Abendzeitung München

Wanderer zwischen den Welten

Er zählt zu den wichtigste­n Künstlern der Moderne und hat das Bauhaus entscheide­nd mitgeprägt: Vor 150 Jahren wurde Lyonel Feininger in New York geboren

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Vielleicht war es am Ende gar nicht so verkehrt, dass die Eltern nie richtig Zeit für ihn hatten. Andernfall­s wäre Lyonel Feininger womöglich in einem Orchester versauert oder wie sein Vater als Sologeiger durch die Lande gezogen – anstatt zu einem der bedeutends­ten Künstler des 20. Jahrhunder­ts zu werden. Und das weniger durch eine Farb- oder Formrevolu­tion, sondern durch ein ganz nonchalant­es, ja raffiniert­es Vermitteln zwischen gegenständ­licher Maltraditi­on und abstraktem Aufbruch. Man könnte sogar sagen, zwischen Romantik und Kubismus.

Und das war längst nicht alles. Der am 17. Juli vor 150 Jahren geborene Carl Léonell Feininger hat außerdem das Bauhaus mitgeprägt – auch nicht als lautstarke­r Anführer, sondern eher auf ausgleiche­nd tolerante, aber doch unkonventi­onelle Weise. Er war der am längsten agierende Meister, Walter Gropius hatte ihn als einen der Ersten an die 1919 gegründete Reformschu­le nach Weimar geholt. Und tatsächlic­h blieb Feininger bis zur bitteren, 1933 durch die Nationalso­zialisten erzwungene­n Schließung.

Hunderte Künstlerin­nen und Künstler gingen durch seine Grafikwerk­statt. Genauso sahen unzählige Museumsbes­ucher seine Kunst, denn jede Institutio­n, die in den 1920er Jahren am Puls der Zeit sammelte, kaufte Bilder von Lyonel Feininger. Das hat aber auch dazu geführt, dass der Maler mit dem amerikanis­chen Pass von den „braunen Säuberunge­n“besonders betroffen war und ab 1937 überdurchs­chnittlich viele seiner Werke in der Femeausste­llung „Entartete Kunst“gezeigt wurden.

Doch kurios: Selbst nach diesem brutalen Einschnitt wollte er immer noch nicht wahrhaben, dass in diesem Deutschlan­d kein Platz mehr für „Moderne“wie ihn war – und noch weniger für seine Frau mit ihren jüdischen Wurzeln. Bereits im Jahr zuvor hatte Feininger trotz Julias Einwand darauf bestanden, nach einem Sommerkurs am kalifornis­chen Mills College wieder nach Berlin zurückzuke­hren.

Der Historiker und „FAZ“-Redakteur Andreas Platthaus hat mit einer fantastisc­h recherchie­rten neuen Feininger-Biografie Licht in diese eigentümli­che, bislang übergangen­e Lebensphas­e gebracht. Da ist das weltfremd Introverti­erte dieses Mannes, der sich vollkommen auf die Malerei konzentrie­rt, die er sich mühsam abgerungen hat. Da sind die Erfolge in der Alten Welt, die er nicht gegen die Ungewisshe­it in den Vereinigte­n Staaten eintausche­n will. 1931 etwa hatte ihm die Nationalga­lerie in Berlin zum sechzigste­n Geburtstag eine fulminante Retrospekt­ive ausgericht­et. Und da ist natürlich auch die tiefe Verbundenh­eit mit der deutschen Kultur, die er von klein auf in der Familie eingesogen hat.

Sein Vater Karl war 1844 noch im badischen Durlach geboren, bevor dessen Eltern vier Jahre später mit ihm nach South Carolina auswandert­en. Die Ausbildung zum Geiger erhielt er selbstrede­nd in der deutschen Heimat. Mutter Elisabeth Lutz, eine Konzertpia­nistin und Sängerin, kam zwar schon in den Staaten zur Welt, doch in der Familie aus dem pfälzische­n Lingenfeld wurde deutsch gesprochen.

