Un­be­wäl­tig­te Ver­gan­gen­heit

Abendzeitung München - - Kultur -

Bü­cher zum Tag der Deut­schen Ein­heit: Kurt Dra­werts „Dres­den“und Wolf­gang Ull­richs „Feind­bild wer­den“

De­bat­ten un­ter Deut­schen zur Ein­heit äh­neln ein we­nig ner­vi­gen Fa­mi­li­en­tref­fen, bei de­nen ewig aus­ge­legt wird, was Opa Heinz vor 40 Jah­ren ge­sagt hat und wie Oma Re­na­te von ei­nem Schwipp­sch­wa­ger bei ei­ner Erb­schaft be­tro­gen wur­de. Ei­ner sol­chen Ver­gan­gen­heits­lust hul­digt auch das au­to­bio­gra­fi­sche Buch „Dres­den. Die zwei­te Zeit“, in dem der Schrift­stel­ler Kurt Dra­wert von sei­nen Er­fah­run­gen als Stadt­schrei­ber in der säch­si­schen Me­tro­po­le be­rich­tet, die er vier Jah­re vor dem En­de der DDR in Rich­tung Wes­ten ver­ließ.

Die in Ost-West-Bü­chern un­ver­meid­li­chen Treu­hand-Ge­schich­ten er­spart Dra­wert dem Le­ser. Aber Dres­den, in dem Punkt sei aus­drück­lich ge­warnt, bleibt trotz der Frau­en­kir­che auf dem Um­schlag ei­ne aus­tausch­ba­re Ku­lis­se. Das Buch könn­te ge­nau­so­gut in Mitt­wei­da oder Ho­hen­steinErnst­thal spie­len.

Auch von Pe­gi­da ist nur auf we­ni­gen Sei­ten die Re­de: Der zu Psy­cho­lo­gi­sie­run­gen nei­gen­de Au­tor in­ter­pre­tiert es als nach­ge­hol­te pu­ber­tä­re Re­vol­te und nach­ge­hol­ten Va­ter­mord, wenn rei­fe­re Da­men nun auf dem Platz vor der Sem­per­oper „Fot­ze Mer­kel“ru­fen.

Dra­wert ist im re­gie­rungs­na­hen Funk­tio­närs­mi­lieu der DDR auf­ge­wach­sen: Sein Va­ter ar­bei­te­te bei der Kri­mi­nal­po­li­zei und wur­de nach der Wen­de pen­sio­niert. Vor sei­ner De­menz er­forsch­te er die bis da­hin ver­dräng­ten su­de­ten­deut­schen Wur­zeln und die Ur­sa­chen für die deut­sche Nie­der­la­ge

in bei­den Welt­krie­gen. Als er sei­nen Sohn in Rom be­sucht, möch­te er am Bahn­hof Ter­mi­ni un­be­dingt ei­ne Bock­wurst es­sen und gleich wie­der ab­rei­sen, weil die dort nicht zu ha­ben ist. Dass ein Bru­der des Au­tors psy­chisch ab­stürz­te und die Mut­ter noch heu­te aus der Bahn ge­wor­fen wird, wenn die

Ord­nung der Kis­sen auf dem So­fa ver­rückt wird, ver­wun­dert da we­nig.

Der Au­tor schil­dert sehr tref­fend den über der spä­ten DDR lie­gen­den Mehl­tau aus Pro­tes­tan­tis­mus, SED-Spie­ßer­so­zia­lis­mus und ei­ner un­auf­ge­ar­bei­te­ten NS-Ver­stri­ckung der Groß­el­tern­ge­ne­ra­ti­on. Das Mi­lieu

äh­nelt dem der au­to­bio­gra­fi­schen Bü­cher von Ines Gei­pel. Aber Dra­wert schreibt un­po­li­tisch. Es ge­lingt ihm nicht, die (auch im Wes­ten nor­ma­ler­wei­se kon­flikt­haf­te) Ab­na­be­lung vom El­tern­haus von den spe­zi­fisch ost­deut­schen Ver­hält­nis­sen zu tren­nen.

