Angst es­sen Sä­le auf

Abendzeitung München - - Kultur -

In Ös­ter­reich und in der Schweiz gibt es ei­nen Kon­zert­be­trieb, wie ihn Bay­ern zum Sai­son­start der Baye­ri­schen Staats­oper lei­der nicht er­le­ben wird

Fast 40 Pro­zent der zu­letzt in Deutsch­land po­si­tiv auf das Co­ro­navi­rus ge­tes­te­ten Men­schen ha­ben sich im Aus­land an­ge­steckt. Die Deut­sche Bahn setzt die Mas­ken­pflicht in Fern­rei­se­zü­gen eher nach­läs­sig durch, und wie eng Leu­te in Flug­zeu­gen sit­zen, ist hin­rei­chend be­kannt.

Po­li­ti­sche Stim­men, die das Rei­sen ver­bie­ten wol­len, gibt es trotz der Da­ten des Ro­ber­tKoch-In­sti­tuts nicht. Seit fast drei Wo­chen fin­den nun­mehr in Salz­burg Fest­spie­le statt, mit bis zu 1000 Be­su­chern im 2400 Plät­ze fas­sen­den Gro­ßen Fest­spiel­haus. Es ist kein Fall ei­ner

An­ste­ckung im Pu­bli­kum be­kannt­ge­wor­den. Auch das Lu­cer­ne Fes­ti­val be­setzt et­wa die Hälf­te der Plät­ze im Kul­turund Kon­gress­zen­trum am Ufer des Vier­wald­stät­ter­sees.

In Bay­ern gilt im­mer noch die ri­go­ro­se Be­schrän­kung auf ma­xi­mal 200 Be­su­cher, un­ab­hän­gig von der Grö­ße des Saals. Si­gna­le für ei­ne be­vor­ste­hen­de Lo­cke­rung sind der­zeit nicht ab­seh­bar. Nach der Pan­ne bei der Über­mitt­lung von Co­ro­na-Tes­t­er­geb­nis­sen dürf­te dem Mi­nis­ter­prä­si­den­ten die Lust dar­auf ver­gan­gen sein, so­fern er sie je­mals ver­spürt ha­ben soll­te.

Sö­ders Po­li­tik der Angst hat gro­ße Aus­wir­kun­gen auf den Kul­tur­be­trieb. Sie straft die Thea­ter, Opern­häu­ser und Ki­nos ab, wäh­rend sie in an­de­ren Be­rei­chen nicht die al­ler­letz­te Kon­se­quenz wal­ten lässt. Sie wirkt stör­risch, weil vie­le Spiel­stät­ten be­reits im Som­mer über­zeu­gen­de Hy­gie­ne­kon­zep­te

vor­ge­legt ha­ben, mit de­nen je nach ört­li­cher Si­tua­ti­on ein Vier­tel oder die Hälf­te der zur Ver­fü­gung ste­hen­den Plät­ze be­setzt wer­den könn­te. Und das bei Ein­hal­tung ei­nes Si­cher­heits­ab­stands von 1,5 Me­tern zwi­schen Zu­schau­ern, die nicht im glei­chen Haus­stand le­ben.

Die Baye­ri­sche Staats­oper hat be­reits im Ju­ni den Orches­ter­gra­ben er­wei­tert, um die Dis­tanz zwi­schen den Mu­si­kern zu ver­grö­ßern. Ähn­lich wie bei den Salz­bur­ger Fest­spie­len gibt es ei­ne Auf­tei­lung der Mit­wir­ken­den in ver­schie­de­ne Grup­pen und die Ver­pflich­tung zur Füh­rung ei­nes Kon­takt­ta­ge­buchs. Nur höchs­tens 10 Per­so­nen ha­ben Kon­takt un­ter­ein­an­der, al­le Mit­ar­bei­ter wer­den zum Sai­son­start ge­tes­tet.

Am Di­ens­tag be­gann der Vor­ver­kauf für den Sep­tem­ber – on­li­ne und mit Hil­fe ei­nes Zu­falls­ge­ne­ra­tors. Die vom Kar­sams­tag

auf den 1. Sep­tem­ber ver­scho­be­ne Uraufführu­ng von „Se­ven De­aths of Ma­ria Cal­las“von und mit Ma­ri­na Abra­mo­vic´ ist be­reits aus­ver­kauft, eben­so die Lie­der­aben­de von Jo­nas Kaufmann und Chris­ti­an Ger­ha­her, so­wie fast al­le wei­te­ren Auf­füh­run­gen im Sep­tem­ber. Was nicht über­rascht, weil nur 200 Kar­ten für je­de Vor­stel­lung im Na­tio­nal­thea­ter zur Ver­fü­gung ste­hen, das sonst 2100 Zu­schau­er fasst.