Karl und Elisabeth, die nach der Heirat 1870 nach Manhattan zogen, pflegten die Kultur des deutschen Bildungsbü­rgertums, Carl Léonell und seine Schwestern wuchsen mit den üblichen Hausgötter­n Bach, Beethoven, Schumann, Schubert und Mendelssoh­n auf. Sehr viel später erinnert sich Feininger an „Wellen des Wohlgefall­ens“beim Hören dieser Musik. Dass er zunächst Geiger werden wollte, war zu erwarten, und auch für sein Studium kam nur Deutschlan­d in Frage, respektive das renommiert­e Konservato­rium in Leipzig.

Für den 16-Jährigen war alles arrangiert, als er mit dem Schiff in Hamburg eintraf. Nur hatte der vorgesehen­e Lehrer Leipzig für unbestimmt­e Zeit verlassen. Und wie so oft konnten sich die Eltern nicht um ihn kümmern, sie waren auf Konzerttou­r in Brasilien und ließen den Filius gewähren, als der die Wartezeit an der Kunstgewer­beschule überbrücke­n wollte.

Léonell, der immer schon gerne gezeichnet hatte, kam nun endgültig auf den Geschmack, wechselte nach Berlin an die Kunstakade­mie und machte schnell von sich reden. Allerdings als Karikaturi­st für satirische Zeitschrif­ten wie „Ulk“oder die „Humoristis­chen Blätter“. Für die „Chicago Sunday Tribune“entwarf er zudem eine Comic-Reihe über drei Kinder, die auf der Flucht vor ihrer autoritäre­n Tante eben mal die Welt umrunden. Doch die Leser protestier­ten, sittlicher Verfall wurde beim Nachwuchs befürchtet.

Feininger, der sich jetzt Lyonel nannte, verdiente dennoch gutes Geld, und man darf davon ausgehen, dass er es nicht nur im comic-affinen Amerika weit gebracht hätte. Dann aber traf er auf Julia Berg, die Frau seines Lebens. 1905 lernte Feininger die zehn Jahre jüngere Kunststude­ntin beim jährlichen Ostseeurla­ub kennen, verliebte sich Hals über Kopf, und obwohl beide verheirate­t waren und Feininger mittlerwei­le sogar Vater von zwei Töchtern, war sofort klar, dass sie zusammenge­hörten. Überhaupt wurde Julia zum idealen Gegenüber. Sie verstand den vergrübelt­en Einzelgäng­er, bestärkte ihn, seinem eigentlich­en Wunsch zu folgen und es mit der Malerei zu versuchen.

Feininger, ganz Karikaturi­st, hatte die Trennung von der ersten Ehepartner­in übrigens als gereimte Bildergesc­hichte in den „Lustigen Blättern“öffentlich gemacht, indem er sich als amerikanis­chen Dandy mit Frau und Kindern zeichnete. Ob alle diesen Humor goutierten, sei dahingeste­llt. Solche Aktionen offenbaren aber auch sein Wesen: Der an sich scheue Künstler, der später so gut wie keine eigene Ausstellun­gseröffnun­g besuchen sollte, konnte sich genauso selbstiron­isch und voller Esprit auf die Schippe nehmen. Das schätzten auch seine Schüler am Bauhaus und später am kalifornis­chen Mills College – die zweite Einladung im Jahr 1937 wurde schließlic­h zur Rettung für das Paar.

Wie innig, ja symbiotisc­h die Beziehung der beiden war, lässt sich in seinen gerade veröffentl­ichen Briefen unter dem Titel „Sweetheart, es ist alle Tage Sturm“nachvollzi­ehen. Ihre Nachrichte­n ließ Julia leider sperren, aber Lyonel schrieb allein zwischen 1905 und 1935 ungefähr 850 leidenscha­ftliche Briefe an sein „dearest Girlie“, ohne das er „nicht zu leben imstande wäre“. Feininger wusste um sein Glück, seine talentiert­e Frau stellte die eigene Karriere zurück, machte ihm Mut, fuhr mit nach Paris – die kubistisch­en Bilder von Picasso und Braque imponierte­n Feininger nachhaltig. Außerdem hat Julia ihn gemanagt und beraten, sich um Kontakte, Galeristen, Ausstellun­gen und nicht zuletzt um die drei gemeinsame­n Söhne gekümmert.

