Abendzeitung München

Ein Leben lang im Schatten

Die Romanverfi­lmung „Die Frau des Nobelpreis­trägers“überzeugt durch eine herausrage­nde Besetzung

-

Der Film setzt ein am Morgen eines Schicksals­tages. Anruf aus Stockholm. Der amerikanis­che Schriftste­ller Joe Castleman (Jonathan Pryce) liegt noch im Bett neben seiner Frau Joan (Glenn Close) und bekommt den – aus seiner Sicht hochverdie­nten – Literaturn­obelpreis zugesproch­en. In der Verfilmung „Die Frau des Nobelpreis­trägers“nach dem Roman von Meg Wolitzer erzählt der schwedisch­e Regisseur Björn Runge brillant die bittersüße Geschichte eines in die Jahre gekommenen Intellektu­ellen-Ehepaares.

Im Kino hatte der Film Anfang 2019 gut 300 000 Besucher in Deutschlan­d.

Der Mann sonnt sich in diesem Film gerne – stets kokett bescheiden – im Glanz der eigenen Bedeutung. Seine Frau steht - stets mit dem Hauch eines Lächelns im Mundwinkel an seiner Seite und in seinem Schatten. Es geht um die subtile Macht des Patriarcha­ts.

In Rückblende­n wird erzählt, wie alles begann. Sie: die talentiert­e Studentin. Er: ihr verheirate­ter Professor. Netter, filmischer Clou: Die junge Joan wird gespielt von Closes Tochter Annie Starke.

Dann nimmt das Schicksal seinen Lauf und das Bild des Vorzeige-Paars bekommt nach 40 Jahren Risse. Dazu tragen auch die hartnäckig­en Recherchen des Journalist­en und Möchtegern-Biografen Nathaniel Bone (Christian Slater) bei, der einem Familienge­heimnis auf der Spur ist.

Dreh- und Angelpunkt des Films, der auf einem Roman von beruht, ist ohne Frage Glenn Close, die sich auskennt mit den großen Dramen, die Beziehunge­n sein können. Mit feiner Ironie, piksend wie Nadelstich­e, rechnen Joan und der

Film ab mit dem Klischee des erfolgreic­hen genialen Mannes der Nachkriegs­generation.

Nuancen im Gesicht von Glenn Close, kleine Zuckungen im Mundwinkel zeigen, dass es hinter der fast stoischen Fassade ihrer Figur zu brodeln beginnt; dass da eine Frau ist, die viel mehr ist als nur das nette Anhängsel und dass diese Frau ihren aufmerksam­keitsheisc­henden Mann und dessen Affären nur noch schwer ertragen kann.

Nach und nach enthüllt der Film die Fassaden, die das Ehepaar aufgebaut hat - bis nur noch der eigentlich­e Kern übrigbleib­t und beide Protagonis­ten in einem völlig anderen Licht erscheinen.

Die überragend­e Glenn Close (inzwischen 74) erhielt für diesen Film ihre siebte Oscar-Nominierun­g und gewann leider wieder nicht. Auch Closes achte Oscar-Nominierun­g in diesem Jahr für „Hillbilly Elegy“führte nicht zu der längst verdienten Auszeichnu­ng.

Britta Schultejan­s

ARD, heute, 22.50 Uhr

 ??  ?? Joe (Jonathan Pryce) erhält den Anruf aus Stockholm, Joans (Glenn Close) Anteil an dieser Auszeichnu­ng ist größer als es die Öffentlich­keit weiß.
Foto: Graeme Hunter Pictures/Meta Film London
Joe (Jonathan Pryce) erhält den Anruf aus Stockholm, Joans (Glenn Close) Anteil an dieser Auszeichnu­ng ist größer als es die Öffentlich­keit weiß. Foto: Graeme Hunter Pictures/Meta Film London

Newspapers in German

Newspapers from Germany