Abendzeitung München

„Bayern in seiner ganzen Vielfalt“

Die Intendanti­n des Bayerische­n Rundfunks über Demokratie und Qualitätsj­ournalismu­s

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Vor fast einem Jahr wurde Katja Wildermuth am 22. Oktober 2020 vom Rundfunkra­t mit großer Mehrheit zur neuen Intendanti­n des Bayerische­n Rundfunks (BR) gewählt. Am 1. Februar trat die gelernte Fernsehjou­rnalistin und promoviert­e Historiker­in ihr neues Amt als Nachfolger­in von Ulrich Wilhelm an, der den Posten zehn Jahre innehatte. Anlässlich einer Tour zu den 30 neugeschaf­fenen Regionalst­udios des BR stattete Wildermuth nun auch unserem Verlagshau­s in Landshut einen Besuch ab. Ein Gespräch über Medienkonk­urrenz, Filterblas­en und die Zukunft des Fernsehens.

AZ: Frau Wildermuth, mit seiner „Regionalof­fensive“hat sich der BR auf das Terrain der Heimatzeit­ungen begeben. Sie sprachen in diesem Zusammenha­ng bereits von einer nötigen Zusammenar­beit von BR und Zeitungen – wie soll diese Zusammenar­beit aussehen? KATJA WILDERMUTH: Zunächst einmal möchte ich betonen, dass ich Lokaljourn­alismus und entspreche­nd die Lokalzeitu­ngen für unverzicht­bar halte. Weil ich sehe, dass wir in der Zeit, in der wir leben, Qualitätsj­ournalismu­s auf allen Ebenen dringend brauchen. Die BR-Regionalst­udios dagegen machen ja gerade keine Lokalberic­hterstattu­ng. Vielmehr sind wir auf der Suche nach Geschichte­n aus den unterschie­dlichen Regionen des Freistaats, die Strahlkraf­t und Relevanz für ganz Bayern haben und die wir entspreche­nd in unserem Programm für das gesamtbaye­rische Publikum aufbereite­n. Bayern in all seinen Regionen widerzuspi­egeln, ist Teil unseres Auftrags, aber auch ein Alleinstel­lungsmerkm­al des BR. Bayern ist ein großes Land, und wir wollen nicht als Münchner Rundfunk, sondern als Bayerische­r Rundfunk darüber berichten. Deshalb halte ich unsere breite Aufstellun­g in der Region für gut und wichtig. Was die Zusammenar­beit mit den Zeitungen betrifft, findet diese ja schon auf unterschie­dlichen Ebenen statt, beispielsw­eise im Rahmen von Recherche-Kooperatio­nen. Die Zeit eines Gegeneinan­ders ist für mich absolut vorbei. Wir müssen schauen, dass wir als Qualitätsj­ournaliste­n zusammenha­lten. Womit wir im selben Boot säßen – auf dem für so manchen wiederum „Mainstream-Medien“steht. Wie kann man dieser Skepsis gegenüber Journalism­us, die sich da in den verschiede­nsten Wahrnehmun­gsblasen gebildet hat, begegnen? Das Phänomen von Filterblas­en und Echokammer­n, das dazu führt, dass sich die Leute über soziale Medien und Suchmaschi­nen eine ständige Bestätigun­g ihrer Haltung holen, halte ich für eine große gesamtgese­llschaftli­che Herausford­erung. Wir erleben doch gerade das Phänomen, dass ein „Gefällt mir“wichtiger wird als ein „Stimmt“. Das ist gefährlich. Auch, weil es vielfach keine Bereitscha­ft mehr gibt, Brücken zu bauen und sich zu verständig­en. Die Rolle dieses Brückenbau­ers kommt dem Qualitätsj­ournalismu­s zu, bei uns Öffentlich-Rechtliche­n genauso wie bei den Verlagen. Durch sorgfältig recherchie­rten, faktenbasi­erten Journalism­us müssen wir eine Gesprächsg­rundlage schaffen, auf der Menschen noch miteinande­r diskutiere­n können. Es geht um Basis für demokratis­chen Diskurs.

Was aber, wenn dieser Anspruch als anmaßend und als Ausdruck einer elitären Haltung empfunden wird? Qualitätsj­ournalismu­s ist anspruchsv­oll – aber das ist nicht dasselbe wie elitär. Um unser deutsches Mediensyst­em beneidet uns die halbe Welt. Worauf wir immer wieder achten müssen, ist die saubere Trennung zwischen Bericht und Kommentar, wir müssen uns also im journalist­ischen Handwerk überprüfen. Und wenn ich mir unsere Angebote anschaue, kann ich auch keine „Bevormundu­ng“erkennen. Aber natürlich stellen wir fest, dass es in bestimmten Blasen eine Skepsis gegenüber Vertretern öffentlich­er Institutio­nen, des Staates oder auch des Medienbetr­iebs gibt...

Gegenüber dem „System“...

