Br­ex­it-Angst bei BMW

Abendzeitung München - - WIRTSCHAFT - Von Ju­lia Sextl

Die BMW-Pro­duk­ti­on im Werk in Re­gens­burg. Vie­le der in Deutsch­land ver­bau­ten Mo­to­ren wer­den der­zeit in En­g­land pro­du­ziert.

Die Un­si­cher­heit um Groß­bri­tan­ni­ens EU-Aus­tritt stellt die In­dus­trie vor Pro­ble­me – vor al­lem je­doch den baye­ri­schen Au­to­bau­er

Ab Mon­tag wer­den die Wei­chen ge­stellt: Erst wird das obers­te EU-Ge­richt über die Mög­lich­keit ei­nes Rück­zie­hers vom Br­ex­it ent­schei­den. Am Di­ens­tag wird das Par­la­ment in Lon­don über das von Re­gie­rungs­che­fin The­re­sa May und den üb­ri­gen 27 EU-Staa­ten ver­ein­bar­te Br­ex­it-Ab­kom­men ab­stim­men.

Soll­te das Ab­kom­men ab­ge­lehnt wer­den und es zum un­ge­ord­ne­ten Br­ex­it kom­men, dro­hen dras­ti­sche Fol­gen für die In­dus­trie­kon­zer­ne auf bei­den Sei­ten des Är­mel­ka­nals. Ei­nen trifft es da­bei be­son­ders hart: BMW, wel­cher un­ter deut­schen Au­to­bau­ern bei wei­tem am stärks­ten auf der In­sel en­ga­giert ist. Der Kon­zern fer­tigt dort un­ter an­de­rem den Klein­wa­gen Mi­ni so­wie Mo­to­ren für die deut­schen Wer­ke. Kommt es zum har­ten Br­ex­it, wer­den vie­le Bau­tei­le für die bri­ti­schen Fa­b­ri­ken wohl nicht mehr recht­zei­tig an­ge­lie­fert wer­den kön­nen, so die Sor­ge. Denn ge­hört Groß­bri­tan­ni­en nicht mehr zur EU, dro­hen am Är­mel­ka­nal Zoll­kon­trol­len – und da­mit lan­ge Last­wa­gen­staus. Seit Mo­na­ten schon ent­wi­ckelt BMW da­her Stra­te­gi­en für die drei mög­li­chen Br­ex­it-Sze­na­ri­en. „Als ver­ant­wor­tungs­vol­les Un­ter­neh­men be­rei­ten wir uns wei­ter­hin auf das Wor­stCa­se-Sze­na­rio und da­mit ei­nen No-deal-Br­ex­it vor. Aber es ist na­tür­lich klar, dass für uns ein Man­gel an Pla­nungs­si­cher­heit nicht hilf­reich ist“, sagt BMWSpre­che­rin Chris­ti­na He­pe im Ge­spräch mit der AZ.

Im Ju­ni schon hat­te BMW die Schlie­ßung bri­ti­scher Wer­ke an­ge­kün­digt, falls es zu Un­ter­bre­chun­gen in der Lie­fer­ket­te kom­men soll­te. In die­sem Fall kön­ne der Kon­zern sei­ne Pro­duk­te nicht mehr in Groß­bri­tan­ni­en pro­du­zie­ren, hat­te der für Zoll­fra­gen zu­stän­di­ge BMW-Ma­na­ger Ste­phan Freis­muth der „Fi­nan­ci­al Ti­mes“ge­sagt. Der Be­richt sorg­te da­mals für Auf­re­gung; nur ei­nen Tag spä­ter ru­der­te BMW wie­der zu­rück: Der Kon­zern den­ke nicht ak­tiv über ei­ne Aus­la­ge­rung der Pro­duk­ti­on nach.

