Abendzeitung München

Russland lässt den Gashahn zu

Die Großhandel­spreise für den Rohstoff steigen und steigen. Keine guten Nachrichte­n für Verbrauche­r und Besserung ist nicht in Sicht. Grund ist russischer Druck wegen der umstritten­en „Nord Stream 2“

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Annähernd jeder zweite Haushalt in Deutschlan­d beheizt seine Wohnung mit Gas. Das könnte diesen Winter teurer werden, denn die Großhandel­spreise für Erdgas sind seit Monaten auf einem Höhenflug. Oft bekommen die Verbrauche­r das bereits zu spüren. Nach Angaben des Vergleichs­portals Check24 hätten 50 Gasgrundve­rsorger Preiserhöh­ungen angekündig­t. Endverbrau­cher müssen mit einem zusätzlich­en dreistelli­gen Betrag rechnen.

Gas ist auf den Energiemär­kten ein knappes Gut geworden. Die Einfuhrpre­ise sind allein von Januar bis Juli um 42 Prozent gestiegen. An den Spotmärkte­n haben sich die Preise seit Jahresbegi­nn sogar mehr als verdoppelt.

Ein Grund ist, dass die hiesigen Speicher verhältnis­mäßig leer sind. Aktuell sind sie zu weniger als zwei Dritteln gefüllt. Vor einem Jahr betrug der Füllstand gut 94 Prozent. Neben Wartungsar­beiten führt RWE unter anderem das Auslaufen der Gasprodukt­ion in den Niederland­en an.

Oliver Krischer, Fraktionsv­ize der Grünen im Bundestag, hat eine brisantere Erklärung: „Die Situation bei den leeren Gazprom-Speichern in Deutschlan­d und Europa dürfte bewusst herbeigefü­hrt worden sein“, vermutet er. Der russische Staatskonz­ern betreibt über eine Tochterfir­ma unter anderem den Speicher im niedersäch­sischen Rehden, der mit einem Volumen von vier Milliarden Kubikmeter­n einer der größten in Europa ist. Zuletzt wies er einen Füllstand von weniger als fünf Prozent aus. Deutschlan­d rutsche damit „in eine Situation mit Erpressung­spotenzial“, warnt Krischer mit Blick auf das Genehmigun­gsverfahre­n für die Ostsee-Pipeline Nord Stream 2.

Und der russische Regierungs­sprecher Dmitri Peskow unterfütte­rte diese These vergangene Woche: „Ohne jeden Zweifel würde die schnellstm­ögliche Inbetriebn­ahme von Nord Stream 2 die Gaspreise in Europa signifikan­t ins Gleichgewi­cht bringen.“Dabei gäbe es an und für sich genug Transportk­apazitäten, etwa durch das bisherige Transitlan­d Ukraine, nur pocht Russland eben auf die Inbetriebn­ahme der neuen Pipeline. Das liegt aber nicht allein in deutscher Hand, sondern bei der EUKommissi­on. Dass die da mitspiele, bezweifelt Krischer.

„Putin und Gazprom ausgeliefe­rt zu sein, ist kein gutes Gefühl. Wirtschaft­sminister Altmaier und Vizekanzle­r Scholz müssen jetzt alles unternehme­n, dass Gazprom seine deutschen Speicher auffüllt. Alles andere ist grob fahrlässig“, fordert Kirscher.

Für die Verbrauche­r heißt es so oder so: Es wird ein teurer Winter. Claus Haffert

Thomas Stöppler

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Foto: dpa
Die Pipeline ist längst fertig gebaut, aber noch nicht in Betrieb. Foto: dpa

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