Schlei­chen­der Seh­ver­lust

Abendzeitung München - - MÜNCHEN - Von Werner Stingl

Bis Be­trof­fe­ne den Grü­nen Star be­mer­ken, ist das Ge­sichts­feld oft schon er­heb­lich und un­wie­der­bring­lich ein­ge­engt. Soll­ten des­halb al­le re­gel­mä­ßig zur Glau­kom­vor­sor­ge?

Laut In­for­ma­ti­on der Deut­schen Oph­thal­mo­lo­gi­schen (au­gen­ärzt­li­chen) Ge­sell­schaft (DOG) ver­lie­ren in Deutschland jähr­lich et­wa 1000 Men­schen ihr Au­gen­licht auf­grund ei­nes Grü­nen Stars. Das Glau­kom – so die me­di­zi­ni­sche Be­zeich­nung – ist na­tio­nal wie auch in­ter­na­tio­nal ei­ne der häu­figs­ten Er­blin­dungs­ur­sa­chen.

„Grü­ner Star“oder „Glau­kom“ist ei­ne Sam­mel­be­zeich­nung für ver­schie­de­ne Au­gen­er­kran­kun­gen, de­ren ge­mein­sa­mer Nen­ner ein mehr oder we­ni­ger rasch vor­an­schrei­ten­der Ver­lust von Seh­ner­ven­fa­sern ist.

Was weg ist, ist für im­mer ver­lo­ren

Un­be­han­delt droht die­ser Fa­ser­ver­lust über zu­neh­men­de Ge­sichts­feld­aus­fäl­le bis hin zu voll­stän­di­ger Blind­heit fort­zu­schrei­ten. Da die Ge­sichts­feld­aus­fäl­le in der Pe­ri­phe­rie be­gin­nen, sie durch ein un­be­wuss­tes Wech­sel­spiel bei­der Au­gen zu­nächst kom­pen­siert wer­den und die zen­tra­le Seh­schär­fe bis ins End­sta­di­um hin­ein er­hal­ten blei­ben kann, wird bei den mehr­heit­lich chro­ni­schen Ver­läu­fen das Lei­den oft lan­ge Zeit nicht be­merkt. Fal­len die Ge­sichts­feld­aus­fäl­le erst ein­mal im All­tag auf, ist die Er­kran­kung oft schon weit fort­ge­schrit­ten.

Die Pa­ti­en­ten über­se­hen Hin­der­nis­se au­ßer­halb des zen­tra­len Ge­sichts­fel­des, stol­pern des­halb ge­häuft und dür­fen auch kein Kraft­fahr­zeug mehr füh­ren. All dies ist um­so be­dau­er­li­cher, weil ver­lo­re­ne Ner­ven­fa­sern und da­durch be­ding­te Ge­sichts­feld­aus­fäl­le nicht mehr rück­gän­gig ge­macht wer­den kön­nen. Al­le the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men be­schrän­ken sich dar­auf, den wei­te­ren Ver­lust an Ner­ven­fa­sern und Ge­sichts­feld zu stop­pen. Um­so wich­ti­ger scheint, das Lei­den mög­lichst früh­zei­tig zu er­ken­nen und zu be­han­deln.

Ho­he Dun­kel­zif­fer

Die Wahr­schein­lich­keit ei­nes Glau­koms nimmt mit dem Al­ter zu. Je nach Qu­el­le wird in Deutschland mit 500 000 bis 1,5 Mil­lio­nen Glau­kom­pa­ti­en­ten ge­rech­net. Die un­ter­schied­li­chen Zah­len­an­ga­ben er­klä­ren sich un­ter an­de­rem mit ver­schie­de­nen Schät­zun­gen zur Dun­kel­zif­fer. Hö­he­re Zahlen kom­men auch da­durch zu­stan­de, dass in man­chen – vor al­lem äl­te­ren – Pu­bli­ka­tio­nen schon al­lein ein deut­lich er­höh­ter Au­gen­druck­wert die Dia­gno­se „Glau­kom“be­grün­det. Kor­rekt ist die­se Be­zeich­nung heu­te aber für Pa­ti­en­ten re­ser­viert, bei de­nen auf­grund von Au­gen­hin­ter­grund­un­ter­su­chun­gen und ob­jek­ti­vier­ten Ge­sichts­feld­mes­sun­gen (Pe­ri­me­trie) aus­rei­chen­de Hin­wei­se auf ei­nen Seh­ner­ven­scha­den be­ste­hen. Die weit­aus grö­ße­re Zahl an Men­schen, die nur ei­nen Au­gen­druck ober­halb der er­klär­ten Norm­gren­ze von 21 mmHg, aber noch kei­nen Seh­ner­ven­scha­den ha­ben, wer­den als Pa­ti­en­ten mit Au­gen­hoch­druck (oku­lä­re Hy­per­ten­si­on) be­zeich­net.

Nicht nur ei­ne Fra­ge des Au­gen­dru­ckes

Au­gen­hoch­druck ist ein maß­geb­li­cher Ri­si­ko­fak­tor für ein Glau­kom, führt aber nicht zwin­gend da­zu. Das ist ähn­lich wie beim Blut­hoch­druck, der ein Ri­si­ko­fak­tor für ei­nen Schlag­an­fall ist, aber nicht zwangs­läu­fig dar­in mün­det.

Be­stimmt wird der Druck am zu­ver­läs­sigs­ten mit ei­nem To­no­me­ter, des­sen Mess­son­de auf die kurz be­täub­te Au­gen­horn­haut auf­ge­setzt wird. Als nor­ma­ler Au­gen­druck wird ein Be­reich zwi­schen 10 und 21 mmHg er­ach­tet.

