Braucht’s die OP wirk­lich?

Abendzeitung München - - PANORAMA -

Stu­di­en zei­gen, dass manch­mal fi­nan­zi­el­le Grün­de oder auch der Wohn­ort ent­schei­dend für ei­nen Ein­griff sind. Ein Münch­ner Ex­per­te rät Pa­ti­en­ten: Ho­len Sie ei­ne Zweit­mei­nung ein!

Ein neu­es Knie­ge­lenk oder ei­ne Er­satz-Hüf­te – ist das wirk­lich nö­tig? Pa­ti­en­ten sind bei sol­chen Dia­gno­sen oft ver­un­si­chert.

Und das nicht erst, seit­dem ei­ne Stu­die am So­ci­um For­schungs­zen­trum der Uni Bre­men En­de 2017 ge­zeigt hat, dass deutsch­land­weit durch­aus Pa­ti­en­ten be­han­delt wer­den, bei de­nen es gar nicht oder nicht zwin­gend not­wen­dig wä­re. Und zwar aus Ge­winn­grün­den.

Das Er­geb­nis der Stu­die zu­sam­men­ge­fasst: Ärzt­li­che Ent­schei­dun­gen wer­den oft­mals durch be­triebs­wirt­schaft­li­che Vor­ga­ben be­ein­flusst.

Ge­nau­so ist er­wie­sen, dass in man­chen Re­gio­nen öf­ter ope­riert wird als an­dern­orts.

„Häu­fig wird nur an­hand des Rönt­gen­bil­des ent­schie­den“

Wie al­so fin­de ich als Pa­ti­ent her­aus, ob die Ope­ra­ti­on wirk­lich not­wen­dig ist? Jo­han­nes Schau­we­cker, Fach­arzt für Or­tho­pä­die und Un­fall­chir­ur­gie vom Or­tho­pä­die­zen­trum Mün­chen Ost (OZMO), sagt: „Bei ei­nem plan­ba­ren Ein­griff emp­feh­le ich je­dem Pa­ti­en­ten, vor sei­ner Zu­stim­mung zur OP ei­ne zwei­te Fach­me­i­nung ein­zu­ho­len.“

Wich­tig ist da­bei: „Das lohnt sich na­tür­lich nur, wenn der zwei­te Arzt über gro­ße Er­fah­rung in dem re­le­van­ten Fach­ge­biet ver­fügt.“Ist das der Fall, könn­ten so ei­ne Fehl­dia­gno­se ver­mie­den oder aber dem Pa­ti­en­ten mög­li­che Zwei­fel ge­nom­men wer­den. Schau­we­cker rät zum Bei­spiel bei ei­ner Ge­len­ker­satz-Ope­ra­ti­on zu ei­ner Zweit­mei­nung. „Häu­fig wird nur an­hand des Rönt­gen­bil­des ent­schie­den und zur Ope­ra­ti­on ge­ra­ten“, so Schau­we­cker. Auf den Bil­dern kön­ne der Arzt aber nur die Ver­schleiß­er­schei­nun­gen des Ge­lenks er­ken­nen. Ent­schei­den­des Kri­te­ri­um ist sei­ner Auf­fas­sung nach je­doch im­mer der Lei­dens­druck der Pa­ti­en­ten. Ist die­ser noch gar nicht so hoch Blick in ei­nen Ope­ra­ti­ons­saal. Ein Ope­ra­ti­ons­team ar­bei­tet an ei­nem Knie.

oder sind nicht-ope­ra­ti­ve The­ra­pie­mög­lich­kei­ten noch nicht aus­ge­schöpft, kön­ne ei­ne Ope­ra­ti­on zu vor­ei­lig und da­mit un­nö­tig sein. Je­de drit­te or­tho­pä­di­sche Ope­ra­ti­on in Deutsch­land, so schät­zen Ex­per­ten, ist ei­gent­lich nicht not­wen­dig. Auf­fäl­lig ist auch, dass in man­chen Re­gio­nen Deutsch­lands deut­lich mehr ope­riert wird als in an­de­ren Ge­bie­ten. Das hat die Ber­tels­mann-Stif­tung 2017 er­mit­telt (AZ be­rich­te­te). Dem­nach sind Ein­grif­fe we­gen Rü­cken­schmer­zen nicht

nur ins­ge­samt zwi­schen 2007 und 2015 um 71 Pro­zent ge­stie­gen. Im Land­kreis Ful­da wird bei­spiels­wei­se 13 Mal häu­fi­ger des­we­gen ope­riert als in Frank­furt/Oder.