Man muss die Eu­pho­rie des am Mon­tag ver­öf­fent­lich­ten Pa­piers ei­nes So­zi­al­me­di­zi­ners der Ber­li­ner Cha­rité nicht tei­len, das ei­nen nor­ma­len Spiel­be­trieb in voll be­setz­ten Häu­sern bei stän­dig ge­tra­ge­nem me­di­zi­ni­schen Mund-Na­sen-Schutz im Pu­bli­kum für mög­lich hält. Es ist lei­der auch nicht hilf­reich, dass der Ver­fas­ser die­ses Pa­piers selbst di­ri­giert und des­halb ein we­nig im Ver­dacht der Be­fan­gen­heit steht.

Aber es ist auch nicht falsch, was die Kul­tur­staats­mi­nis­te­rin der Bun­des­re­gie­rung sagt: Man stu­die­re auf­merk­sam die Ent­wick­lung der Nach­bar­län­der. „Salz­burg hat ja jetzt be­wie­sen, dass auch pan­de­mie­be­zo­gen Thea­ter ge­macht wer­den kann“, so Mo­ni­ka Grüt­ters am Di­ens­tag. Man su­che für Ber­lin nach Öff­nungs­maß­nah­men, die da­für sorg­ten, dass „nicht nur 20 Pro­zent der Stüh­le be­setzt sind“.

In der Baye­ri­schen Staats­oper wünscht man sich ei­ne schritt­wei­se Öff­nung auf et­wa 500 bis 600 Be­su­cher, so der Spre­cher Chris­toph Koch. In den weit­läu­fi­gen Räu­men des Na­tio­nal­thea­ters las­sen sich die We­ge des Pu­bli­kums zu den fünf Rän­gen bes­ser steu­ern als in den teil­wei­se recht en­gen Spiel­stät­ten der Salz­bur­ger Fest­spie­le, wo die Dis­zi­plin der Zu­schau­er bis­wei­len nach­lässt.

Es gibt auch kul­tur­po­li­ti­sche Ar­gu­men­te für ei­ne Öff­nung und das Be­schrei­ten ei­nes maß­vol­len Mit­tel­wegs: Die Baye­ri­sche Staats­oper be­müht sich seit über 25 Jah­ren mit Er­folg dar­um, ei­ne „Oper für al­le“zu sein. Mit 200 Be­su­chern pro Vor­stel­lung zie­hen wie­der eli­tä­re Ver­hält­nis­se wie beim Kur­fürs­ten ein. Oh­ne Ein­nah­men an der Kas­se schießt auch die Sub­ven­ti­on des Steu­er­zah­lers pro Platz in nur noch schwer ver­tret­ba­re Hö­hen.

Man kann das als Lu­xus­pro­blem der Hoch­kul­tur ab­tun. Aber das trifft nicht zu: Lo­cke­run­gen bei den gro­ßen staat­li­chen Spiel­stät­ten hät­ten ei­ne Si­gnal­wir­kung für pri­va­te Thea­ter und Ki­nos, die im­mer mehr in ei­ne wirt­schaft­li­che Schief­la­ge ge­ra­ten. Und von den fort­dau­ern­den Pro­ble­men der So­lo-Selbst­stän­di­gen im Kul­tur­be­reich, die von der Po­li­tik ver­ges­sen wur­den, re­den wir nicht heu­te, son­dern ein an­der­mal.

Ro­bert Braun­mül­ler

Fo­to: SF/An­ne Zeu­ner

Ein Vi­rus und die Fol­gen für die Kul­tur: Im Gro­ßen Fest­spiel­haus in Salz­burg sitzt man im Schach­brett­mus­ter.

Fo­to: RBR

In der rie­si­gen Baye­ri­schen Staats­oper hin­ge­gen wer­den sich zum Sai­son­start am 1. Sep­tem­ber nur 200 Zu­schau­er ver­lie­ren dür­fen.

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