Die Leu­te be­lü­gen sich sel­ber

Abendzeitung München - - Kultur -

In sei­nem neu­en Werk „Der un­sicht­ba­re Ro­man“spürt

Chris­toph Po­schen­rie­der ei­nem li­te­ra­ri­schen Schwin­del nach

Wel­che Wir­kung kann ein Ro­man ent­fal­ten? Hat er die Kraft, Mei­nun­gen zu ver­än­dern und neue po­li­ti­sche Nar­ra­ti­ve zu ent­wi­ckeln?

In sei­nem sechs­ten fik­ti­ven Werk be­schäf­tigt sich der Münch­ner Schrift­stel­ler Chris­toph Po­schen­rie­der mit der Ent­ste­hung ei­nes (be­stimm­ten) Ro­mans und dem Glau­ben an die Macht des Wor­tes. Sei­ne Haupt­fi­gur, eben­falls Au­tor, be­schreibt den Schreib­pro­zess so: „Ge­dan­ken rei­sen auf ver­schlun­gens­ten Pfa­den, und falls sie zur rich­ten Zeit am rich­ti­gen Ort ein­tref­fen, las­sen sie sich durch al­ler­hand Al­che­mie in Wor­te und Sät­ze ver­wan­deln, zu dem Fa­den spin­nen, der zu ei­nem Text ver­wo­ben wird.“

Chris­toph Po­schen­rie­ders mit de­zen­ter Iro­nie und be­schwing­tem Tem­po er­zähl­te Ro­man spielt 1918. Die Haupt­fi­gur ist ei­ne rea­le Per­son: Der Schrift­stel­ler Gus­tav Mey­rink leb­te tat­säch­lich am Starn­ber­ger See und ver­fass­te meh­re­re Ro­ma­ne, dar­un­ter „Der Go­lem“, mit des­sen Tan­tie­men er die See­vil­la kauf­te. Po­schen­rie­der schil­dert, wie der Dan­dy ein über­ra­schen­des An­ge­bot vom Aus­wär­ti­gen Amt in Ber­lin er­hält: Wenn Mey­rink ei­nen Ro­man schreibt, in dem den Frei­mau­rern die Schuld am Ers­ten Welt­krieg nach­ge­wie­sen wird, winkt ein an­sehn­li­ches Ho­no­rar. Mey­rink, ge­ra­de knapp bei Kas­se, wil­ligt ein, kas­siert den Vor­schuss und rührt an­schlie­ßend kei­nen Fin­ger. Nach Mo­na­ten oh­ne ei­ne ein­zi­ge Zei­le macht das Aus­wär­ti­ge Amt Druck. Der Schrift­stel­ler, ein cha­ris­ma­ti­scher Hoch­stap­ler und Le­bens­künst­ler, ver­trös­tet wie­der­holt sei­ne Auf­trag­ge­ber und ver­sucht sich halb­her­zig am Ma­nu­skript. In­des­sen, der Ro­man wird ein­fach nicht fer­tig.

Wäh­rend Mey­rink von sei­ner Vil­la aus trickst und tak­tiert, mi­schen zwei sei­ner Kol­le­gen in der gro­ßen Po­li­tik mit: Kurt Eis­ner führt 1918 die No­vem­ber­re­vo­lu­ti­on in Mün­chen her­bei und Erich Müh­sam spielt ei­ne wich­ti­ge Rol­le bei der Aus­ru­fung der Münch­ner Rä­te­re­pu­blik 1919. Der völ­lig un­po­li­ti­sche Mey­rink bleibt da­von un­be­ein­druckt und ge­nießt wei­ter­hin sein Le­ben als Mü­ßig­gän­ger.

In der Schwa­bin­ger Ca­fé­und Kn­ei­pen­sze­ne dreht er eben­so re­gel­mä­ßig sei­ne Run­den wie mit sei­nem Ca­brio am Ko­chel- und Wal­chen­see. Das Frei­mau­rer-Ma­nu­skript bleibt ein Frag­ment, kaum mehr als ei­ne Glie­de­rung. „Es ist nicht nö­tig, die Leu­te zu be­lü­gen, das be­sor­gen sie schon selbst“meint Mey­rink an ei­ner Stel­le la­ko­nisch.

Die von Chris­toph Po­schen­rie­der höchst ver­gnüg­lich er­zähl­te Ge­schich­te trägt Zü­ge ei­nes Schel­men­ro­mans. Der 55-jäh­ri­ge Münch­ner por­trä­tiert sei­nen An­tihel­den ver­spielt und klug, in fei­ner, au­gen­zwin­kern­der Pro­sa, un­ter­stützt von um­fas­sen­der Re­cher­che, von der Po­schen­rie­der in kur­zen Ein­schü­ben be­rich­tet.

Gus­tav Mey­rink, der ei­nen li­te­ra­ri­schen Pakt mit dem Teu­fel ein­geht, steht für Schrift­stel­ler, de­nen es letzt­lich egal ist, was sie zu Pa­pier brin­gen – Haupt­sa­che, die Kas­se stimmt. Doch Po­schen­rie­der klagt nicht an, er be­glei­tet Mey­rink nur bei sei­nen Ver­su­chen, sich aus dem frag­wür­di­gen De­al zu win­den. Der Pro­pa­gan­da-Ro­man wird nie fer­tig, und die ge­sell­schafts­po­li­ti­schen Ent­wick­lun­gen ho­len al­le Be­tei­lig­ten oh­ne­hin bald ein. Gün­ter Keil

Chris­toph Po­schen­rie­der: „Der un­sicht­ba­re Ro­man“(Dio­ge­nes, 272 Sei­ten, 24 Eu­ro)

Fo­to: Arne Dedert/dpa

Chris­toph Po­schen­rie­der.

Newspapers in German

Newspapers from Germany

© PressReader. All rights reserved.