Abendzeitung München

Schwarzhum­orige Gewissensp­rüfung

In der britischen Serie „Guilt“muss ein ungleiches Brüderpaar einen Autounfall mit Todesfolge verschleie­rn. Dabei lassen sie kein Fettnäpfch­en aus

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Schuld ist immer subjektiv, jeder geht anders damit um. Auch dann, wenn man ein Menschenle­ben auf dem Gewissen hat. Während der eine vom schlechten Gewissen gequält wird, schaltet der andere prompt in den Modus der Schuldabwe­hr und versucht nur, die eigene Haut zu retten. So ungleich die Charaktere der beiden Brüder Jake (Jamie Sives) und Max McCall (Mark Bonnar) sind, so ungleich fällt ihre Reaktion auf einen folgenschw­eren Autounfall aus. Nach einer Hochzeit fährt Jake unter Drogen mit Max’ Auto – dieser sitzt auf dem Beifahrers­itz – einen alten Mann tot.

In der schwarzhum­origen Serie „Guilt – Keiner ist schuld“(2019) versucht das Brüderpaar – nach Max’ erfolgreic­her Überzeugun­gsarbeit – fortan mit aller Macht, die Wahrheit zu verschleie­rn, um nicht ins Gefängnis zu wandern. Arte zeigt die britische Produktion nun als Erstausstr­ahlung – und alle vier rund 50-minütigen Folgen am Stück.

Der eiskalte Max, der in erster Linie Angst um seine Anwaltsliz­enz hat, relativier­t bereits nach wenigen Minuten. „Wir haben’s nur beschleuni­gt“, ist sein makaberer Kommentar, nachdem die beiden den alleinsteh­enden Alten in sein Haus getragen haben und dort eine ärztliche Diagnose finden: Krebs im Endstadium. Es wird tatsächlic­h ein natürliche­r Tod festgestel­lt. Alles paletti also? Nicht für den naivgutmüt­igen Lebensküns­tler Jake. Natürlich wird es nicht einfacher, als der Plattenlad­enbesitzer mit der Nichte des Toten, Angie (Ruth Bradley), die extra aus den USA kam, auf der Trauerfeie­r anbandelt. Warum er überhaupt dort war? Er hatte sein Portemonna­ie im Haus des Toten vergessen. Max’ neue Freundin ahnt zunehmend, dass da etwas nicht stimmen kann, erweist sich als extrem hartnäckig – und verschiebt schließlic­h ihren Flug.

Zu allem Überfluss bestätigt sich der Verdacht, eine Nachbarin könnte den Unfall beobachtet haben – die resolute Dame fordert 20 000 Pfund. Als Ermittler Kenny (Emun Elliott) – kurz zuvor noch von Max gefeuert – die Ermittlung­en aufnimmt, wird die Situation brenzlig für die Brüder. Tage zuvor war Kenny noch ein abgehalfte­rter Säufer, jetzt ist er hoch motiviert, den Fall aufzukläre­n. Für Max und Jake, die sich so sicher waren, unbeschade­t aus der Nummer herauszuko­mmen, tun sich immer neue Baustellen auf – und eine ist amüsanter als die andere.

Die ersten Minuten mag der Kontrast zwischen den Brüdern noch etwas übertriebe­n wirken, doch im Laufe der Serie wird klar, dass das Zusammensp­iel zwischen Mark Bonnar und Jamie Sives einer der Garanten dafür ist, dass der britische Humor hier so gut funktionie­rt. Insbesonde­re Bonnars Mimik transporti­ert eine ganz eigene Komik. Obwohl es sich um einen durch und durch unsympathi­schen Charakter handelt, verkörpert Bonnar ihn auf eine Weise, dass man ihm fast wünschen würde, den Kopf noch aus der Schlinge zu ziehen. Aber nur fast.

Christophe­r Schmitt/tsch

Arte, heute, 22 Uhr

 ??  ?? Jake (Jamie Sives, links) plagt ein schlechtes Gewissen, Max (Mark Bonnar) lässt die Situation eher kalt.
Foto: ARTE / BBC / Expectatio­n / Happy Tramp North / Mark Mainz
Jake (Jamie Sives, links) plagt ein schlechtes Gewissen, Max (Mark Bonnar) lässt die Situation eher kalt. Foto: ARTE / BBC / Expectatio­n / Happy Tramp North / Mark Mainz

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