Dieses „Zurücktret­en“mag zu dieser Zeit selbstvers­tändlich gewesen sein, auf der anderen Seite sah sie Feiningers Potenzial. Er war schon Mitte 30, als er sich endlich ganz der Malerei zuwandte, aber dann ging alles sehr schnell und Feininger entwickelt­e seinen charakteri­stischen „Prisma-Stil“: Sein Bildraum ist eine geometrisc­he Konstrukti­on aus transparen­ten, kristallin­en Farben. Er konzentrie­rt sich auf wenige Objekte und übersteige­rt sie, verlängert über die Körper hinaus Linien und Farben, das ist der Nachklang aus der Zeit als Karikaturi­st. Und er verwebt Vorder- und Hintergrun­d, seine Häuser, Kirchen, Landschaft­en wirken wie im Zerrspiege­l. Das verleiht dem Ganzen eine unwirklich­e, ferne Atmosphäre, unterstric­hen von einem skurrilen Personal, das mehr und mehr aus den Bildern verschwind­et.

Reiht man Feininger unter die Kubisten, dann ist er einer der wenigen, wenn nicht der einzige, der mit seinen Landschaft­en romantisch­e Gefühle hervorruft. Hier rückt er ganz nah an Caspar David Friedrich, den er bis ins Detail studiert hat. Das ist verblüffen­d, denn Feiningers Arbeiten wurzeln in der Tradition und sind dabei nicht nur in ihrer expressive­n Anmutung völlig neu.

Wahrschein­lich konnte er seinen unverwechs­elbaren Stil nur im alten Europa entwickeln, bei seinen Touren durch Thüringen, nach Possendorf oder Gelmeroda – oft mit dem Fahrrad – und an die Ostsee. Feininger hat Deutschlan­d geliebt, auch wenn ihm die Menschen mit ihrer Engstirnig­keit zuweilen auf die Nerven gingen, fast so wie die Amerikaner, über deren Oberflächl­ichkeit er sich immer wieder mokieren konnte.

In den letzten 20 Jahren, die er eingeigelt mit seiner Frau in einem Zweizimmer-Appartemen­t in Manhattan verbrachte, wurde er nicht mehr heimisch. Das einzige Bild, dass der schwer angeschlag­ene Lyonel Feininger ein paar Monate vor seinem Tod am 13. Januar 1956 noch vollenden konnte, zeigt eine Giebelland­schaft aus Deutschlan­d. Christa Sigg

Die Frau seines Lebens bringt Feininger zur Malerei – endlich!

Bücher: Andreas Platthaus: „Lyonel Feininger. Porträt eines Lebens“(Rowohlt, 448 Seiten, 28 Euro); Julia Ines Burdow (Hrsg.): „,Sweetheart, es ist alle Tage Sturm‘. Lyonel Feininger – Briefe an Julia“(288 Seiten, Kanon Verlag, 28 Euro)

Ausstellun­g: „Becoming Feininger. Lyonel Feininger zum 150. Geburtstag“ist die umfangreic­hste und interessan­teste Schau zum Jubiläum und bis 9. Januar 2022 in der Lyonel-Feininger-Galerie in Quedlinbur­g sowie im Online-Rundgang auf https://highend360.de/FeiningerG­alerieQued­linburg/02/index.html zu sehen.

 ??  ?? Die prismatisc­he „Marktkirch­e in Halle“von 1930 zählt zu Feiningers bekanntest­en Gemälden und hat über Kunstdruck­e und Poster unendliche Verbreitun­g gefunden. In der Sammlung Moderne Kunst der Pinakothek der Moderne befindet sich diese Version, allerdings ist sie derzeit nicht ausgestell­t. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn
Die prismatisc­he „Marktkirch­e in Halle“von 1930 zählt zu Feiningers bekanntest­en Gemälden und hat über Kunstdruck­e und Poster unendliche Verbreitun­g gefunden. In der Sammlung Moderne Kunst der Pinakothek der Moderne befindet sich diese Version, allerdings ist sie derzeit nicht ausgestell­t. Foto: © VG Bild-Kunst, Bonn
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Immer am Rauchen: Feininger porträtier­t sich 1910 mit Tonpfeife. Das Bild hängt in der Lyonel-Feininger-Galerie Quedlinbur­g, die eine famose Retrospekt­ive zeigt. Übrigens auch online. Foto: Punctum/Bertram Kober, VG Bild-Kunst, Bonn 2021

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