„Die ver­ste­hen Groß­stadt nicht“

Abendzeitung München - - MÜNCHEN - Von Fe­lix Müller

Ei­ne Re­gie­rung mit we­nig Rück­halt in der Stadt, ei­ne ehr­gei­zi­ge Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin aus Neu­hau­sen, star­ke Grü­ne, die OB Rei­ter at­ta­ckie­ren wol­len: das Mün­chen-In­ter­view mit Kat­ha­ri­na Schul­ze

Mün­chen ist grün ge­wor­den bei der Land­tags­wahl, die Grü­nen aber sind wei­ter­hin in der Op­po­si­ti­on. Im­mer­hin: Kat­ha­ri­na Schul­ze darf sich jetzt Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin nen­nen. In der Aus­ein­an­der­set­zung mit ei­ner Staats­re­gie­rung, die in Mün­chen ex­trem we­nig Stim­men be­kom­men hat. Ein Ge­spräch nach den ers­ten Wo­chen im neu­en Land­tag: über das grü­ne Mün­chen, die Fra­ge, ob die Stadt mehr Po­li­zei braucht – und dar­über, war­um Schul­ze nicht Ober­bür­ger­meis­te­rin wer­den will.

AZ: Frau Schul­ze, ist Ih­nen Mün­chen manch­mal zu glatt, auf­ge­räumt, sau­ber, lang­wei­lig? KAT­HA­RI­NA SCHUL­ZE: Nein. Ich fin­de Mün­chen sehr viel­fäl­tig. Frü­her ha­be ich in Send­ling bei der Isar ge­wohnt, das war ein ganz an­de­res Flair als ich es jetzt in Neu­hau­sen ha­be. In den Münch­ner Vier­teln gibt es oft ei­ne ganz ei­ge­ne Stim­mung. Ich bin in Herr­sching am Am­mer­see auf­ge­wach­sen, mag das Was­ser und als Öko auch Grün – in Mün­chen fin­de ich das al­les. Die meis­ten Wäh­ler hat­ten die Grü­nen wie­der in Haid­hau­sen oder am Gärt­ner­platz. Dür­fen wir uns Ih­re Wäh­ler als Men­schen mit Geld und we­ni­gen Sor­gen vor­stel­len? Wir ha­ben fünf Di­rekt­man­da­te ge­holt, sind stadt­weit stärks­te Kraft ge­wor­den. An dem Er­geb­nis sieht man doch, dass wir die Men­schen in der gan­zen Stadt er­reicht ha­ben. Zu mei­nem Stimm­kreis Mil­berts­ho­fen ge­hö­ren so­wohl die zen­trums­na­hen Stadt­tei­le Neu­hau­sen und Schwa­bing-West als auch das bis zur Stadt­gren­ze rei­chen­de Mil­berts­ho­fen. Wie ha­ben Sie die Münch­ner über­zeugt? Hal­tung und In­hal­te. Die Leu­te schüt­teln nur den Kopf über die CSU, wenn sie sagt, Bay­ern sei ein Au­to­land. Sie ste­cken ja täg­lich im Stau, se­hen, dass es mehr Rad­we­ge und ÖPNV braucht. Dass Mar­kus Sö­ders Idee von ei­nem Fa­mi­li­en­geld auf dem Pa­pier nett klingt, aber nichts nutzt, wenn bei­de El­tern ar­bei­ten und man drin­gend ei­nen Krip­pen- oder Kin­der­gar­ten­platz braucht. Frü­her wa­ren die Grü­nen in Mil­berts­ho­fen oder Am Hart ex­trem schwach. Jetzt sind Sie auch in al­ten Ar­bei­ter­vier­teln er­folg­reich. Spre­chen Sie wirk­lich plötz­lich die Spra­che der klei­nen Leu­te – oder woh­nen dort ein­fach in­zwi­schen viel mehr gut aus­ge­bil­de­te Top­ver­die­ner? Die kon­ti­nu­ier­li­che Ar­beit der Münch­ner Grü­nen zahlt sich aus. Wir sind übe­r­all, auch in den Ver­ei­nen ak­tiv. In Mün­chen ha­ben wir in­zwi­schen Kämp­fe­risch: Kat­ha­ri­na Schul­zes stei­le Kar­rie­re scheint noch lan­ge nicht am En­de zu sein. über 2000 Grü­nen-Mit­glie­der. Ich fin­de das Bild, dass Mün­chen ein Dorf sei, sehr schön. Das heißt ja auch, dass der Zu­sam­men­halt in den Vier­teln funk­tio­niert. Wir ha­ben al­so ei­ne star­ke Ba­sis. Und: Die Grü­nen trei­ben die Gro­ße Ko­ali­ti­on im Rat­haus vor sich her. In Mün­chen ha­ben Sie im Wahl­kampf pla­ka­tiert, Sie woll­ten „Grü­ne Wie­sen statt Be­ton­wüs­te“. Ist das Ih­re Ant­wort auf die Woh­nungs­not: ein­fach nicht mehr bau­en? Wir ha­ben für un­ser grü­nes Volks­be­geh­ren ge­gen die Be­ton­flut viel Zu­stim­mung be­kom­men. Na­tür­lich in­ter­es­siert