Abendzeitung München

Die Abhäutunge­n des Lebens

Skalp der Erinnerung: Die „Metamorpho­sen“der Schweizer Künstlerin Heidi Bucher beeindruck­en jetzt im Haus der Kunst

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Wie überdimens­ionierte Skalps und abgezogene Tierhäute hängen große bräunliche Tücher von Decke und Wänden in der Ost-Halle im Haus der Kunst. Sie sind martialisc­h und fragil zugleich und wirken im Rahmen der NS-Architektu­r ebenso subtil wie unheimlich.

„Bodenhäute“nannte die Schweizeri­n Heidi Bucher (1926-1993) die textilen Abformunge­n von Wänden und Böden aus dem „Ahnenhaus“(1980-82) ihrer Großeltern.

Mit der Ausstellun­g „Metamorpho­sen“holt das Haus der Kunst nun eine Künstlerin zurück in die Erinnerung, deren sehr eigenständ­iges Schaffen in der Rückschau umso avantgardi­stischer wirkt.

Jana Baumann kuratierte die Retrospekt­ive mit rund 150 Werken, die in Kooperatio­n mit dem Kunstmuseu­m Bern und dem Muzeum Susch entstand. Im Haus der Kunst wolle man nun, wie der künstleris­che Direktor Andrea Lissoni betonte, vermehrt „andere Geschichte­n“, außerhalb des Kunstgesch­ichts-Kanons, erzählen.

Heidi Bucher studierte zunächst Mode und Textildesi­gn in Zürich u.a. bei den Bauhaus- Größen Johannes Itten und Max Bill, und ging 1970 mit ihrem Ehemann nach Kanada und später Kalifornie­n,

wo die Familie mit den beiden Söhnen bis zur Trennung 1973 lebte. Dort unterstütz­te sie die feministis­che Bewegung, setzte sich mit dem Werk von Eva Hesse auseinande­r und stand mit dem Environmen­t-Künstler Ed Kienholz in freundscha­ftlichem Austausch.

In Venice Beach entstand 1972 auch ihr erstes aktivierte­s Kunstwerk: Im Video wirken die vier „Bodyshells“, in denen Akteure stecken, wie die Fortentwic­klung von Schlemmers „Triadische­m Ballett“– eine Mischung aus stilisiert­en Ballkleide­rn, futuristis­chem Meeresgeti­er und tanzenden Geschlecht­sorganen. Auch eine Reaktion auf die damals dominieren­de Minimal-Kunst.

Die Neigung zu textilem Werkstoff wird, zurück in der

Heimat, grundlegen­d für ihre weitere Arbeit. Sie beginnt 1973 mit Einbalsami­erungen von Kleidungst­ücken. Der Körper selbst steht nur eine kurze Phase im Focus: In „Schlüpfakt der Parkettlib­elle“entpuppten sich 1983 fünf Frauen, in „Menhaut“1986 ein Mann. Stattdesse­n macht Bucher ganze Gebäude zum Objekt performati­ver Prozesse.

In materiell aufwändige­n, körperlich höchst anstrengen­den Akten: Tagelang wird die Architektu­r mit Gaze, Leim, Kautschuk oder Latex eingestric­hen, ehe ihr die Haut in einem fast schamanisc­h wirkenden Ritual buchstäbli­ch vom Leib gerissen wird. Dass sich dabei Holzsplitt­er und Oberfläche­n mit ablösen, betont die Schmerzhaf­tigkeit des Vorgangs noch mehr.

Diese Kunst ist der performati­ve Versuch, etwas zu begreifen, das man nicht direkt sehen kann: Die abgezogene Haut ist Träger der Erinnerung. Und die „Häutung“auch eine Selbstermä­chtigung: Wenn Bucher etwa im Elternhaus das „Herrenzimm­er“(1978), das ihrem Vater vorbehalte­n war, „abhäutete“.

Darüber hinaus gibt es eine proaktive und durchaus brutale Auseinande­rsetzung mit in der Architektu­r manifest gewordenen, überkommen­en Machtstruk­turen: Etwa auch im „Audienzzim­mer des Doktor Binswanger“(1988) im leerstehen­den Sanatorium Bellevue in Kreuzlinge­n, wo der Psychiater einst bei der späteren Frauenrech­tlerin Bertha Pappenheim „Hysterie“diagnostiz­ierte.

Da die Künstlerin dabei von Anfang an auf die filmische Begleitung ihrer bewusst für die Kamera inszeniert­en Performanc­es setzte, kann man in der Ausstellun­g einige gut auf der Leinwand beobachten. Wie Heidi Bucher da mit voller Wucht an den gewaltigen Stoffund-Latex-Bahnen zerrt, um schließlic­h selbst darunter zu verschwind­en und wie ein Gespenst in den gehäuteten Räumen zu wandeln, das bietet einige Slapstick-Momente. Doch auch die magisch-archaische Wirkung dieser metaphysis­chen Kraftakte wird umso deutlicher. Roberta De Righi

Haus der Kunst, Prinzregen­tenstraße 1, bis 13. Februar 2022; Mo/Mi/So 10 bis 18, Do 10 bis 22, Fr/Sa 10 bis 20 Uhr; Führungen am 23. (19 Uhr) und 25. September (16 Uhr)

 ??  ?? Heidi Bucher im Jahr 1978 beim Häutungspr­ozess des „Herrenzimm­ers“ihres Vaters.
Foto: Hans Peter Siffert/©The Estate of Heidi Bucher
Heidi Bucher im Jahr 1978 beim Häutungspr­ozess des „Herrenzimm­ers“ihres Vaters. Foto: Hans Peter Siffert/©The Estate of Heidi Bucher

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