Ein wei­te­res Bei­spiel: das Knie­ge­lenk. Hier zeigt die Stu­die, dass Pa­ti­en­ten in Bay­ern häu­fi­ger Erst-Im­plan­ta­tio­nen be­kom­men als Men­schen im Nord­os­ten Deutsch­lands. Spit­zen­rei­ter ist der Land­kreis Neu­stadt an der Aisch/Bad Winds­heim (214 Knie-OPs pro 100 000 Ein­woh­ner). Mög­li­che Ur­sa­chen könn­ten laut der Stu­die sein, dass sich Ver­sor­gungs­dich­te, ärzt­li­che Emp­feh­lun­gen und die Nach­fra­ge nach Ein­grif­fen re­gio­nal un­ter­schei­den. Jo­han­nes Schau­we­cker. Pa­ti­en­ten, die sich ei­ne fach­li­che Zweit­mei­nung ein­ho­len, müs­sen sich in der Re­gel nicht er­neut al­len Un­ter­su­chun­gen un­ter­zie­hen, son­dern brin­gen ih­re Erst­un­ter­su­chungs-Er­geb­nis­se mit, er­klärt Schau­we­cker.

Seit dem 2015 vom Bun­des­tag ver­ab­schie­de­ten Ver­sor­gungs­stär­kungs­ge­setz hat je­der Pa­ti­ent ein An­recht auf die Her­aus­ga­be al­ler Un­ter­la­gen und Er­geb­nis­se des Erst­be­fun­des. Auch Kos­ten ent­ste­hen dem Pa­ti­en­ten in der Re­gel nicht, weil das Ein­ho­len ei­ner Zweit­mei­nung von den Kran­ken­kas­sen über­nom­men wird – was auch in de­ren In­ter­es­se liegt, da da­durch even­tu­ell ei­ne Ope­ra­ti­on ver­hin­dert wer­den kann.

Al­ler­dings gilt das Recht auf ei­ne Zweit­mei­nung nur bei so­ge­nann­ten „men­ge­nan­fäl­li­gen plan­ba­ren“Ein­grif­fen. Ge­meint sind da­mit sol­che, de­ren An­zahl in Deutsch­land auf­fäl­lig steigt und bei de­nen nicht aus­zu­schlie­ßen ist, dass fi­nan­zi­el­le Mo­ti­ve hin­ter der OP-Emp­feh­lung ste­cken, er­klärt Schau­we­cker.

Ty­pi­sche Bei­spie­le sind or­tho­pä­di­sche Ein­grif­fe wie Rü­cken-, Hüft- und Knie-OPs. Auch die OP-Me­tho­de soll­te man mit dem zwei­ten Arzt dis­ku­tie­ren. „Vor al­lem für ei­ne Hüft-OP soll­te man auf je­den Fall ei­ne mi­ni­mal-in­va­si­ve Ope­ra­ti­on in Er­wä­gung zie­hen“, sagt Schau­we­cker.

Der Vor­teil für den Pa­ti­en­ten: klei­ne­rer Haut­schnitt, we­ni­ger Blut­ver­lust, kei­ne Durch­tren­nung gro­ßer Mus­kel­grup­pen, schnel­le­re Re­ha­bi­li­ta­ti­on.

Al­ler­dings hat auch die mi­ni­mal-in­va­si­ve Ope­ra­ti­ons­tech­nik ei­nen Nach­teil. „Es ist nicht so ein­fach, das Im­plan­tat rich­tig zu po­si­tio­nie­ren, weil der Zu­gang klei­ner ist. Da­her soll­te der mi­ni­mal-in­va­si­ve Zu­gang nur von ei­nem er­fah­re­nen Ope­ra­teur an­ge­wen­det wer­den.“

Pa­ti­en­ten in Bay­ern wer­den öf­ter am Knie ope­riert

Wie fin­det man ei­nen ge­eig­ne­ten Spe­zia­lis­ten? Schau­we­cker sagt, als Pa­ti­ent dür­fe man ru­hig fra­gen, wie oft ein Arzt die Ope­ra­ti­on im Jahr durch­führt. Zu­dem kann die un­ab­hän­gi­ge Wei­ße Lis­te der Ber­tels­mann-Stif­tung bei der Arzt- und Kran­ken­haus-Su­che hel­fen. rom

Fo­to: ima­go

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