„Dres­den. Die zwei­te Zeit“hat star­ke Stel­len, wenn der Au­tor vom Kon­flikt mit dem Va­ter, dem DDR-Un­der­ground und der Ar­beit in Fa­b­ri­ken be­rich­tet. Der Stil ist bis­wei­len so kom­plex wie die An­spie­lun­gen auf La­cans Psy­cho­ana­ly­se. Aber noch mehr stört die ewi­ge Rück­schau und die aus­schließ­li­che Ver­gan­gen­heits­be­zo­gen­heit. Der Au­tor är­gert sich über Park­ver­bo­te, hilfs­un­wil­li­ge Spar­kas­sen­an­ge­stell­te und den merk­wür­di­gen Ge­ruch in der Sti­pen­dia­ten­woh­nung, aber ei­ne po­li­ti­sche Per­spek­ti­ve zur Zu­kunft des deutsch-deut­schen Zu­sam­men­le­bens kommt ihm nicht in den Sinn.

Die ist schon eher in „Feind­bild wer­den“von Wolf­gang Ull­rich zu fin­den, das den (iro­ni­schen) Auf­kle­ber „Der neue Ost-West-Kon­flikt“trägt. Das schma­le Bänd­chen han­delt von ei­ner Aus­ein­an­der­set­zung des Kunst­his­to­ri­kers Ull­rich mit dem Ma­ler Neo Rauch. Der räch­te sich für ei­nen in der „Zeit“er­schie­ne­nen Ar­ti­kel über po­li­ti­sche State­ments des Ma­lers mit dem Ge­mäl­de „Der An­bräu­ner“. Es zeigt Ull­rich im üb­li­cher­wei­se kleins­ten Raum ei­ner Woh­nung, wäh­rend er mit sei­nem Stuhl­gang ei­ne Lein­wand be­malt und Hit­ler durch das Fens­ter schaut.

Ull­rich zahlt die Be­lei­di­gung kei­nes­wegs mit glei­cher Mün­ze zu­rück. Er geht sehr sou­ve­rän mit dem Pro­blem um, selbst Teil der Ge­schich­te zu sein und ana­ly­siert kühl die kunst­his­to­ri­schen Be­zü­ge von Neo Rauchs Bild, das bei ei­ner Cha­ri­ty-Ver­an­stal­tung von ei­nem gleich­ge­sinn­ten Ber­li­ner Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­mer für 750 000 Eu­ro er­stei­gert wur­de. Das ist ei­ne Steil­vor­la­ge für ei­nes von Ull­richs Lieb­lings­the­men: der Ir­ra­tio­na­li­tät des Kunst­markts, der die Leip­zi­ger Schu­le durch­aus schätzt, ob­wohl sich ih­re Ver­tre­ter zu Ein­zel­gän­gern wi­der den abs­trak­ten Main­stream sti­li­sie­ren.

Wie auch im­mer es um Neo Rauchs po­li­ti­sche An­sich­ten be­stellt sein mag: Da­für, dass der Ma­ler nicht zur Lin­ken zählt, da­für hat Ull­rich vie­le Be­le­ge, un­ter an­de­rem das vom Ma­ler un­ab­läs­sig stra­pa­zier­te mi­li­tä­ri­sche Vo­ka­bu­lar und den Ti­tel des Bil­des, der ei­ner Re­de von Ernst Jün­ger ent­lie­hen ist.

Das Rät­sel, war­um es Rech­ten im­mer pein­lich ist, rechts zu sein, kann auch Ull­rich nicht be­ant­wor­ten. Aber sein Buch ist ei­ne prä­zi­se Fall­stu­die zu deutsch-deut­schen Emp­find­lich­kei­ten im Kul­tur­be­reich, und das macht es zur idea­len Lek­tü­re rund um den Tag der Deut­schen Ein­heit.

Ro­bert Braun­mül­ler

Kurt Dra­wert: „Dres­den. Die zwei­te Zeit“(C.H. Beck, 294 Sei­ten, 22 Eu­ro); Wolf­gang Ull­rich: „Feind­bild wer­den“(Wa­gen­bach, 144 Sei­ten, 10 Eu­ro)

Fo­to: Lutz Zim­mer­mann/GRK Golf Mas­ters GmbH/dpa

Der Im­mo­bi­li­en­un­ter­neh­mer Chris­toph Grö­ner er­stei­ger­te bei ei­ner Cha­ri­ty-Ver­an­stal­tung Neo Rauchs „Der An­bräu­ner“für 750 000 Eu­ro.

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