das auch die Men­schen in der Stadt. Wir müs­sen hö­her und en­ger bau­en, brau­chen aber auch Grün­flä­chen. Dem wür­de ja kei­ner wi­der­spre­chen – auch nicht die an­de­ren Par­tei­en. Die Fra­ge ist, was die an­de­ren da­für tun. Ein paar Fas­sa­den­be­grü­nun­gen rei­chen nicht, um die Kli­ma­kri­se zu be­kämp­fen. Die Stadt braucht kon­kre­te Kli­ma­schutz­zie­le, die um­ge­setzt wer­den. Raus aus der Koh­le, Ver­kehrs­wen­de und Grün­flä­chen und Frisch­luft­schnei­sen ge­gen die Hit­ze. Vor ein paar Jah­ren ha­ben Sie aus Pro­test ei­nen brau­nen Sack über das Münch­ner Trüm­mer­frau­en-Denk­mal ge­stülpt. Heu­te trau­en sich die Grü­nen kei­ner­lei Pro­vo­ka­ti­on mehr und sind nur noch ei­ne Wohl­fühlPar­tei, die nicht an­ecken will. Oder? Ich fin­de, wir sind sehr klar in un­se­ren Aus­sa­gen. Wir scheu­en kei­ne De­bat­te. Wir be­nen­nen Pro­ble­me, ma­chen Ak­tio­nen, zei­gen Lö­sun­gen auf. Wir wol­len Bay­ern zum ers­ten gleich­be­rech­tig­ten Land ma­chen und den Flä­chen­fraß ein­däm­men. Und: In Mün­chen brau­chen wir mehr Platz für an­de­re Ver­kehrs­teil­neh­mer als das Au­to. So va­ge, wie Sie das for­mu­lie­ren, wür­de die Kon­kur­renz wohl auch da nicht wi­der­spre­chen. Wie au­to­frei wol­len Sie die Stadt denn ha­ben – die gan­ze In­nen­stadt? Das Ziel muss ei­ne au­to­freie Alt­stadt sein. Und im Un­ter­schied zu den an­de­ren Par­tei­en re­den die Grü­nen da nicht nur drü­ber, son­dern be­an­tra­gen es auch ganz kon­kret. Wir brau­chen ei­nen an­stän­di­gen Rad­weg an der Ro­sen­hei­mer Stra­ße. Wenn man ei­ne Mo­bi­li­täts­re­vo­lu­ti­on will, muss man Schnell-Rad­we­ge in die Stadt bau­en, wir brau­chen neue Tram­stre­cken und Bus­spu­ren. Wer in der Rush Hour Bus fährt, steht heu­te ja ge­nau­so im Stau wie mit dem Au­to. Und: Wir wol­len Park­plät­ze um­wid­men zum Ver­wei­len oder zum Spie­len. Ih­re Wunsch­ko­ali­ti­on Schwarz-Grün hat ja nicht ge­klappt. Nun re­giert die CSU mit den Frei­en Wäh­lern. Ein Bünd­nis mit der ab­surd nied­ri­gen Zu­stim­mung von 31 Pro­zent der Münch­ner Wäh­ler. Was be­deu­tet das für die Stadt? Wenn man den Ko­ali­ti­ons­ver­trag durch­liest, feh­len die gro­ßen Zu­kunfts­the­men. Statt­des­sen bekennt man sich zum Bei­spiel da­zu, dass Bay­ern ein Au­to­land sei. Das ist für den Münch­ner, der sich mit zwei an­de­ren auf dem schma­len Rad­weg drängt und dann will noch die Oma mit dem Rol­la­tor vor­bei, ei­ne ab­sur­de Aus­sa­ge. Denn ne­ben sich sieht er zwei Au­to­spu­ren und ei­ne für Park­plät­ze. Die­se Ko­ali­ti­on hat nicht ver­stan­den, wie Groß­stadt in Zu­kunft funk­tio­niert. 2018 wur­de in Mün­chen sehr viel de­mons­triert. Wird auch 2019 ein Pro­test­jahr – ganz oh­ne zu­ge­spitz­ten Wahl­kampf? Die Münch­ner ha­ben auch vor 2018 schon viel de­mons­triert – et­wa ge­gen Na­zis. Und nach 2018 wird es auch wei­ter­ge­hen, weil die Pro­ble­me ja nicht aus dem Weg ge­räumt sind. Im Mit­tel­meer ster­ben im­mer noch täg­lich Men­schen, weil die Eu­ro­päi­sche Uni­on ih­re Ab­schot­tungs­po­li­tik per­fek­tio­niert hat und See­notret­tungs­or­ga­ni­sa­tio­nen oh­ne En­de kri­mi­na­li­siert wer­den. Vor der Eu­ro­pa­wahl wer­den auch wie­der vie­le ProEu­ro­pä­er auf die Stra­ße ge­hen. Ist die­se Stadt wie­der po­li­ti­scher ge­wor­den? Die Leu­te mer­ken: Es reicht nicht, sich nur im Klei­nen zu en­ga­gie­ren. Ich fin­de sehr po­si­tiv, dass es die ver­gan­ge­nen zwei Jah­re ei­ne Eman­zi­pa­ti­on der Zi­vil­ge­sell­schaft ins­ge­samt gab. Und Mün­chen ist da na­tür­lich ein Leucht­turm. Kurz