig

Fo­to: dpa

Ge­denk­stun­de in der Sy­nago­ge (v.l.): Bun­des­rats­prä­si­dent Da­ni­el Gün­ther, Kanz­le­rin An­ge­la Mer­kel (bei­de CDU), Jo­sef Schus­ter, Prä­si­dent des Zen­tral­rats der Ju­den, Bun­des­tags­prä­si­dent Wolf­gang Schäu­b­le (CDU) und Bun­des­prä­si­dent Frank-Wal­ter St­ein­mei­er (r., SPD) mit Frau El­ke.

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