Ei­ne sol­che Ent­schei­dung hät­te für die Bri­ten er­heb­li­che Aus­wir­kun­gen: Vier Wer­ke mit 8000 Mit- ar­bei­tern be­treibt die BMWGroup auf der In­sel. Zu­sam­men mit dem Ver­triebs­netz­werk sind es rund 24 000 Be­schäf­tig­te. „Zu­dem stützt BMW fast 50 000 Jobs in Groß­bri­tan­ni­en“, sagt He­pe. Wie et­wa die Zu­lie­fe­rer für Au­to­tei­le. So­lan­ge nicht klar ist, wel­chen Weg Lon­don ein­schla­gen wird, bleibt BMW nur: Ab­war­ten – und das Pro­duk­ti­ons­netz­werk so gut wie mög­lich auf die Aus­wir­kun­gen des Br­ex­it vor­be­rei­ten. He­pe: „Da­für be­trei­ben wir ak­tu­ell ei­nen ho­hen Auf­wand. Ziel ist es, so gut wie mög­lich si­cher­zu­stel­len, dass die be­trof­fe­nen Stand­or­te auch nach dem Br­ex­it oh­ne un­vor­her­ge­se­he­ne Un­ter­bre­chun­gen der Ver­sor­gungs­ket­te wei­ter pro­du­zie­ren kön­nen.“

Was in die­sem Fall be­deu­tet: BMW sorgt zu­nächst ei­gen­stän­dig für ei­ne Un­ter­bre­chung. Die jähr­lich wie­der­keh­ren­den War­tungs­ar­bei­ten im Haupt­werk in Ox­ford wer­den im kom­men­den Jahr auf April vor­ver­legt und be­gin­nen di­rekt nach dem Br­ex­it. „So mi­ni­mie­ren wir das Ri­si­ko“, sagt He­pe. Nor­ma­ler­wei­se sind die­se Pro­duk­ti­ons­un­ter­bre­chun­gen, die un­ter an­de­rem der War­tung, Er­neue­rung oder Um­stel­lung von Ma­schi­nen die­nen, im Som­mer und dau­ern vier bis sechs Wo­chen. Nicht viel Zeit, um im Fall ei­nes har­ten Br­ex­its die Fra­gen um Zoll­ab­wick­lung, Um­stel­lung der ITSys­te­me und die da­zu­ge­hö­ri­ge Lo­gis­tik zu lö­sen. Denn so­bald nur we­ni­ge der 4000 bis 5000 Kom­po­nen­ten, aus de­nen je­des ein­zel­ne Fahr­zeug be­steht, feh­len, ver­lang­samt oder stoppt dies die Pro­duk­ti­on.

Und vie­le die­ser Tei­le stam­men vom eu­ro­päi­schen Fest­land: Im Schnitt lie­fern täg­lich 150 Last­wa­gen Pro­duk­ti­ons­ma­te­ri­al von rund 1500 EULie­fe­ran­ten auf die In­sel.

Ak­tu­ell prüft BMW da­her, die La­ger­ka­pa­zi­tä­ten zu er­wei­tern, um un­ab­hän­gi­ger von Lie­fer­ver­zö­ge­run­gen zu sein. Zur Hö­he der dar­aus re­sul­tie­ren­den Zu­satz­kos­ten woll­te sich BMW auf AZ-Nach­fra­ge nicht äu­ßern. Klar ist: Aus­fall­zei­ten in der Pro­duk­ti­on kä­men BMW we­sent­lich teu­rer zu ste­hen.

Auch auf die baye­ri­schen Stand­or­te wie Mün­chen, Din­gol­fing oder Lands­hut hät­te ein un­ge­ord­ne­ter Br­ex­it gro­ße Aus­wir­kun­gen: Denn BMW lässt in Groß­bri­tan­ni­en Mo­to­ren pro­du­zie­ren, die in Deutsch­land ver­baut wer­den. Al­lein das Werk im eng­li­schen Hams Hall bei­spiels­wei­se hat im ver­gan­ge­nen Jahr über 300 000 Mo­to­ren her­ge­stellt. Auch hier könn­ten Lie­fer­ver­zö­ge­run­gen zu teu­ren Pro­duk­ti­ons­aus­fäl­len füh­ren.

Fo­to: Ar­min Weigel/dpa

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