zur Po­li­zei. Mar­kus Sö­der hat im Früh­jahr an­ge­kün­digt, die Po­li­zei­prä­senz in Mün­chen zu er­hö­hen, et­wa in U-BahnZwi­schen­ge­schos­sen. Die Fra­ge an die Münch­ne­rin Kat­ha­ri­na Schul­ze: Ha­ben Sie da­von et­was ge­merkt? Und an die In­nen­po­li­ti­ke­rin: Braucht Mün­chen wirk­lich noch mehr Po­li­zei? Na­tür­lich braucht die baye­ri­sche Po­li­zei mehr Po­li­zis­tin­nen und Po­li­zis­ten. Sie ist am Über­stun­den-Li­mit, kriegt zu­dem im­mer mehr Auf­ga­ben. An­statt in die un­sin­ni­ge Baye­ri­sche Grenz­po­li­zei lie­ber in grenz­über­schrei­ten­de Er­mitt­ler­teams in­ves­tie­ren. Au­ßer­dem mehr IT-Spe­zia­lis­ten ein­stel­len, um die Cy­ber­kri­mi­na­li­tät zu be­kämp­fen. Al­so sind Sie ge­gen mehr Po­li­zei­prä­senz in Mün­chen? Ich bin für mehr Per­so­nal in den Po­li­zei­dienst­stel­len, die sind dann drau­ßen, wenn es nö­tig ist. Und ha­ben Sie nun schon mehr Po­li­zei ge­se­hen? Als Münch­ne­rin muss ich sa­gen: Ich fin­de, dass die Po­li­zei schon vor Sö­ders Er­lass gut sicht­bar war. Mehr Be­am­te sind mir zu­letzt nicht auf­ge­fal­len. Und die Rei­ter­staf­fel, die Sö­der als das hei­ße In­stru­ment ver­kauft hat, ha­be ich auch nicht ge­se­hen. Ich glau­be auch im­mer noch nicht, dass das die si­cher­heits­po­li­ti­sche Maß­nah­me ist, die die Lan­des­haupt­stadt am drin­gends­ten braucht. Mar­kus Sö­der hat der AZ mal ge­sagt, im Ge­gen­satz zu an­de­ren deut­schen Groß­städ­ten ge­be es in Mün­chen „kein grü­nes Mul­ti­kul­ti“. Wi­der­spre­chen Sie? Ich wür­de Mar­kus Sö­der erst­mal die Rück­fra­ge stel­len, was ge­nau er da­mit meint – und, war­um er jetzt so an­ge­wi­dert schaut. Und dann? Wür­de ich sei­ne The­se wi­der­le­gen. Als Rad­le­rin in Mün­chen: Wann mer­ken Sie im All­tag, dass die Stadt weit von ei­ner Ver­kehrs­wen­de ent­fernt ist? Wenn ich die Ro­sen­hei­mer Stra­ße ent­lang rad­le, bin ich im­mer ent­setzt über die­sen Murks-Kom­pro­miss. Das Send­lin­ger Tor fin­de ich ge­ra­de auch ka­ta­stro­phal, wo­bei man fai­rer­wei­se sa­gen muss, dass das am Um­bau liegt. Und grund­sätz­lich? Wir Rad­ler brau­chen mehr Platz. Die meis­ten Radl­we­ge in Mün­chen sind ein­fach me­gaschmal. Ich set­ze gro­ße Hoff­nung auf das Radl-Bür­ger­be­geh­ren. Wir brau­chen den Platz ja nicht zum Spaß, son­dern, weil wir uns fort­be­we­gen müs­sen. Und zwar je­der und je­de in ih­rer Ge­schwin­dig­keit und wo­hin man will. Ich bin ei­ne Durch­schnitts­ge­schwin­dig­keits­rad­le­rin – und er­schre­cke, wenn je­mand schnell von hin­ten kommt. Sie wur­den im­mer wie­der als OB-Kan­di­da­tin ins Spiel ge­bracht, jetzt macht es je­mand an­de­res. Ist die Spiel­wie­se Münch­ner Rat­haus ein­fach zu klein für die ehr­gei­zi­ge Kat­ha­ri­na Schul­ze? Ich durf­te Spit­zen­kan­di­da­tin mei­ner Par­tei sein, ha­be knapp ei­ne Vier­tel­mil­li­on Stim­men in Ober­bay­ern ge­holt, bin mit ei­nem Top-Er­geb­nis zur Frak­ti­ons­vor­sit­zen­den ge­wählt wor­den. Ich bin to­tal hap­py als Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin. Tau­send The­men sind in mei­nem Kopf, auf mei­nem Schreib­tisch, mei­ner To-Do-Lis­te, die wir in Bay­ern an­ge­hen wol­len. Ich war des­we­gen über­rascht, dass für die OB-Kan­di­da­tur mein Na­me fiel. Statt­des­sen wur­de es dann Katrin Ha­ben­scha­den. Ich bin dar­über sehr glück­lich und un­ter­stüt­ze sie aus volls­tem Her­zen. Sie lebt Mün­chen, hat ein Ver­ständ­nis, wie die­se Stadt tickt. Ich kann mir kei­ne bes­se­re Kan­di­da­tin vor­stel­len und wir wer­den ei­nen Ham­mer-Wahl­kampf füh­ren.