Die meis­ten Men­schen mit ei­nem nur leicht bis mä­ßig er­höh­ten Au­gen­druck be­kom­men nie ein Glau­kom. Die Wahr­schein­lich­keit nimmt aber mit dem Druck zu, wes­halb ab Über­schrei­ten der Norm­gren­ze ein er­höh­ter Kon­troll­be­darf be­steht.

Spä­tes­tens ab ei­nem Druck von 26 mmHg ra­ten die meis­ten Au­gen­ärz­te auch dann zu ei­ner me­di­ka­men­tö­sen Druck­sen­kung, wenn noch kei­ne Hin­wei­se auf ei­nen Seh­ner­ven­scha­den vor­lie­gen. Die Wahr­schein­lich­keit, dass es bei ei­nem sol­chen Wert frü­her oder spä­ter zu ei­nem ma­ni­fes­ten Glau­kom kommt, dünkt hoch ge­nug, um ei­ne vor­beu­gen­de The­ra­pie mit druck­sen­ken­den Au­gen­trop­fen zu recht­fer­ti­gen.

Norm­al­druckGlau­kom

Um­ge­kehrt schließt ein nor­ma­ler Au­gen­druck ein Glau­kom nicht aus. Bis zu 40 Pro­zent al­ler Pa­ti­en­ten mit glau­kom­ty­pi­schen Ge­sichts­feld­aus­fäl­len und/oder nach­weis­ba­rem Ver­lust an Seh­ner­ven­fa­sern ha­ben ei­nen nor­ma­len Druck. Of­fen­sicht­lich ist bei die­sen Men­schen die Druck­to­le­ranz des Seh­nervs auf­grund von Durch­blu­tungs­stö­run­gen und wo­mög­lich wei­te­ren, zum Teil noch un­be­kann­ten Ri­si­ko­fak­to­ren ge­rin­ger als üb­lich und schon ein (hoch)nor­ma­ler Au­gen­druck kann hier zu­viel des Schlech­ten sein. Es ent­wi­ckelt sich ein so ge­nann­tes Norm­al­druck-Glau­kom. Des­sen Pro­gres­si­on ver­sucht man mit ei­ner Sen­kung des Au­gen­drucks mög­lichst nah an die un­te­re Norm­gren­ze oder gar dar­un­ter auf­zu­hal­ten.

Zu­dem soll­te al­les un­ter­blei­ben, was die Durch­blu­tung ver­schlech­tert. Das be­deu­tet vor al­lem, nicht zu rau­chen.

Als Laie zwi­schen zwei Ex­per­ten­mei­nun­gen

An­ge­sichts ih­rer Zahl und der Tat­sa­che, dass ein­ge­tre­te­ne Glau­kom­schä­den nicht mehr rück­gän­gig ge­macht wer­den kön­nen, plä­die­ren Au­gen­arzt­ver­bän­de für ei­ne all­ge­mei­ne Früh­er­ken­nung von Glau­ko­men und ih­rem Haupt­ri­si­ko­fak­tor Au­gen­hoch­druck. Ab dem 40. Le­bens­jahr soll­ten al­le zwei Jah­re und ab dem 60. Le­bens­jahr al­le ein bis zwei Jah­re vom Au­gen­arzt der Au­gen­druck be­stimmt und der Seh­ner­ven­kopf in­spi­ziert wer­den.

Ei­ne Glau­kom­ent­wick­lung kön­ne so früh­zei­tig er­kannt und da­ge­gen in­ter­ve­niert wer­den. Die ge­setz­li­chen Kran­ken­kas­sen schlie­ßen sich bis­lang nicht die­ser Sicht der Din­ge an und er­stat­ten den 15 bis 40 Eu­ro teu­ren Rou­ti­ne­check des­halb auch nicht. Ih­re Spit­zen­ver­bän­de ar­gu­men­tie­ren, dass bis­lang kei­ne über­zeu­gen­den Stu­di­en­da­ten vor­lie­gen, die ei­ne güns­ti­ge Ri­si­ken-Nut­zen­Re­la­ti­on ei­ner sol­chen Maß­nah­me be­le­gen.

Möglicherweise wer­de zu oft fal­scher Alarm aus­ge­löst, der Vor­sor­ge­wil­li­ge un­nö­tig be­un­ru­hi­ge und ihnen vi­el­leicht so­gar ei­ne über­flüs­si­ge oder zu frü­he The­ra­pie ein­schließ­lich po­ten­zi­el­ler Ne­ben­wir­kun­gen auf­bür­det. Ärz­te­ver­tre­ter wi­der­spre­chen wie­der­um dem. Der Pa­ti­ent steht rat­los da­zwi­schen und weiß nicht so recht, was er tun soll, fühlt sich vi­el­leicht vom Arzt zur Vor­sor­ge ge­drängt und von sei­ner Kas­se mit dem schwar­zen Pe­ter zur Ent­schei­dung al­lein ge­las­sen.

Bleibt zu hof­fen, dass hier Arzt- und Kas­sen­ver­bän­de bald zu ei­ner ein­heit­li­chen Po­si­ti­on fin­den oder zu­min­dest ge­mein­sam for­ciert dar­über nach­den­ken, wie et­wai­ge Da­ten­lü­cken, die ei­ner sol­chen Ei­ni­gung im We­ge ste­hen, schnellst­mög­lich ge­schlos­sen wer­den.

Fo­to: im­a­go

Was kön­nen Sie se­hen? Und was nicht? Mit ei­ner Re­frak­ti­ons­bril­le wer­den Pa­ti­en­ten beim Au­gen­arzt un­ter­sucht.

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