Sen­nas schwe­res Er­be

Abendzeitung München - - SPORT -

Ei­ner der Größ­ten und süd­ame­ri­ka­ni­scher Held: Ayr­ton Sen­na ge­wann drei Mal die For­mel-1-Welt­meis­ter­schaft.

Jahr­zehn­te­lang präg­ten bra­si­lia­ni­sche Fah­rer die For­mel 1. Erst­mals seit 49 Jah­ren müs­sen die vie­len Fans in Sao Pau­lo aber auf ei­nen Lo­kal­hel­den ver­zich­ten. „Die gan­ze Welt will Bra­si­lia­ner se­hen“

Von Krämp­fen ge­plagt und am En­de sei­ner Kräf­te stieg Ayr­ton Sen­na auf das Po­di­um von In­ter­la­gos und ent­roll­te die bra­si­lia­ni­sche Flag­ge. Von ei­nem Ge­trie­be­scha­den heim­ge­sucht, hat­te sich die For­mel-1-Iko­ne im sechs­ten Gang in ei­nem Grand Prix für die Ewig­keit im März 1991 zu sei­nem er­lö­sen­den ers­ten Heim­sieg ge­quält. „Ich bin erst wie­der in der Wirk­lich­keit an­ge­kom­men, als ich die Zi­el­li­nie ge­se­hen ha­be“, er­in­ner­te sich der 1994 ums Le­ben ge­kom­me­ne Sen­na ein­mal. „Es war nicht der größ­te Sieg mei­nes Le­bens, aber ei­ner, für den ich al­les ge­ben muss­te.“ Für die Ewig­keit sind die Bil­der Sen­nas, wie er mit ge­schlos­se­nen Au­gen den Mo­ment des Tri­umphs aus­zu­kos­ten ver­sucht oder wie er von tau­sen­den Lands­leu­ten ver­ehrt wird. Sie lö­sen im­mer noch Gän­se­haut aus. Und die­se Bil­der des drei­ma­li­gen Welt­meis­ters sind Zeit­do­ku­men­te für die For­mel1-Be­geis­te­rung in Bra­si­li­en. Ei­ne glanz­vol­le Epo­che. Die Ge­gen­wart sieht düs­ter aus. Erst­mals seit 1969 hat Bra­si­li­en, die­ses rie­si­ge Land mit noch grö­ße­rer Mo­tor­sport­his­to­rie, in die­sem Jahr kei­nen Stamm­fah­rer in der For­mel 1. Vor dem Grand Prix am Sonn­tag (18.10 Uhr MEZ/RTL) in In­ter­la­gos muss­ten sich die Fans mit Fe­li­pe Mas­sa be­gnü­gen. Im Stadt­teil Bo­ta­fo­go von Rio de Janei­ro steu­er­te der En­de 2017 zu­rück­ge­tre­te­ne Pi­lot ei­nen Vor­führ­wa­gen von Wil­li­ams. „Es ist scha­de, dass der­zeit kein Bra­si­lia­ner fährt“, sag­te Mas­sa dem TV-Sen­der Glo­bo. „Die gan­ze Welt will ei­nen Bra­si­lia­ner se­hen und ihm auch zu­ju­beln.“Nun­ja, vi­el­leicht nicht die gan­ze Welt, aber si­cher ein be­trächt­li­cher Teil der bra­si­lia­ni­schen For­mel-1-Welt litt zu­min­dest mit Mas­sa 2008. An je­nem 2. No­vem­ber 2008 ge­wann der da­ma­li­ge Fer­ra­ri-Pi­lot den Gro­ßen Preis von Bra­si­li­en und durf­te sich so­gar als Welt­meis­ter füh­len – aber nur für ei­ni­ge Se­kun­den. Ein Über­hol­ma­nö­ver von Le­wis Ha­mil­ton ge­gen Ti­mo Glock zer­stör­te we­ni­ge hun­dert Me­ter vor der Zi­el­li­nie die Er­fül­lung sei­nes Le­benstraums. Dann flos­sen Trä­nen. Vie­le Trä­nen. Mas­sa hät­te sich fast zum ers­ten bra­si­lia­ni­schen Welt­meis­ter seit Sen­na 1991 ge­kürt und in sei­ner Hei­mat Le­gen­den­sta­tus er­hal­ten. Wie auch Emer­son Fit­ti­pal­di (1972, 1974). Wie auch Nel­son Pi­quet (1981, 1983, 1987). Und eben wie auch Sen­na (1988, 1990, 1991).

Ei­ne nicht un­er­heb­li­che Rol­le bei die­ser WM-Ti­tel-Samm­lung spiel­te aus­ge­rech­net McLa­ren. Ge­nau­er Bra­si­li­ens neue Mo­tor­sport-Hoff­nung: Sér­gio Set­te Câ­ma­ra. je­ner Renn­stall, der nun wie die bra­si­lia­ni­sche Mo­tor­sport­welt nur noch ein Schat­ten ver­gan­ge­ner Ta­ge ist.

Da­mals hol­te al­lei­ne Sen­na sei­ne drei Ti­tel in ei­nem Wa­gen des eng­li­schen Tra­di­ti­ons­teams. So ganz ver­wun­dert es da auch nicht, dass Pe­tro­bras mit die­sem Er­be in Ver­bin­dung ge­bracht wer­den will. An­fang die­ses Jah­res schloss Bra­si­li­ens staat­li­ches Mi­ne­ral­öl­un­ter­neh­men mit McLa­ren ei­nen Ver­trag über ei­ne Tech­no­lo­gie­part­ner­schaft.

Noch we­ni­ger ver­wun­dert es, dass die­se Ver­bin­dung auch ei­ne Fah­rer­ent­schei­dung be­güns­tigt hat: Sér­gio Set­te Câ­ma­ra wird als Er­satz­fah­rer Er­fah­rung sam­meln dür­fen. Kurz vor die­sem Wo­chen­en­de ver­kün­de­te McLa­ren die Be­för­de­rung des 20-jäh­ri­gen For­mel-2-Pi­lo­ten. „Al­le bra­si­lia­ni­schen Pi­lo­ten ha­ben mich in­spi­riert“, sag­te Câ­ma­ra. „Wir wer­den als ein Land an­er­kannt, das Pi­lo­ten her­vor­bringt, auch wenn Bra­si­li­ens Wirt­schaft nicht so stark ist wie die eu­ro­päi­sche.“

Zu­min­dest ha­ben die Süd­ame­ri­ka­ner wie­der ei­nen Fah­rer, auf den sie ih­re Hoff­nun­gen pro­ji­zie­ren kön­nen.

Fo­tos: dpa, ins­ta­gram/ser­gio­set­te­ca­ma­ra

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