„Na­tür­lich braucht Bay­ern mehr Po­li­zis­ten als bis­her“ „Ber­lin? Da ist es schön. Aber hier ist mein Zu­hau­se“

2020 wird noch zu früh kom­men für ei­ne grü­ne Ober­bür­ger­meis­te­rin. Oder? Wir ge­hen mit un­se­rem Per­so­nal und un­se­ren The­men in den Wahl­kampf. Und dann se­hen wir, wie die Münch­ne­rin­nen und Münch­ner sich ent­schei­den. Sie ken­nen Die­ter Rei­ter gut. Einst ließ er sich beim Grü­nen­Par­tei­tag von Ih­ren Par­tei­freun­den ab­klat­schen wie ein Fuß­ball­star von sei­nen Fans, in­zwi­schen sieht er die Grü­nen als po­li­ti­schen Haupt­geg­ner. Kann es Grün-Rot un­ter ei­nem OB Rei­ter ge­ben? Wir wer­den ei­nen sehr ei­gen­stän­di­gen Wahl­kampf füh­ren. Al­les an­de­re ist das Pro­blem der SPD. Ei­ne Haupt­kri­tik an Rei­ter ist oft, ihm feh­le die lang­fris­ti­ge Vi­si­on für Mün­chen. Fin­den Sie ernst­haft, dass die Grü­nen die eher ha­ben? Es gibt in der Po­li­tik den Typ Ver­wal­ter, es gibt Dem­ago­gen. Und es gibt Staats­män­ner und -frau­en!, die ha­ben Dri­ve, wis­sen, wo das gro­ße Gan­ze hin­ge­hen soll. Die­sen Dri­ve hat Rei­ter nicht? Katrin Ha­ben­scha­den hat ihn! Sie hat ei­ne kla­re Hal­tung, sie weiß, wie ei­ne mo­der­ne nach­hal­ti­ge Stadt aus­zu­se­hen hat. Sie hat Lust auf Dis­kurs, auch wenn man da­durch mal Ge­gen­wind be­kommt. Was kann Mün­chen von Ber­lin lernen? Mir ge­fällt Ber­lin. Es gibt tol­le Mu­se­en, ich ken­ne sehr vie­le sehr net­te Ber­li­ner. Aber ich freu mich im­mer, wenn der Zug wie­der in Mün­chen im Hauptbahnhof ein­fährt. Mün­chen und das Fünf-Se­en-Land: Das ist mein Zu­hau­se. Klingt nicht, als wür­de Ber­lin Sie als Stadt rei­zen. Und das po­li­ti­sche Ber­lin als nächs­ten Kar­rie­re­schritt? Ich bin ge­ra­de wie­der in den Land­tag ge­wählt wor­den, dort se­he ich mei­ne Auf­ga­be. Op­po­si­ti­ons­füh­re­rin mit vol­ler Lei­den­schaft und Kraft!

Fo­to: Li­no MIr­gel­er/dpa

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.