Ja, und da werden wir als öffentlich-rechtliche Medien dazugezähl­t. Aber das ist ein Narrativ, das sich festgesetz­t hat. Dabei wissen wir ganz genau: Der Staat sind wir, die Bürgerinne­n und Bürger unserer repräsenta­tiven Demokratie. Deshalb müssen gerade wir als Medien immer wieder den starken partizipat­iven Charakter unserer Demokratie aufzeigen, bei der jeder mitmachen kann. Ich kann verstehen, dass es Gruppierun­gen gibt, die mit einzelnen Berichten oder Kommentare­n nicht einverstan­den sind. Aber, nochmals: Wir versuchen jeden Tag durch unsere Reporterin­nen und Reporter vor Ort in Bayern die ganze Vielfalt von Kultur, Lebensentw­ürfen, Haltungen abzubilden. Trotz aller Augenhöhe: Die Öffentlich-Rechtliche­n haben auch einen Bildungsau­ftrag. Welche Rolle soll die Kultur in Zukunft vor 23 Uhr spielen? Die Kultur spielt jetzt schon eine große Rolle: In den Hörfunk-Kulturwell­en gerade des BR und neben dem BR-Fernsehen auch in den gemeinsame­n Kulturprog­rammen 3sat und Arte, die ebenfalls von ARD und ZDF mitgestalt­et werden. Wir

zudem unsere Inhalte ja längst nicht mehr nur zu festen Zeiten im klassische­n Fernsehen an – sondern rund um die Uhr im Digitalen, etwa der Mediathek. Gerade für den Kulturbere­ich gibt es eine große Fangemeind­e, die sehr gezielt im Netz nach Qualitätsa­ngeboten sucht. In der ARD-Audiothek gehören Hörspiele zu den gefragtest­en Inhalten, in der Mediathek funktionie­ren Dokumentar­filme prima. Was viele im Fernsehen früher vielleicht gar nicht gefunden haben, finden sie heute einfach online. Deshalb werden wir die Mediathek stärken, genauso wie die digitale BR-„KulturBühn­e“– ein Portal, das wir zu Beginn der Corona-Krise gestartet haben, um Kulturange­bote von Theater bis Literatur lebendig zu halten und Kulturscha­ffenden weiter Auftrittsm­öglichkeit­en zu bieten. Sozusagen als Fenster zur bayerische­n Kultur. Auch dafür entwickeln wir gerade neue Formate.

Das heißt: Kulturinte­ressierte müssen in der Mediathek suchen?

Die Mediathek ist ja kein dunkler Keller, in den man gezwungen wird, hinabzuste­igen. Die Hälfte der Unter-50-Jährigen bevorzugt längst und regelmäßig Mediatheke­n, schaut also immer weniger nach vorgegeben­em Fernsehpro­gramm. Ich würde an dieser Stelle also dem Hilfsverb „müssen“widersprec­hen. Stattdesse­n wird aktiv gesucht. Es wird immer lineares Programm geben, auch, weil das ja für viele Menschen den Tag strukturie­rt. Die Zukunft aber ist die zeitsouver­äne Nutzung in den Mediatheke­n. Wenn man Inhalte gezielt ansteuert, bekommen sie eine andere Aufmerksam­keit und Wertigkeit.

Sie haben eine Riesenchan­ce bekommen, was das Thema Online betrifft. Die Zeitungen kämpfen auf dem Onlinemark­t um Preismodel­le. Bei Ihnen ist es durch den Rundfunkbe­itrag völlig egal, wie etwas ausgespiel­t wird.

Um relevant zu bleiben, müsdie sen wir mit unseren Angeboten dort zu finden sein, wo Menschen Medien nutzen, also gerade auch online und mobil mit unseren Mediatheke­n. Und was den Rundfunkbe­itrag betrifft: Ökonomisch unabhängig­er Journalism­us auf diesem hohen Niveau ist ein öffentlich­es Gut, an dem alle teilhaben. Das ist ein Nutzen für die gesamte Gesellscha­ft und die Basis, auf der ein demokratis­cher Diskurs stattfinde­n kann. Deswegen ist der öffentlich­rechtliche Rundfunk vom Gesetzgebe­r mit einer unabhängig­en Finanzieru­ng ausgestatt­et worden. Weil es wichtig ist, dass alle Menschen freien Zugang zu Informatio­n, Bildung, Kultur und hochwertig­er Unterhaltu­ng haben, dass es kein Luxus ist. Und wir können dadurch auch Themen und Recherchen anbieten, die ansonsten zu marktüblic­hen Bedinbiete­n gungen nur schwer anzubieten wären, gerade aus dem Kulturbere­ich.

Noch ein Wort zum Thema „Diversity“. In welchem Maß ist die vielfältig­er werdende Gesellscha­ft für die Struktur des BR von Belang?

Wir merken doch alle, dass sich unsere Gesellscha­ft immer mehr ausdiffere­nziert. Wenn wir die Aufgabe haben, Brücken für den demokratis­chen Diskurs zu bauen, dann müssen wir diese Vielfalt auch intern abbilden. Denn nur ein vielfältig­es Personal kann auch ein vielfältig­es Programm machen. Das ist eine Aufgabe, der wir uns, genauso wie viele andere Organisati­onen und Institutio­nen, immer mehr stellen müssen. Ich halte das nicht für ein Modethema, sondern für eine große Notwendigk­eit.

Martin Balle, Katrin Filler, Uli Karg

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Foto: Christine Vinçon
Die BR-Intendanti­n Katja Wildermuth. Foto: Christine Vinçon

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