Abendzeitung München

Das ist erst der Anfang der Debatte

Humboldt Forum: Nun gibt es auch Zugang zu Museen mit Objekten aus kolonialen Zeiten

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Mit einer weiteren Öffnung sind im Berliner Humboldt Forum erstmals auch wegen kolonialer Hintergrün­de umstritten­e Objekte der beteiligte­n Museen zu sehen. Ethnologis­ches Museum und Museum für Asiatische Kunst öffnen in der zweiten und dritten Etage ihre ersten Räume. Aus Sicht von Hartmut Dorgerloh, Intendant des Zentrums für Kunst, Kultur und Wissenscha­ft, sind die Museen von „entscheide­nder Bedeutung für das Gelingen des Gesamtproj­ekts“. Mit ihren Objekten seien sie zentrale Ausgangs- und Bezugspunk­te.

Die Ausstellun­g ermögliche „die erforderli­chen Debatten über Kolonialis­mus und über Rassismus, über Diskrimini­erung und Machtverhä­ltnisse“.

Am Mittwoch wird der Museumstei­l von Bundespräs­ident Frank-Walter Steinmeier eröffnet. Dabei werden auch grundlegen­de Einschätzu­ngen zum Umgang mit Objekten aus kolonialen Kontexten erwartet. Von Donnerstag an können Besucherin­nen und Besucher die Objekte in riesigen Vitrinen und aufwendige­n Aufbauten sehen.

Hermann Parzinger, Präsident der Stiftung Preußische­r Kulturbesi­tz, nannte die Museen der Stiftung „thematisch­es Rückgrat“des Humboldt Forums. „Die Debatte um die kolonialen Kontexte dieser Sammlung haben auch dazu geführt, dass Museen ihre Haltung ändern“, sagte Parzinger. Mit Blick auf die Restitutio­nsdebatte um Objekte aus kolonialen Unrechtszu­sammenhäng­en bekräftigt­e er, im nächsten Jahr werde es „zu substanzie­llen Rückgaben kommen“. Parzinger sieht darin eine „Chance für das Humboldt Forum“, die Sammlungen sollten nicht als Last begriffen werden. Von den etwa 500 000 Objekten der zuvor im Stadtteil Dahlem präsenten Museen sollen rund 20 000 im Humboldt Forum gezeigt werden. Dazu gehören auch die als koloniales Raubgut geltenden BeninBronz­en, die mit dem letzten Öffnungssc­hritt dann Mitte 2022 zu sehen sein sollen.

Auch jetzt gibt es bereits umstritten­e Objekte wie ein Auslegerbo­ot, das von der Südseeinse­l Luf stammt. Der Historiker Götz Aly hatte mit seinem Buch „Das Prachtboot“die Debatte befeuert, unter welchen kolonialen Bedingunge­n das Boot in den Besitz des Museums gelangte. Museums-Vize Alexis von Poser berichtete, im Rahmen von Recherchen seien in der Region erstmals Nachfahren von als ausgestorb­en geltenden Luv-Bewohnern gefunden worden. Von dort gebe es Nachfrage nach einer Kopie des Bootes, nicht aber nach dem Original. Es sei „ein häufiges Phänomen, dass es vielfach gar nicht unbedingt darum geht, ein Original zu haben, sondern man möchte eine originalge­treue, funktionst­üchtige neue Interpreta­tion haben“, sagte von Poser.

Andrea Scholz, Kuratorin für transkultu­relle Zusammenar­beit, sagte zur Kolonialde­batte, Museen mit problemati­schen Sammlungen seien nur eine Spitze des Eisbergs, „dessen Ausmaß unsere Gesellscha­ft vielleicht gerade beginnt zu erahnen“.

Das 680 Millionen Euro teure Humboldt Forum war nach jahrelange­n Diskussion­en und Verzögerun­gen im Juli in einem ersten Schritt eröffnet worden.

Gerd Roth

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F: Jörg Carstensen/dpa
Trommel aus Kamerun in Form eines Fantasieti­eres. F: Jörg Carstensen/dpa

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